Unwellness (6): Endlich Verbotsweltmeister

Der Ritt auf der vierten Welle des neuen deutschen Totalitarismus – aktuelle Skizzen aus einem kranken Land
Gekommen, um zu bleiben: Deutschlands letzte Wachstumsbranche hat sich etabliert.
(Hinweisschild an den Hamburger Landungsbrücken)

Sorry, ich wollte heute wirklich nicht schon wieder eine Folge dieser deprimierenden Serie abliefern, aber gestern war ich in der Elbphilharmonie … – Moment, herrscht denn dort nicht 2G mit Pluszeichen? – Schon, aber das ist für mich kein Problem, ich bin ja geimpft. Geht Sie zwar rein gar nichts an, aber ich muss es an dieser Stelle wohl trotzdem offenlegen, sonst klänge das mit der Elbphilharmonie ja allzu abenteuerlich. Lieber würde ich von mir behaupten, dass ich erst staatsvergewaltigt werden musste, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Beziehungsweise vermutlich wäre es mittlerweile sogar die ganze Wahrheit, denn ohne Impfung könnte ich als „freier“ Journalist kaum noch arbeiten (dazu unten mehr) und dürfte hier in Hamburg auch nicht mehr spontan U-Bahn und Bus fahren oder auch nur Socken kaufen. Aber die wahrlich ganze Wahrheit ist: Im November/Dezember ließ ich mich, früher als vom zermürbenden Staatsterror erzwungen, doppelimpfen. Denn jemand, der deutlich jünger ist als ich und dessen Wahrnehmung ich vertraue, hatte sehr eindringlich und wiederholt von seiner Todesangst nach ungeimpfter Corona-Infektion berichtet. Tja. So läuft’s im Leben. Es geht ihm zum Glück gut.

Gestern also war ich in der Elbphilharmonie. Es gab ein wirklich gelungenes Jubiläumskonzert zum fünfjährigen Bestehen, und die Tickets waren sogar kostenlos, weil in der Lotterie gewonnen. Das Fernsehen war live dabei – und ebenso Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der es sich nicht nehmen ließ, ein paar einführende Worte an das mit uns Pfeffersäcken vollbesetzte Haus zu richten. Worauf man mich leider nicht vorbeitet hatte, wie ich an meinem zunehmend apokalyptischen Blutdruck merkte. Als er zu der Stelle kam, wo es ihm eine besondere Freude war, dass man dieses schöne Konzerthaus während dieser schrecklichen Virenwelle trotz aller Widrigkeiten habe offenhalten können, war ich ganz kurz davor, von meinem dazu wirklich sehr geeigneten Platz aus selbst ein paar einführende Worte zu brüllen. Zum Beispiel die Frage, ob dieser Heiland mit dem Arztkittel der göttlichen Unfehlbarkeit auch die Abertausenden Hamburger mitgezählt habe, denen dieses schöne Konzerthaus und noch einiges mehr keineswegs offensteht. Der Mediziner Tschentscher hatte nämlich mit Zahlen, die unter seiner politischen Verantwortung manipuliert wurden, eine „Pandemie der Ungeimpften“ erfunden und so legitimiert, all diese Menschen apartheidsmäßig vom öffentlichen Leben auszusperren. Auch weiterhin natürlich, trotz „Tschuldigung!“ von ihm für die kleine Datenpanne.

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Eilmeldung, 13. Januar, 12.58 Uhr: Tschentschers rotgrüner Senat hat die für Samstag geplante Maßnahmengegner-Demonstration in Hamburg fürsorglich verboten, um die bislang unbefallenen Bürger vor einer Infektion mit dem gefährlichen Virus zu bewahren. Und da ist natürlich was dran: Letzten Samstag hatte es nach offiziellen Angaben schon 14.000 erwischt, nach Schätzungen von Teilnehmern bis zu 30.000. Und Tschentscher weiß, dass es jetzt um ihn geht.

Rechnen Sie bitte zeitnah mit Ausgangssperren und Ausreiseverboten.

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Eilmeldung, 13. Januar, 13.01 Uhr: Die Gegendemonstration darf zeitgleich stattfinden. Rotgrün flattern die Beinkleider.

Diesen lustigen Vogel und Schildträger hier fotografierte Alexander Wendt von Publico im September 2019 bei einer noch vollkommen maskenfreien und distanzlosen Demonstration für „Klimaschutz“ (solche esoterischen Anliegen hatten einige damals). Der Fotografierte war entweder ein Prophet oder ein Agent oder hatte sehr, sehr gute Verbindungen nach ganz oben. Jedenfalls müsste er heute im siebten Himmel, also Staatssekretär im Gesundheitsministerium sein. Wie heißt das chinesische Sprichwort? „Bedenke, was du dir wünschst. Es könnte dir gewährt werden.“

Denn heute sieht es Tag für Tag bekanntlich so aus (siehe „Unwellness“ vom 7.1.):

Aber nach Wochen und Monaten müssen sie im Hamburger ARD-Studio kurz aus ihrer Erfüllungsgehilfen-Trance geschreckt sein. Denn dieser Tage veröffentlichte die ehrwürdige Universität Oxford eine Studie, wonach Deutschland mittlerweile die mit Abstand härtesten Corona-Verbotsmaßnahmen weltweit eingeführt hat (sog. „Stringency-Index“):

Was „uns“ international jetzt in kein besonders attraktives Licht setzt, wo „wir“ doch Kasachstan und Marokko (und übrigens auch China) beim Willkürstaatsgebaren auf die Plätze verweisen. Umgekehrt belegen „wir“ leider keineswegs den letzten Platz beim Ländervergleich der Sterblichkeit aufgrund/mit COVID-19. Mit anderen Worten: gemessen am erklärten Ziel eine komplett gescheiterte Strategie.

Jedenfalls war man bei der Tagesschau doch ein wenig verunsichert: Was? Wir in Deutschland? Am verbotsgeilsten? Kann denn das sein, in dieser liberalen und toleranten Laissez-faire-Gesellschaft, über deren vernunftbegrünte Politikblümchenwiese wir Abend für Abend berichten? Das müssen doch fake news sein! Wo sind die Faktenchecker? Ach, wir sind ja die Faktenchecker! Also checkte die Tagesschau in Person von Patrick Gensing, dem ARD-„faktenfinder“ in amtlicher Kleinschreibung, bis alles wieder gut war. Ein Autor der Studie habe unter anderem erklärt, dass in den Index die jeweils strengsten geltenden Vorschriften eingeflossen seien: „Regelungen wie 2G für bestimmte Geschäfte oder Restaurants. Maßnahmen also, die nicht die große Mehrheit beschränkt (sic!), sondern für ungeimpfte Personen gelten“. Entwarnung im Hamburger Tagesschau-Studio! Wir sind natürlich weiterhin ein liberales Land.

Im April 2021 verließ ich im Zuge des pandemiebeschleunigten und von meinen eigenen Berufsvertretern bejubelten Grundrechtegemetzels den Deutschen Journalistenverband. Aber ich suchte mir Ersatz: eine Vereinigung, die eigens auf die Vertretung freier Journalisten spezialisiert und jenseits der engeren beruflichen Belange ideologisch angenehm unaufdringlich war. So lebte ich in relativer Ruh‘, bis ich dieser Tage auf folgenden Twitter-Hashtag stieß:

„Gesicht zeigen fürs Impfen“ ist in einem Land voll FFP2-Vermummter nicht völlig humorlos und „Nur geimpft sind wir wirklich frei“ eine immerhin originelle Definition meines prekären Berufsstatus. Inspiriert von so viel Kreativität habe ich beim Freischreiber-Vorstand inzwischen mein eigenes Testimonial eingereicht: „Ich bin für freie Impf-Entscheidung, weil Grundrechte für Journalisten wichtiger sind als Gruppendruck.“ Bis jetzt wurde ich damit – trotz Mitgliedsbeitrags und Doppelimpfung! – noch nicht in die Ruhmeshalle der grün Eingerahmten aufgenommen. Eine Kampagne der Freischreiber für die journalistischen Opfer coronapolitischer Zensurmaßnahmen, Ausschlüsse und faktischer Berufsverbote wird bestimmt bald folgen.

Einen noch. Ist das bitter:

Das Traumschiff der Impflinge

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