Unwellness (5): Impfen, boostern und Berliner

Der Ritt auf der vierten Welle des neuen deutschen Totalitarismus – aktuelle Skizzen aus einem kranken Land

Die Sprache, die alte Verräterin: „Schutzmaßnahmen werden verschärft“, machte die Tagesschau-Hauptausgabe am 27. Dezember angesichts wieder einmal „strengerer“ Grundrechtsbeschneidungen auf. Haben Sie früher irgendwo gehört oder gelesen, etwas, das angeblich zu Ihrem Schutz dient, müsse „verschärft“ werden? Nein, das geschieht üblicherweise nur mit Haftbedingungen, Wirtschaftssanktionen oder sonstigen Strafen. Aber die Herrschenden und ihre Nachrichtensendung wollten mit dieser Wortwahl sicher nur dem Virus Angst einjagen.

Falls Sie sich fragen, warum die Intensivstationen während der Lockdowns unter anderem auch voll waren.

Bis Anfang Januar gab es in Deutschland knapp 63.000 Omikron-Nachweise. Hospitalisiert wurden 632 Personen. Verstorbene in der Altersgruppe bis 34 Jahre: null. Zwischen 35 und 59 Jahren: drei. Zwischen 60 und 79 Jahren: sieben. Ab 80 Jahre: sechs. Insgesamt in einem Land mit 83.000.000 Menschen: 16.

Quelle: Bundesverband der Corona-Leugner RKI-Lagebericht vom 7.1.2022

Kinder, war das ein launiges Silvester in der Stadt der Liebe an Elbe und Alster! Laut einem Einstimmungsartikel im Hamburger Abendblatt bereitete sich die Metropole schon am Vortag minutiös darauf vor, einmal mehr in die Nacht der Nächte einzutauchen. Es werde natürlich „kein krachender Start in neue Jahr“ werden, Treffen müssten „wegen etlicher Einschränkungen kleiner ausfallen“, für Ungeimpfte gelte „eine Kontaktbeschränkung auf den eigenen Haushalt“, von 15 bis 9 Uhr sei es „verboten, Feuerwerk und Böller auf öffentlichem Grund zu zünden oder bei sich zu haben“. Im selben Zeitraum gelte „ein Ansammlungsverbot, wonach sich höchstens zehn Menschen treffen und zusammenstehen“ dürften. Tanzveranstaltungen seien „nicht gestattet“, in der Gastronomie dürfe es „keine Sitzplätze geben“.

Somit deute alles darauf hin, dass sich die Hamburger „von Corona nicht um einen fröhlich-feierlichen Jahreswechsel bringen lassen“ wollten. Auch in einer bekannten Hotelbar werde es eine Feier geben, die „allerdings nur für Hotelgäste vorgesehen“ sei. Es könne zu Musikbeschallung kommen, so der Hoteldirektor, aber „es wird natürlich nicht getanzt, und um 1 Uhr ist Schluss“. In einem bekannten Szenerestaurant gelte „2G+“, überall sonst „2G“. In einem Luxushotel an der Binnenalster sei sogar die Augabe von Speisen geplant, „getrunken und gegessen werden darf aber auch dort nur am zugewiesenen Sitzplatz“. Der geschäftsführende Direktor gab seiner Vorfreude Ausdruck, „natürlich unter Einhaltung der aktuellen Verordnung“ das Jahr 2022 begrüßen zu dürfen. Ein anderer Gastronom rechnete mit gleich mehreren Gästen: „Das wird aber kein ausschweifendes Fest. Es wird nur ein DJ Hintergrundmusik auflegen.“

Um „die Einhaltung der Vorgaben für Versammlungen im öffentlichen Raum, die Sperrfrist in der Gastronomie und private Treffen zu kontrollieren“, war die Polizei darauf vorbereitet, „sehr präsent zu sein in der Stadt“. Die Polizeikommissariate besetzten „alle zur Verfügung stehenden Funkstreifenwagen“ und planten, „den öffentlichen Raum im Auge“ zu behalten, „insbesondere beliebte Hotspots wie die Alster, die Landungsbrücken und das Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn“. Natürlich werde man mit „Augenmaß“ vorgehen, aber: „Wenn uns besorgte Nachbarn anrufen und im Raum steht, dass gegen geltende Regeln verstoßen wird, fahren wir da auch hin und schreiten bei erkannten Verstößen konsequent ein.“

Die größte Sause war unter diesen Vorzeichen im Hamburger Gesundheitswesen zu erwarten. Unter dem Motto „Impfen, boostern, Berliner“ war an Silvester eine Impfaktion in sechs Asklepios-Kliniken geplant. Allerdings sei natürlich eine „Terminbuchung nötig“. Ob es in den dunkleren Vierteln der Stadt zu freigesetzten Emotionen kam, wie vielfach befürchtet wurde, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

Das Gefährlichste ist die Gewöhnung. Das Abartige als normal zu akzeptieren, bloß weil es nicht mehr weggeht, macht uns endgültig zu Kriechtieren.

Singles in der Zwickmühle: Kuscheln mit Nuscheln, aber dann Abstandspflichtverletzung, oder Anschreien ohne Nuscheln, aber dann Erotikverlust

Und Samstag geht Hamburg mal tief durchatmen.

8.1.2022

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2 Kommentare

  1. Danke für den „durchatmen“-Link! Kannte ich noch nicht.

    Und wau („wow“) — mehr als 500 Demonstrationen-oder-ähnliches an einem einzigen Wochenende (Fr-Mo) in Deutschland… das ist heftig. Wie oft gab es das nach 1945 überhaupt schon mal?

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