Meine Stadt infotaint mich zu Tode

Wie ich ratlos durch Erlebnislandschaften schlingerte, statt einfach bloß zur Arbeit fahren zu dürfen. Und wie ich dadurch zum TV-bekannten Wutbürger wurde.

Es ist vielleicht ein Problem, das gleich nach der Bundestagswahl vergleichsweise luxuriös aussehen wird, aber: Mein Fahrradweg entlang der Geestkante ist seit Jahresbeginn verunstaltet. Auf diesem prinzipiell gut ausgebauten Pfad Richtung Stadtmitte fahre ich als fanatischer Klimaschützer bei nahezu jedem Wind und Wetter zur Arbeit. Und wieder zurück. Ich kenne hier mittlerweile jeden Grashalm beim Namen.

Und auch sonst alles, was es entlang dieser Strecke zu sehen gibt. Seit einer „Bürgerbeteiligung“, mit deren Hilfe eine runde Million Euro an Bespaßungs- und Belehrungsinfrastruktur unters Volk gebracht wurde, erhebt sich hier alle Naselang eine andere Sozial-Attraktion: Schaukeln. Liegesessel. Trimmdichpfade. Boulder. So Skater-Rampen mit integrierter Sitzgelegenheit für kommunikative Begegnungen mit Senioren („Runter da oder ich fahr dich platt, Alder!“).

Und ganz viele Schilder, die auf all die neuen Einrichtungen sowie ihre ökosozialpolitischen Hintergründe hinweisen. Mein täglicher Weg zur Arbeit ist eine einzige Erlebnis- und Infotainmentlandschaft geworden. Die meisten dieser Kostbarkeiten scheinen zwar vor allem dazu zu dienen, mit Antifa-Graffiti beschmiert zu werden, aber die Schaukeln zumindest werden gut angenommen, das muss ich sagen.

An all das habe ich mich gewöhnt. Die kleinste zusätzliche Bereicherung der vielfältig-bunten Szenerie entlang meiner Strecke aber drohte mich als älteren Menschen endgültig aus der inneren Balance zu bringen. Und so kam ich eines Morgens fast ins Schleudern. Denn Ende Januar, mitten im tiefsten Lockdown, stand plötzlich er hier am Wegesrand:

Und er hatte alle seine Freunde mitgebracht. In Abständen von 100 bis 200 Metern, mal links, mal rechts von meiner Route in die Stadt, wegelagerten und lauerten sie plötzlich. Kilometer um Kilometer. Mal etwas größer, mal etwas kleiner, mal oben etwas abgeschrägter. Immer aber aus Bunkerbeton und Pflasterplatten. Stumm. Anklagend. Monolithisch. Grau, grauer, am grauenvollsten. WTF? WT f*ing F???

Anfangs tippte ich auf Sockel für so Stromdinger, diese Trafos oder wie die heißen, oder die grauen Kästen da, in denen die Telekom das Internet verstaut, was weiß ich denn. Dann bekam ich schlagartig Angst: Überwachungsstationen! Damit messen sie meine Hirnströme, während ich vorbeifahre, und saugen meine Sozialversicherungsnummer aus meinem Identitäts-Implantat, um sie dann als Chemtrail an den Himmel zu projizieren. Das kennt man doch aus so Filmen! Oder nein, es sind Bewegungsmustermelder, die im Lauf der Zeit ein genaues Täterprofil von mir erstellen und nachher vor Gericht gegen mich verwendet werden. Auf jeden Fall irgendwas mit Nanotechnologie, was die Grünen noch vor wenigen Jahren bekämpft hätten, bevor sie jede Art digitaler Lebenszeichen-Überwachung für sich zu nutzen und zu umarmen beschlossen.

Täglich wartete ich bang auf die Vollendung der Schreckens-Infrastruktur. Aber es passierte – nichts! Und dann immer noch nichts. Mittlerweile wurde es Frühling, und die ersten Betonboller sahen so aus:

Oder so:

Da hielt ich es nicht mehr aus. Wozu leben wir in einer quicklebendigen Demokratie und Zivilgesellschaft? Also einfach mal anfragen beim Referat Gesamtstädtische Freiraumstrategien im Amt für Naturschutz, Grünplanung und Bodenschutz der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft. Schwöre, so heißt das. Offiziell.

„Vielen Dank für Ihr Interesse an der Landschaftsachse Horner Geest und den Veränderungen vor Ort“, schrieb es zurück. Ein vielversprechender Beginn. In der Sache selbst verwies man allerdings auf ein andermal, oder in Behördendeutsch: „zeitnah“. Und es wurde Wort gehalten: Der Pressesprecher der Behörde meldete sich in so herzoffener Höflichkeit („Sehr geehrter, lieber Herr Driesen“), dass man fast schon wieder einen genervten Unterton herauslesen konnte. Dann aber folgten Fakten, Fakten, Fakten:

„Bei den Betonelementen handelt es sich um ‚Meilensteine‘. Entlang der 10 Kilometer langen Grünverbindung werden sie im Abstand von 200 Metern aufgestellt und geben die Kilometrierung an. Auf die vor Ort stehenden Betonelemente werden Platten mit den jeweiligen Kilometerangaben befestigt. Die Meilensteine gehen aus dem Beteiligungsverfahren ‚Deine Geest‘ hervor, in dem Distanzangaben für Joggende und Radfahrende gewünscht wurden. Leider kommt es bei der Bauausführung wegen eines Insolvenzverfahrens der ausführenden Firma zu Verzögerungen. Das Bezirksamt-Hamburg Mitte hat die Bauaufsicht und bemüht sich um eine schnelle Lösung.“

Joggende und Radfahrende. Zwar ist deren – also mein? – Wunsch nach noch viel mehr Schildern samt Sockeln im öffentlichen Raum weder bei den 25 Siegerideen der Bürgerbeteiligung zu finden noch bei den zwölf, deren Umsetzung die Stadt dann auch wirklich versprochen hatte. Aber vielleicht war ja noch Geld übrig. Denn der 120.000 Euro teure Aussichtsturm auf der Geestkante, eines der zur Realisierung vorgesehenen Bauwerke und das einzige mich interessierende, fällt wahrscheinlich flach. Dafür hat die Million dann nämlich doch nicht gereicht. Also billiger Schilderwald statt teurer Aussichtsturm. Beziehungsweise ein Wald aus insolventen, kantigen, nackten Betonpollern.

Derart wundgescheuert durch amtliche Anliegerbeglückung folgte dann noch ein unerwarteter Fernsehauftritt von Wutbürger OD aus HH. Und das kam so: An einem der seltenen Tage, wo ich mal nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, ging ich des Morgens gedankenverloren zur U-Bahnstation. Schon fast am Ziel, spürte ich plötzlich den kreisrunden Abdruck des Objektivs einer massiven TV-Kamera auf Stirn und Nase. Drei Schritte zurückweichend erfasste ich die Situation: Ein Fernsehteam, bestehend aus Reporterin und Kameramann, hatte mir das Monstrum gegen das Nasenbein gedrückt. Und schon prasselte es auf mich ein: „Können Sie uns sagen, was das da ist?“ Gemeint waren diese sechs hölzernen Marterpfähle, ebenfalls kürzlich erst errichtet:

Aber nicht mit mir! Oh nein, so nicht: „Vielleicht sagen Sie mir erst mal, für wen Sie hier filmen, so geht das doch mal los!“, polterte Spontanrentner OD aus HH ins Rotlicht hinein. „Steht doch da auf unserem Mikro-Schutz“, gab die TV-Kanone routiniert-gelangweilt zurück. Ich entnahm meiner Herrenhandtasche die stets für solche Fälle mitgeführte Leselupe, suchte ein Viertelstündchen im Kleingedruckten und kam zu dem Schluss: Krawallsender RTL! Das passte nun gerade zu der Stimmung, auf die ich mittlerweile gebürstet war, sodass ich mich ganz meinen niedrigsten Instinkten überließ. Also Klappe, Wutbürger die Zwote: „Können Sie uns sagen, was das da ist?“ Und natürlich, der aus den Qualitätsmedien immer gut informierte Faktenfex wusste aus dem Stand, was die anderen Überfallenen Befragten nicht gewusst hatten: ein f*ing Fledermaushotel!

Unbegreiflicherweise wurde mein im selben Atemzug anschließender, zwanzigminütiger Rant dann aus dem Nachrichtenfilmchen rausgeschnitten. Dabei handelte er emotional und argumentativ sehr überzeugend von verschwendeten Steuermilliarden und fehlgeleiteten öffentlichen Investitionen einer eventfixierten, volkshochschulpenetranten Nanny-Stadtverwaltung. Auch mein Hinweis an die Adresse der investigativen RTL-Journalisten, dass sich entlang meines morgentlichen Fahrradweges diese Schilda-Schildträger ohne Schilder breitgemacht hätten, verhallte folgenlos. Obwohl sich die Fernsehtante natürlich beeilt hatte zu versichern, dass man sich „das gleich mal ansehen“ werde.

Ich hingegen sah mir gleich mal den amtlich angeklebten Beipackzettel zum Marterpfahl-Ensemble näher an:

„Obacht!“ Zur Unterweisung stillgestanden! Im selben ironisch-kumpelhaft-passiv-aggressiven Oberlehrerton, in dem meine Stadtverwaltung sonst mit genauso hässlich laminierten Eigenbau-Schildern auf ebenfalls an meinem Fahrradweg ausgesäte Unkrautplantagen hinweist („Obacht, wilde Wiesen!“). Die habe man nämlich nicht zu zertreten oder gar zu zerpflücken, weil Umwelt und seltene Insekten und Schönheit der Wildnis und paradiesischer Urzustand und Rechtslage. Schade, vorher waren da richtigen Wiesen gewesen, regelmäßig rasengemäht durch das Rasenmäheramt. Sah besser aus.

Im Fall der „schlafenden Flugakrobaten“ nun verlangt die Obrigkeit meine Obacht zu einem ungleich ernsteren Thema: Covid-19. Denn man weiß ja irgendwie: China, Wuhan, Ekel-Markt, Flughunde, alle tot oder jedenfalls Pandemie. Und jetzt Fledermäuse, hier im Viertel? Ja sind die denn wahnsinnig? 578 besorgte Anrufe bei Feuerwehren, Notfallseelsorgern und Apotheken. Da aber kann die Stadt Hamburg Entwarnung geben: „Wissenschaftliche Quellen weisen darauf hin, dass einheimische Fledermäuse nicht mit dem neuartigen Coronavirus infiziert sind. Es wird daher von keiner Gesundheitsgefahr für den Menschen ausgegangen.“

Na Gott sei Dank, ich darf die Bewohner meines lokalen Fledermaushotels weiterhin essen. Danke, Stadt Hamburg!

P.S.: Die Betondinger sind bis heute nicht beschildert worden.

Ein Kommentar

  1. Danke für die Aufklärung über die Betonblöcke. Über die habe ich mich auch schon gewundert und hielt sie zunächst für verschleppte Starterblöcke vom Abrissschwimmbad Aschberg. Da waren sogar schon Zahlen drauf, man hätte sie nur in der richtigen Reihenfolge einpflanzen müssen. Aber gut, macht man die halt kaputt und kauft dafür neue, ebenfalls kaputte oder noch nicht fertige, für die im Fitness- und GPS-Trackerzeitalter wichtige Distanzmessung. Solange können Wutrentner die allerdings auch als Einzelkämpfersitzplätze benutzen, Bänke gibt es nie genug.

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