Geniestreich aus Geislingen an der Steige: Obwohl kein Ei dem anderen gleicht, gelang es einem Designer 1952, den definitiven Eierbecher zu gestalten.

Gastkolumne von Jan Paul

Eier sind auf Tischen eine heikle Sache, denn sie neigen zum Wegrollen. Aber dafür gibt es Eierbecher. Und weil der Mensch auf jede Frage mehr als eine Antwort weiß, gibt es Eierbecher in unüberschaubarer Vielfalt. Die meisten variieren das Dekor oder das Material und bedienen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Eierbecher auszusehen hat oder was er kosten darf. Bei der Form wird’s schwierig, denn das Ei hat mit seiner eigenartigen Gestalt und unterschiedlichen Größen ganz spezielle Anforderungen, an denen man nicht folgenlos vorbeidesignen kann.

Außerdem gibt es nicht nur das Ei, sondern auch die Person, die es auf dem Frühstückstisch vorfinden und essen will. Dazu kommt oft noch eine andere, die einen Becher auf den Tisch stellt, das Ei hineintut, den Becher anschließend abspült, trocknet und schließlich irgendwo sicher verstaut. Und bevor es so weit ist, muss jemand den Eierbecher schön finden, ihn kaufen – und davor noch muss ihn jemand produziert haben. Da treffen widersprüchliche Interessen zusammen, aber wenn Design mehr ist als eine verkaufsfördernde Ausbaustufe des Marketings, kann es eine passende Lösung liefern.

In diesem Fall gelang das in Geislingen an der Steige. Die kleine Stadt war Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer gewissen Bedeutung gelangt, weil die Ingenieure der gerade gegründeten Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen für eine Bahnlinie zwischen Stuttgart und Ulm genau hier den Aufstieg aus dem Filstal zur Schwäbischen Alb planten. Aus einer Reparaturwerkstatt, die für die Unterstützung der Trassierungsarbeiten gegründet worden war, entstand 1853 eine Fabrik für Haushaltswaren: Töpfe, Kessel, Kannen, Schalen, Tabletts, Leuchter und Essbestecke, deren Oberflächen durch das Aufbringen von Silber veredelt wurden.

Diese sogenannten Plaquéwaren kamen in bürgerlichen Haushalten, die viel Wert auf einen repräsentativen Tisch legten, sehr gut an. Die Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) verarbeitete dafür vorwiegend Neusilber, eine Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink. In den Zwanzigerjahren wurde die WMF auf Stahl aufmerksam, nachdem man ihn bei Krupp speziell für die aggressiven Produktionsumgebungen der chemischen Industrie mit Chrom und Nickel legiert hatte. Der Chrom-Nickel-Stahl ist hart, beständig gegen Säuren und Laugen, er läuft nicht an. Sein Glanz ist weich und wirkt kühler als der des Neusilbers. Aber bei der WMF erkannte man die technische Überlegenheit der Stahllegierung, vertraute auf die Zukunft des neuen Materials und ließ es 1926 als ‚Cromargan‘ in das Markenregister eintragen.

Den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg überstand die WMF als Rüstungs-Zulieferbetrieb, sie produzierte Patronenhülsen und Formteile für Waffen. Nach dem Ende der NS-Diktatur fertigte man zuerst das Allernotwendigste, aber erstaunlich schnell war wieder genug Kapital vorhanden, um in die Modernisierung und Automatisierung des Unternehmens zu investieren. Und schon zu Beginn der Fünzigerjahre sah sich die WMF einer wachsenden Nachfrage nach praktischen, pflegeleichten und haltbaren Produkte mit modernen Formen gegenüber.

Da traf es sich gut, dass die Geislinger 1949 Wilhelm Wagenfeld als künstlerischen Leiter für die Herstellung von Qualitätswaren aus Metall und Glas engagiert hatten. Er war Jahrgang 1900, gelernter Silberschmied, hatte eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und besaß einen hervorragenden Ruf als Gestalter. Aus seiner Zeit bei den Oberlausitzer Glaswerken und dem Jenaer Glaswerk Schott & Gen. verfügte Wagenfeld über viel Erfahrung mit der Produktion von Haushaltswaren im Industriemaßstab.

„Das Ei hat mit seiner eigenartigen Gestalt und unterschiedlichen Größen ganz spezielle Anforderungen, an denen man nicht folgenlos vorbeidesignen kann.“

Mit dieser Personalie schloss die WMF zugleich an die Tradition des Werkbundes an, der die „Form ohne Ornament“ verlangte. „Die gute Form“ oder „die gute industrielle Form“, wie sie jetzt hieß, war nach dem Krieg zuerst in der Schweiz wieder popularisiert worden. Gut in diesem Sinn war der einfache, funktionale Gebrauchsgegenstand in sparsamer, materialgerechter, gediegener Form. Sie galt als ehrlich und anständig, weil sie den Kitsch mied und aus der Knappheit der Nachkriegszeit das Beste herausholte. Der Rat für Formgebung war ab 1952 die Institution, die mit der Auszeichnung solcher Produkte das neue, zunächst bescheidene und unspektakuläre Selbstverständnis des Industriestandorts Deutschland propagierte.

Für Wagenfeld war diese Anschauung kein Selbstzweck, seine Arbeit verstand er auch nicht als Selbstverwirklichung. Er ging vom Gebrauch der Dinge aus und interessierte sich für das „Solide, Beständige und Dauerhafte“, das „dem Käufer einen wirklichen Nutzen zu bieten“ hatte – ohne Verzierung, einfach geformt, aus einem Stück herstellbar, also ganz ohne anzulötende Teile, Ziernähte, Griffe. Wagenfelds Formen trafen gleichzeitig die Ansprüche vieler Kunden und die der WMF, weil sie sich einfach und sparsam produzieren ließen.

Wagenfelds Eierbecher von 1952 ist eine unverwechselbare Lösung, die alle Fragen aus verschiedenen Perspektiven beantwortet und dabei elementare Ansprüche im Blick behält: Gebrauchswert, Produktionstechnik, Qualität der Form und des Materials. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, ohne halbgar zu sein. Wagenfelds Entwurf wird im Tiefziehverfahren aus einem Stück Cromargan-Blech hergestellt. Auf den ersten Blick scheint die 90 Gramm schwere Form aus den Siebzigerjahren zu kommen, sie wirkt verspielt, ist aber alles andere als das.

Deutlich wird das im knochentrockenen Brief eines Anwalts, der 1954 gegenüber dem Patentamt begründete, was den Eierbecher einzigartig macht: „Durch die Erfindung wird bezweckt, einen Eierbecher zu schaffen, welcher den Anforderungen der Praxis hinsichtlich Einfachheit der Herstellung, Preiswürdigkeit und Zweckmäßigkeit im Gebrauch besser als die bisher bekannten Geräte entspricht, trotzdem aber ein modernes und künstlerisch einwandfreies Aussehen hat.“

Im selben Ton fährt der Jurist über lange Passagen fort, bevor er zu den praktischen Aspekten kommt: „Die Formgebung des Gerätes ermöglicht es, eine … Anzahl von gleichen Eierbechern übereinander zu stapeln, wodurch die Lagerung, der Versand und die Aufstellung im Schrank vereinfacht wird, [und verleiht] dem Gerät auch eine sehr ansprechende und dem modernen Geschmack entsprechende künstlerische Form. Dieser mit einfachsten technischen Mitteln erzielte Effekt ist für die Verkaufsfähigkeit des Gerätes und für dessen Verwendung als Tafelgerät von besonders großer Bedeutung.“

Doch die Zeit geht selbst über Perfektion hinweg. Ab der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre wurde der simple Chic Wagenfelds, der als Freiberufler inzwischen fast nur noch für andere Hersteller gestaltete, bei der WMF nicht länger gepflegt. Die Verkaufsabteilungen entdeckten den sorglosen Verbraucher, alles wurde bunter und dekorativer. Die WMF folgte kurzlebigen Trends, produzierte immer mehr Neuheiten und verzettelte sich mit dem eigenen Programm. Das Unternehmen durchlief Krisen, wurde an branchenfremde Großaktionäre verkauft, 2015 von der Börse genommen und ging dann an den französischen Haushaltswarenhersteller Groupe SEB. Dort sind beispielsweise die Marken Rowenta, Moulinex und Krups versammelt.

Die Programmpolitik der WMF kam dort wieder etwas zur Ruhe, hat aber nicht das Vertrauen in die „gute industrielle Form“ wiedergefunden. Man positioniert sich ohne klare Kanten als Hersteller für das gehobene mittlere Marktsegment. Mittendrin im Sortiment und eine feste Größe beim Umsatz ist heute immer noch ein Produkt, das zu gut war, um völlig in Vergessenheit zu geraten: der Eierbecher von Wagenfeld.

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