Heute könnte für mich ein ganz besonderes Datum sein. Sollte ich es erleben, was ich jedoch nicht wissen konnte, als dieser Text entstand: Happy Twentieth Millenium to me! Falls nicht, hat das Programm diesen Text offensichtlich trotzdem pünktlich ins Netz gestellt.

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Astronomische Uhr, um 1552, St. Marien, Stendal

Über den australisch-britischen Musiker Nick Cave, geboren am 22. September 1957, gibt es einen Dokumentarfilm: 20.000 Days On Earth. Der Film von Iain Forsyth und Jane Pollard aus dem Jahr 2014 beginnt mit einer rasanten Montage von Ereignissen der ersten 19.999 Lebenstage. Dann sehen wir Nick schlaflos im Bett liegen, mit Blick auf den Wecker, wenige Sekunden vor Mitternacht, wenn er 20.000 Tage alt sein wird.

Als der Wecker schrillt, schaltet Nick Cave den Alarm aus und quält sich aus dem Bett. Aus dem Off kommen seine rätselhaften ersten Worte: „At the end of the Twentieth Century, I ceased to be a human being. That’s not necessarily a bad thing, it’s just a thing. I wake, I write, I eat, I write, I watch TV. This is my 20.000th day on Earth.“

Diese Zahl mit den vier Nullen hat mich – ähnlich wie ein ganz bestimmtes, seltenes Geburtsdatum – gleich in ihren Bann gezogen, als ich den Film im August vergangenen Jahres sah. Ich war mir spontan nicht sicher, ob ich selbst noch diesseits oder schon jenseits davon war. Also wollte ich es genau wissen.

Es stellte sich heraus: Jeder von uns, der diese Zahl erreicht, tut das rund drei Monate vor Vollendung seines 55. Lebensjahres. Die Position dieses Tages im Kalender ist überraschenderweise nicht fix, sondern es gibt dafür einen Korridor von wenigen in Frage kommenden Daten. Der genaue Tag variiert je nach der Anzahl Schaltjahre, die seit der Geburt verstrichen sind.

I wake, I write, I eat, I write, I watch TV. This is my 20.000th day on Earth.

Nick Cave

Das Ausrechnen macht Arbeit. Man muss zunächst die ab dem Tag der Geburt verstrichenen Tage seines Geburtsjahrs ermitteln. Dann ist die Anzahl der komplett durchlebten Normaljahre mit 365 Tagen zu multiplizieren. Schließlich nehme man die Zahl der außerdem vollendeten Schaltjahre mit 366 mal und addiere die Ergebnisse aller drei Berechnungen. Nun weiß man, wie viele Tage man am 31. Dezember des abgelaufenen Jahres auf der Welt war.

Jetzt gilt es, die Differenz zu 20.000 zu ermitteln. Falls sie zwischen 1 und 365 bzw. in laufenden Schaltjahren 366 beträgt, ist oder war es also dieses Jahr so weit, und man kann diese Zahl im aktuellen Kalender vom 1. Januar ausgehend Kästchen für Kästchen voranschreiten bis zum Jubiläumstag. Am Ende alles noch einmal prüfen, denn ein Fehler sollte bei solch einem wichtigen Datum nicht unterlaufen sein.

Natürlich gibt es auch praktische Apps dafür, die das alles automatisch erledigen. Ich habe das erst herausgefunden, als ich mit Rechnen schon fertig war. Aber selbst diese Apps kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen – je nachdem, ob sie den zwanzigtausendsten Tag auf Erden ermitteln oder den zwanzigtausendsten „Geburtstag“, also die 20.000-fache Wiederkehr des ersten Tags.

Ja, im Detail ist es kompliziert, wie fast immer im Leben. Ich habe mich für die Definition „alle Tage, an denen ich auf der Welt war“ statt „alle Tage, an denen ich 24 Stunden lang auf der Welt war“ entschieden, um ganz exakt zu sein.

Himmelsglobus, um 1585, Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, Weimar

Mein zwanzigtausendster Tag auf Erden in diesem Sinne jedenfalls ist – oder wäre – heute. Sonntag, der 31. Januar 2021. Als Kind und selbst noch als junger Mann hätte ich dieses Datum wie einen Tag aus einem Roman empfunden, der in einer sehr fernen Zukunft spielt. Einen Zeitpunkt, an dem die Menschheit eigentlich schon zu den Sternen aufgebrochen sein sollte. Doch so vieles ist nicht wie erwartet eingetroffen.

Ich habe mir im Jahr vor diesem Tag immer wieder vorgestellt, dass ich ihn nicht erreiche. Im März 2020, als das Seuchenvirus Corona ganz neu war, hatte ich einen symbolschweren Alptraum. Das Virus schien mir sagen zu wollen, dass es mir nicht mehr viel Zeit ließe. Vielleicht deswegen habe ich diesen Text schon im Spätsommer desselben Jahres geschrieben, unter dem anhaltenden Eindruck des Traums und des gerade erst angeschauten Films. Rund fünf Monate vor dem großen Tag, dem rein rechnerischen Meilenstein in meinem Leben.

Mein Aberglaube, mein fehlendes Urvertrauen und meine ewige Existenzangst flüsterten mir dabei die ganze Zeit ein, dass mein Beschwören des eigenen, zukünftigen Seins schon noch als Meineid entlarvt werden würde. Dass das Schicksal, vermutlich in Form des Virus, immer Wege findet, einem so tollkühnen Optimismus und Größenwahn in die Parade zu fahren.

Dennoch habe ich mein kleines Leben in die Zukunft fortgeschrieben, wie unter einem Zwang. Und bin mir dabei insgeheim fast sicher gewesen, dass dieser Tag, von dem ich schreibe, für mich nie kommt. Bestenfalls würde dieser Text um null Uhr am Morgen des 31. Januar 2021 automatisch vom System gepostet werden, so, wie ich es voreingestellt habe. Und die Leser, die von meinem zwischenzeitlichen Ableben erfahren hätten, würden daraufhin bedächtig den Kopf schütteln: Seht ihr, das kommt davon, wenn einer sein Schicksal herausfordert!

Falls jetzt aber niemand den Kopf schüttelt, weil es nichts zu schütteln gibt, darf ich mit Fug und Recht berichten: Heute bin ich 20.000 Tage auf der Welt. Ich wache auf, ich schreibe, ich esse, ich schreibe, ich sehe fern. Happy Twentieth Millenium to me!

Meine ewige Existenzangst flüsterte mir ein, dass mein Beschwören des eigenen, zukünftigen Seins schon noch als Meineid entlarvt werden würde

Hinter jedem Meilenstein erstreckt sich ein neues, unbekanntes Land. Es ist trügerisches, tückisches Gelände. Du kannst bis zum Zwanzigtausendsten alles richtig gemacht haben, reich und berühmt geworden sein, alle Annehmlichkeiten des Erreichten genießen, aber dann bricht trotzdem unbeeindruckt Tag Nummer 20.001 an. In Nick Caves Leben kam die wohl schwerste Prüfung kurz danach.

Gegen Ende der Doku sehen wir ihn die Treppe seines Hauses in Brighton and Howe, Südengland, erklimmen. Dann schauen wir ihm beim Fernsehen auf der Couch zu. Angekuschelt zu beiden Seiten: die Teenager Arthur und Earl, seine beiden Söhne. Im Juli 2015 dann, also im Jahr nach dem Erscheinen von „20.000 Days On Earth“, fiel Arthur im Alter von 15 Jahren in der Nähe des Wohnorts über den Rand einer Klippe. Er starb kurz darauf an den Folgen des Sturzes.

Die deutsche Wikipedia schreibt dazu, Auslöser seien Experimente mit LSD gewesen. Nick Caves eigene Drogen in seiner wilden Zeit als Punk waren Alkohol und Heroin.

Nick Cave hat ein seltsames Verhältnis zu Gott. Er liest intensiv in der Bibel, hält aber ein Gottwesen nur im Rahmen seiner selbst erschaffenen Musikwelten für existent. „In der realen Welt glaube ich nicht an so etwas“, sagt er im Film, also bereits vor dem Schicksalsschlag.

Mein Sohn wird morgen 15 Jahre alt. Um Mitternacht können wir den Übergang vom einen auf den anderen Festtag feiern, wenn mein Tag 20.001 anbricht. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Nicht bis Mitternacht.

Standuhr, London, ca. 18. Jahrhundert

Nachtrag, 31.1., 0.14 Uhr: Das System hat gar nix gepostet, trotz Voreinstellung. Ich musste das selber machen, kurz nach Mitternacht. Gut, dass ich zur Stelle war.

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