Lob und Preis dem Monobloc: Warum der hässlichste Gartenstuhl der Welt zugleich auch der erfolgreichste ist –  und zu Recht ins Designmuseum statt in den Plastikmüll gehört.

Gastkolumne von Jan Paul

Wenn man, wie jetzt, mehr Zeit im Haushalt verbringt, werden die eigenen oder gemieteten vier Wände eng, weil zu viel Zeug rumsteht. Weg damit – wo fangen wir an? Das war keine Frage, es traf sofort zwei unansehnliche Kunststoff-Sessel aus Polypropylen für den Balkon, die gingen umstandslos in den Sperrmüll. Sie waren weg und alles war froh. Schon eine Woche später wurde klar, dass das ein Fehler war.

Denn es waren gute Sessel. Sie wurden häufig benutzt, und wenn sie im Weg waren, konnte man sie ohne viel Mühe anderswo hinstellen, weil sie sich erstens platzsparend stapeln lassen und zweitens leicht sind; sie wiegen einzeln nur etwa 2,5 kg. Für ein Möbel, das deutlich mehr als die 100 kg Gewicht eines Sitzenden problemlos trägt, ist das sehr wenig. Sie sind leicht zu reinigen; ein gewöhnliches Schwammtuch, bisschen Wasser, bisschen Spüli, sauber; außerdem resistent gegen fast alle Säuren, Laugen und Lösungsmittel, die in einem Haushalt möglicherweise zu finden sind, und roher Gewalt widerstehen sie souverän. Pfefferte man sie bei der Stiftung Warentest aus dem dritten Stock auf die Straße, hätten sie sicher ein paar Kratzer, jedoch keine Brüche, und blieben wahrscheinlich weiterhin ohne Einschränkung besetzbar.

Nachteile haben sie auch, aber nicht viele. Die Sessel heizen sich in der prallen Sonne schnell auf – merkt man im Sitzen nicht, aber beim Hinsetzen. Und ihre Farbe verblasst nach ein paar Sommern, weil das Material der UV-Strahlung nicht dauerhaft widersteht.

Aber das sind Kleinigkeiten, denn sie erfüllen die Kernfunktion eines Sessels: Man sitzt gut. Genau die richtige Sitzhöhe für den durchschnittlichen Mitteleuropäer und immer noch angenehm für grob abweichend kleinere oder größere Menschen jeder Gestalt. Die Sitzfläche ist so geformt, dass der Po eine halbe Handbreit tiefer liegt als die Oberschenkel auf der Stuhlvorderkante kurz vor der Kniebeuge. Diese Form lässt das Kreuz an die Rückenlehne rutschen, die die Lenden fast aufrecht bis unterhalb der Schulterblätter stützt. Die Armlehnen sind nach vorne abfallend und nehmen die Unterarme bis zu den Handgelenken auf. Wer so sitzt, fläzt nicht, fühlt sich aber so; objektiv gute Haltung bei subjektiv maximaler Behaglichkeit – alles, was man von einem Sessel erwarten darf. Warum schmeißt man so etwas weg?

Als die Sessel noch da waren, war die Antwort einfach: sie sind zu hässlich – das ist Grund genug. Raymond Loewy, der es wissen musste, soll einmal gesagt haben, dass Hässlichkeit sich schlecht verkauft. Die Sessel stört das nicht, die gehen zu Saisonbeginn im Vorfrühling weg wie Wassereis im Hochsommer. Sie sind billig, weil sie im Industriemaßstab hergestellt werden, und robust, weil der Rohstoff Polypropylen in der Härte mit Hölzern vergleichbar ist, aber durch seine Zähigkeit und Elastizität mechanische Belastungen anders verkraftet und längst nicht so schnell bricht.

Preis und Praktikabilität schlagen Schönheit. Polypropylen wird für weniger als einem Euro pro Kilo als Pellets geliefert, schmilzt bei etwa 170 °C und lässt sich auf geeigneten Maschinen in fast jede gewünschte Form bringen. Produziert werden diese Stühle in einem Arbeitsgang im Spritzgussverfahren und in einem Stück. Dieses Verfahren gab dem Möbel einen passenden Kategorienamen: Monobloc. Obwohl es viele verschiedene Hersteller gibt, sehen sich alle sehr ähnlich, sind also vergleichbar unschön. Seit etwa 40 Jahren werden sie weltweit gefertigt, gekauft und auf Balkonen, Terrassen, Rasen, Sandstränden oder Biergarten-Kieselflächen platziert. Es sind Millionen.

Die zwei Exemplare, von denen hier die Rede ist, wurden zu Beginn unseres Jahrhunderts produziert, gehören also vielleicht der 4. oder 5. Generation der Monobloc-Sitzmöbel an. Der Hersteller ist unbekannt und der Gestalter anonym, aber sicher kann man aus der Form die Gestaltungsvorgabe für diesen Stuhl ableiten: Massenkompatibilität.

„Wer so sitzt, fläzt nicht, fühlt sich aber so; objektiv gute Haltung bei subjektiv maximaler Behaglichkeit – alles, was man von einem Sessel erwarten darf.“

Das funktioniert wie in der Bekleidungsbranche, aber eben nur in einer einzigen Größe. Man nimmt die wichtigsten biometrischen Daten aller Menschen auf dem Zielmarkt, also Körpergröße, Gewicht, Beckenbreite und Länge der Unter- und Oberschenkel, sodass zwei Drittel aller potentiellen Käufer dabei erfasst werden, mittelt diesen Wert und lässt dann gut Luft nach oben bzw. in die Breite. Das gibt die Maße für Sitzhöhe, Sitzfläche, die Rücken- und Armlehnen. Wenn die Ingenieure und Designer eine intuitive Vorstellung von den Begriffen „bequem“ und „entspannt“ haben, gibt’s für Sitzfläche und Lehne noch ein Feintuning nach Gefühl.

Alle übrigen Gestaltungsparameter werden dann nur noch von der Frage bestimmt, wie sich mit möglichst wenig Material die erforderliche Stabilität und Marktgängigkeit sicherstellen lassen. Es geht aber auch noch einfacher (man will den Sessel ja nicht neu erfinden): Man lässt sich vom erfolgreichsten Entwurf des Wettbewerbs inspirieren. Wer hier wen anregt, soll an dieser Stelle ohne weitergehende Recherchen nicht geklärt werden. Erkennbar ist aber, dass die aktuell am Markt erhältlichen Gartensessel einen gemeinsamen Urahn haben: 1972 gestaltete der französische Ingenieur Henry Massonet einen Monobloc-Sessel aus Polypropylen, genannt Fauteuil 300.

Das Produkt war ein Kind seiner Zeit, ahmte die Formensprache des Pop-Designs nach, wurde im Ganzen aber sichtbar von nüchternen Überlegungen bestimmt: stabil, geringes Gewicht, pflegeleicht, stapelfähig und preiswert. Der Sessel war damals kein großer Verkaufserfolg. Er wurde zu teuer angeboten, kam zu früh in die entstehende Freizeitgesellschaft, die noch keinen großen Markt hervorgebracht hatte, und im Garten war Plastik nicht erwünscht.

Aber als Vorbild war er präsent, als dann irgendwann die Nachfrage kam. Leider haben die Nachfolger Massonets – alle paar Jahre gezwungen, dem Zeitgeist neu zu huldigen und Plagiatsvorwürfen zu entgehen – immer nur die schlechten Gene des Urahns an die nächste Generation weitergegeben. Dabei war der „Fauteuil 300“ keine große Schönheit, aber richtig hässlich war er auch nicht, das hat sich erst im Lauf der Jahre dominant durchgemendelt.

Die Designtheorie hat – ohne es zu wollen – genau dafür mit ihrem neuesten Paradigma „Form follows form“ den Nagel auf den Kopf getroffen: Demnach vollzieht sich Gestaltung als evolutionärer und selbstorganisierter Prozess. Die Vertreter dieser Theorie meinen es gut und glauben, dass die Kräfte der Natur hier die Strippen hin zum besseren Design ziehen. Sie übersehen aber, dass es in diesem Fall und oft auch anderswo nur die Mechanismen des Marktes sind, die das Aussehen eines Produktes bestimmen.

Immerhin: Die beiden anonymen Urenkel vom Balkon litten zwar an erheblichen ästhetischen Mangelerscheinungen (ein Krankheitsbild, von dem ihr Urgroßvater noch verschont war), aber am Ende saß man sehr gut auf ihnen. Dafür muss man dankbar sein.

Ein Gedanke zu „Über Dinge (1): Form follows Form“
  1. Also das berühmte Motto „Besser häßlich gesessen als gar nicht gesessen“. Ästheten treten da natürlich in den Steh-Streik. Mir würde wahrscheinlich die Milch im Balkonkaffee sauer auf so einem Stuhl, aber ich bin da auch streng. Interessante Geschichte rund ums Designvorbild aber, die war mir nicht präsent. Es geht eben kein verhunztes Ding auf Erden, das nicht ein schickes Vorbild hätte.

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