Unwellness (1): Eintritt nur für Weiße

Die Tage werden kürzer, die Umnachtung greift um sich, der Regen wird im Gleichtakt mit den Worten kälter, die Zwangsneurose eskaliert, und kaum jemand schreit auf. Herbst 2021: Deutschland hat Corona ganz neu für sich entdeckt.

Würde mich nicht wundern, wenn die Amtskirchen inzwischen für die Rettung der Seelen gottloser Ungeimpfter beten ließen. Und alle Gläubigen stimmen inbrünstig ein.

Kleinigkeiten, die kaum auffallen, aber dann doch Gänsehaut machen. Im Discounter läuft am Martinsabend eine neue, hyperfresh fröhliche Kundendurchsage auf Dauerschleife, natürlich im Duz-Modus des neosozialistischen Kollektivs: „Damit wir auch diese neue Situation gut bestehen, nehmt bitte Rücksicht und haltet einen Abstand von mindestens …“ – Mit „diese neue Situation“ ist unausgesprochen gemeint: vierte Welle, Killerwelle, Monsterwelle. Sie hatten die Tonaufnahme offenbar schon in den vergangenen Wochen professionell vorproduziert und für den Tag X auf Halde gelegt. Nun haben wir also die absehbar „neue Situation“. Den Kunden im Laden nicht durch das C-Wort die Kauflaune verderben, ihnen aber trotzdem subtil Angstdruck machen: Formulierungskunst auf hohem Niveau. Bonusvorteil: Wenn als nächstes die XY-Pandemie kommt, passt die Durchsage immer noch. Das spart Kosten.

Eine hübsch subversive Aktion fände ich, wenn jemand Sticker drucken würde, auf denen „Eintritt nur für Weiße“ steht. Diese Sticker würden dann an alle Schaufenster und Türen von Läden geklebt, die eine „2G“-Einlassbeschränkung plakatiert haben. Aber ich glaube nicht, dass die Parallele dort verstanden würde.

Ein Minister, dessen Namen ich verdränge, hat dieser Tage gefordert, man solle „den Mut haben“, bundesweit 2G einzuführen. Bald wird er erkennen, dass er gar keinen Mut benötigte, um sein Gewissen zu vergewaltigen.

Es war ein Moment der Schwäche, dass ich die Minister-Headline in irgendeinem Qualitätsmedium wahrnahm, bevor ich die Buchstaben ausblenden konnte. Eine andere Zeitung, führendes Lokalblatt, titelte neulich: Erleben wir eine Tyrannei der Ungeimpften? Als Frage, um juristisch unangreifbar zu sein und trotzdem die Clicks zu kriegen. Man hielt mir das überraschend vor die Nase, sonst wäre ich gewappnet gewesen. Ich werde aber immer besser darin, deutsche Medien vollumfänglich zu ignorieren. Es geht schlichtweg nicht mehr, sie verursachen mir körperliche Abwehrsymptome. Werde ich später alles in Archiven nachlesen, wenn die Zeiten wieder normal geworden sind, um mir aus sicherer Warte einen wohligen Gruselschauer über den Rücken jagen zu lassen. Bis dahin ist Ausblenden die gesündeste Strategie, sage ich als gelernter Journalist.

Ein weiterer Politiker, dessen Namen ich verdränge, „warnte“ vor einer Radikalisierung der Ungeimpften. Jemandem wieder und wieder ins Gesicht spucken, und wenn er dann auch bloß zuckt, rufen: Seht ihr, er hat sich radikalisiert!

Wenn man es schafft, die Emotionen aus dem Spiel zu lassen, registriert man genauer, wie das Eskalations-Uhrwerk runtertickt. Zunächst verschwinden die auserkorenen Opfer, Träger eines sie gemeinsam charakterisierenden Merkmals, Schritt für Schritt und Zeitungskommentar für Zeitungskommentar aus dem öffentlichen Leben. Es muss erst gelernt werden, wie gefährlich sie für die Gesellschaft sind. Verbot hier, Verhöhnung dort, Ächtung hier, Strafe dort: eine totalitäre Maßnahme immer ein wenig drastischer und zugleich normalisierter als die vorhergehende. So scheint das Alltagsleben lange Zeit normal weiterzugehen – wenn man zur normalen Gruppe gehört. Für die unnormale ist jede weitere öffentlich begrüßte Verschärfung ein weiterer Stich ins Herz. Die Frage ist, wann die reale physische Gewalt kommt, erst nach oder schon vor der Markierung. Die Markierung ist der letzte, offensichtliche Beweis: Der da ist einer von denen. Der verdient es nicht anders.

Dass es keinen Widerstand auf der einen und kein Unrechtsbewusstsein auf der anderen Seite gibt, ist zu meiner eigenen Überraschung nicht in erster Linie erschreckend, sondern mehr noch faszinierend: als Kulturphänomen. Nachbar Dänemark ist 150 Kilometer entfernt, Nachbar Frankreich vielleicht 500. Die Menschen sind biochemisch identisch mit uns. Welches Wunder geschieht an den Grenzen der Welten, die dazwischen liegen?

Eine Impfung, umständehalber überstürzt entwickelt und nie adäquat erprobt, die weder die theoretisch längst erreichte Herdenimmunität noch auch nur annähernd den versprochenen Grad individuellen Schutzes bietet. Eine Impfung, die häufige und nach zahlreichen Berichten bisweilen lebensbedrohliche bis tödliche Nebenwirkungen zeitigt. Eine Impfung, für deren gesundheitsgefährdende Folgen die produzierenden Pharmakonzerne wohlweißlich jede Haftung in den Verträgen ausgeschlossen haben. Eine Impfung, der Geimpfte trotzdem religiös vertrauen und die sie als persönlichen Rechtschaffenheits-Ausweis ansehen, sich trotz Doppelimpfung anschließend zu Tausenden infizieren, obwohl sie in ihren Clubs und Stadien und Kneipen und demnächst Büros ganz unter sich bleiben, um dann andere Durchgeimpfte nicht selten trotzdem schwerkrank werden zu sehen und sich zur Vorsorge gegen dieses Risiko als nächstes „boostern“ zu lassen und trotz alledem zu sagen: Die Ungeimpften sind die Irren. Es ist ein hochneurotisches Kollektivverhalten, manifestiert als Projektion. Dieses Land ist ernsthaft krank. Seriously unwell. Bloß anders, als es denkt.

Das Horror-Szenario von „Zeit“ und „Spiegel“: Menschen, die ohne Vakzin angstfrei weiterleben.

Reinkommen, potenziell ansteckend sein. Sich an den Tisch setzen, nicht potenziell ansteckend sein. Aufstehen, zur Toilette gehen, potenziell ansteckend sein. Sich wieder hinsetzen, nicht potenziell ansteckend sein. Zahlen, zur Ausgangstür gehen, potenziell ansteckend sein. Auf die Staße treten, nicht potenziell ansteckend sein. Maskenpflicht in Deutschland.

Neulich im ICE nach Berlin geschäftsmäßig geleierte Durchsage des Bahnpersonals: „Wir heißen Sie im Bordrestaurant herzlich willkommen – wenn sie der 2G-Regel entsprechen.“ Selten war das Wort „herzlich“ verlogener als in diesem Satz. Wenige Minuten später: „Bitte beachten Sie, dass Sie in diesem Zug eine medizinische Maske tragen müssen. In Berlin ist das Tragen einer FFP2-Maske gesetzlich vorgeschrieben.“ Ich hoffte dann, das Überfahren der Stadtgrenze von Berlin daran zu bemerken, dass alle Deutschen im Wagen simultan die Maske wechseln.

Natürlich wird der Lockdown schon sehr bald kommen, vielleicht nur für die Ungeimpften. Besonders den ohnehin schon unaufholbar weit zurückgefallenen männlichen Schülern wird die Rückkehr zur Illusion des „Home-Schooling“ den Rest geben. Viele problemlos arbeitsfähige Berufstätige ohne Möglichkeit des „Home-Office“ werden (erneut) ihre Existenz verlieren. Wieder werden sich Menschen in ihrer Isolierung umbringen. Ich rechne aber mit einem Ende dieser Zwangsmaßnahme noch im April. Dann wird die neue Regierung von einem deutlichen Fortschritt gegenüber dem Jahr 2021 sprechen können.

Immer noch das Irrste: erwachsene Menschen, die beim Waldspaziergang FFP2-Schnäbel tragen. Und sie zwischendurch nur kurz zum Rauchen absetzen.

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2 Kommentare

  1. Guter Text, dessen Fragmente Tiefenschärfe erzeugen. Auch die niedlichen Rettungswägelchen trennen die einzelnen Absätze wie Handkantenschläge.

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