Eine Sprechpuppe des woken Weltgeists

Hatte ich nicht vor Turnierbeginn beteuert, dass mich DFB-Fußball nicht länger interessiert? Bitte um Vergebung, aber anlässlich des unausweichlichen Achtelfinal-Debakels muss ich doch auf einen ehemaligen Weltmeister zu sprechen kommen – eine Schlüsselfigur für die Irrwege der Fußballkultur.

Was tut man als Verkäufer, um etwas zu verkaufen, das niemand haben will? Man feiert es als Schritt in Richtung einer „vielfältigeren“ Gesellschaft. Das soll in sich links wähnenden, überwiegend jedoch wohlsituierten Kreisen heute derartig gut funktionieren, dass sich der ehemalige Linksverteidiger Philipp Lahm offenbar dachte: Da versuche ich das doch auch einfach auch für die „European Super League“ (ESL). Die Leser des 200 Jahre alten britischen Salonsozialistenblatts Guardian werden den Köder schon schlucken. Allein, es kam ein wenig anders als erwartet.

Kurze Gedächtnisauffrischung: Die ESL war jener von langer Hand vorbereitete, aber kurzlebige brain fart von Investoren und Oligarchen, die im Frühjahr eine Kopie des US-Profisports in den europäischen Fußball einführen wollten: eine noch extremere Kommerz-Liga, in der die superreichen europäischen Klubs nun aber für immer unter sich bleiben, weil es keinen Auf- und Abstieg gibt. Es kann ihnen also kein besserer, hungrigerer, kreativerer und vielleicht ärmerer Verein die Position in der „Eliteliga“ steitig machen. Hinzu kommen Top-Zuschläge auf Top-Eintrittspreise, Bezahlfernseh-Knebelverträge, Mega-Merchandising, Weltsportrechteverwertung, ein Wanderzirkus zwischen zwölf europäischen Metropolen als ständigen Exklusiv-Austragungsorten, Spieleragenten-Hyperhonorare, „Nudel-Partner“ oder ähnliche Werbewahnsinnskampagnen, TV-Reklame vor, während und nach dem Spiel – die komplette Fußball-Dystopie eben.

Wer könnte so etwas bloß popularisieren? Philipp Lahm, lautet offenbar die Antwort des Unternehmers Philipp Lahm. Zuletzt 2014 als Weltmeister und Brasilien-Bezwinger gefeiert, hat sich Lahm inzwischen zum Multi-Turbokapitalisten gewandelt: Eigentümer der Sixtus Werke (Pflegeprodukthersteller), Eigentümer des Lebensmittelgrossisten Schneekoppe, Business Angel des Berliner Start-ups „Fanmiles“ und zeitweilig Großaktionär von Danova, einem inzwischen liquidierten Gesundheitsdienstleister. Außerdem ist Lahm Geschäftsführer der DFB EURO GmbH, deren Haupterwerbszweck die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland ist.

Wer sich solche unternehmerische Omnipräsenz zutraut, nutzt auch die persönliche Bildmarke (a.k.a. Gesicht) als Dauerwerbesendung. Es durfte daher niemanden verwundern, als von der Webseite des Guardian am 8. April 2021 ein dynamisch frisierter Mensch grüßte, im blauen Anzug samt schwarzer Krawatte und einem nicht deutlich erkennbaren Abzeichen am Revers: Philipp Lahm.

Das Blatt kündigte zum Foto nicht nur einen Gastbeitrag des Ex-Kickers an, sondern gleich den Auftakt einer vielteiligen Kolumne, die seitdem vorübergehend den Titel „Ansichten eines Fußballers“ trug – und nicht etwa „Ansichten eines professionellen Profiteurs“. Das erste, vom publizistischen Wachtturm der Arbeiterklasse bestellte Thema war dann auch gleich mal hübsch kontrovers betitelt: Eine größere, vielfältigere ESL kann helfen, den Fußball zu bereichern.

Da hatte Lahm natürlich gleich mal einen Punkt: Ja, bereichert hätte sich der Fußball als Industrie an der Giga-Liga über alle Maßen. Jemand wie Lahm denkt bei „Bereicherung“ vermutlich auch nicht an kostenlose oder für jeden erschwingliche Dinge wie Spaß, verschwitzte Verausgabung, Jeanskutten voller Vereinssticker, Bratwurst, Bier oder rauschhafte Verbrüderungsszenen unter Wildfremden. Nein, er denkt an Markenversprechen: „Die Markennamen sind nicht Facebook, Amazon und Google, sondern Real, Juventus, PSG, Arsenal, Barça, Bayern, City und United.“

Tauchen wir also ein in Lahms Welt der leibchentragenden Weltkorporationen: „Durch Digitalisierung und Globalisierung haben sie weltweite Communities entwickelt. Bayern-Fans lassen sich genauso einfach in Schanghai finden wie in Oberpfaffenhofen. Weil ihre Märkte seit Jahren rapide expandiert sind, haben sich die Top-Marken in so etwas wie Monopole verwandelt, einen Status, der sich in den kommenden Jahren nur noch weiter verfestigen wird.“

Jetzt mal abgesehen davon, dass die so skizzierte Entwicklung statt „Monopolen“ ökonomisch eher einem klassischen Oligopol entspricht, also der Marktaufteilung unter wenigen etwa gleichstarken Kontrahenten: Was für ein grauenhaft kaltes, restlos durchökonomisiertes und lebensfreindliches Universum Lahm da beschreibt! Wie seelenlos, wie entlarvend ehrlich aber zugleich auch. Als sei es eine Parodie, in die jedes einzelne Buzzword hineingezwängt wurde, um aus „Globalisten“ die raffgierigen Zombies der Weltwirtschaft zu machen, als die sie nach Lektüre dieses Beitrags auch erscheinen.

Die einzige verbleibende Frage ist, wie der Kolumnist von dieser emotional tiefgekühlten Position aus den Bogen schlagen will zu mehr Fan-Glück durch mehr Vielfalt in einem durchmonetarisierten US-Oligopol. Und das geht so: „Ich mag die kosmopolitische Idee sehr, die einer europäischen Liga zugrunde liegt“, denn man könne ja auch Städte und Teams wie Kopenhagen, Athen und Prag irgendwie in diese Liga der Unabsteigbaren integrieren. „Investoren sind an solchen attraktiven Standorten mit Sicherheit interessiert.“

Da habt ihr eure Vielfalt! Oder, auf Englisch, „diversity“. So sieht sie nämlich ohne Tarnmaske aus: Diversity ist, was dem Kapital dient. Nackt. Steril. Unbezahlbar. Habt doch Spaß daran, Fußball- und Vielfaltfans! Nun war diese Argumentation indes so abgrundtief durchschaubar, dass sie im dummerweise offengelassenen Kommentar-Forum des Guardian 242 Leserreaktionen recht eindeutiger Tendenz zeitigte. Die populärste (688 Likes) lautete schlicht: „Nächste Woche: Philipp erklärt, warum die Schließung eures Cafés um die Ecke zugunsten einer Starbucks-Filiale mehr Kaffee für alle bedeutet.“

Was niemand besser auf den Punkt hätte bringen können, war für den Guardian das Signal, Lahms Kolumne fortan eben nicht mehr zum Kommentieren freizugeben. Der Plan einer ESL platzte dann innerhalb von Wochen, weil vehemente Fanproteste ausgerechnet in den Städten jener Klubs aufflammten, die doch die Günstlinge der Reißbrett-Planungen gewesen wären. Lahms alter Club Bayern übrigens hatte sich geschickt an die Spitze der Skeptiker gesetzt, bevor der Lack des eigenen Marken-Images hätte zerkratzt werden können.

Dem journalistischen Kampf des Philipp Lahm für alles Gute, Monetarisierbare und Progressive tat das indes keinen Abbruch. Kurz vor dem EM-Achtelfinale, England gegen „uns“ im Wembley-Stadion, erschien eine weitere Folge seiner Kolumne. Unmittelbar vor Anpfiff jedes ihrer Spiele sinkt die Mannschaft von der Insel auf dem Rasen inzwischen routinemäßig aufs Knie, um ein Zeichen gegen den überall verorteten „Rassismus“ zu setzen und die Fußballfans in einer Art Freiluft-Volkshochschule zu unterrichten, wie politisch akzeptables Verhalten, Reden und Denken geht. Dafür veranstaltet man ja so eine EM, bei der Fußball immer mehr zur Kulisse für den wahren Hauptsport Haltungsturnen reduziert wird.

Das DFB-Team hatte sich bis zur Begegnung in Wembley um den Kniefall herummogeln können und sich stattdessen durch Regenbogen-Banner, -Wimpel und -Armbinden als fortschrittlich und bunt zu positionieren versucht. Sowie als Bastion des moralischen Widerstands gegen den gewählten Regierungschef des Nachbarlands Ungarn, von dessen verschworener Nationalmannschaft man fußballerisch beinahe schon in der Vorrunde ausgeschaltet worden wäre. Lahm lobt in seiner Guardian-Kolumne vom vergangenen Freitag zwar den Kurs, Victor Orbán für sein Verhältnis zur LGBTQ+-Community anzuprangern, hätte sich dabei aber auch noch ein Regenbogen-erleuchtetes Münchner Olympiastadion gewünscht. In ein und derselben Ausgabe der Kolumne wird sodann auch noch vor einer zu risikofreundlichen Coronapolitik in den Stadien gewarnt. Vor allem aber ermuntert Lahm zur Ausführung des BLM-Kniefalls: „Das Symbol ist in den Mannschaftssportarten fest etabliert. Es ist ein starkes Signal über den Umgang mit anderen Identitäten, das jeder versteht.“

Das ließ sich durchaus als Ansage an die aktuellen DFB-Teamkollegen verstehen: Wäre ja noch schöner, wenn ihr während der Demuts-Dehnübung eurer englischen Gastgeber vor Spielbeginn einfach stehenbleiben würdet! Und sei es nur, um sich nicht öffentlich mit extremistischen „Black Lives Matter“-Ideologen gemein zu machen oder die intimstmögliche Geste des Menschen, den Kniefall, nicht zum politischen Voodoo-Ritual verkommen zu lassen. Doch solche Bedenken wären allzu kleinkariert. Stattdessen kam es, wie es kommen musste: Das Löw-Team übte sich vor Anstoß in Wembley gemeinsam mit den Engländern im Synchronknien – und schied anschließend kurz und schmerzlos aus.

Vielleicht wäre das auch mal ein Thema für den Zeitungsbeitrag eines ehemals großen Fußballers, der zur Sprechpuppe des woken Weltgeistes wurde: warum man als Mannschaft erfolglos bleibt, wenn man den politisch neutralen Geist des Fußballs zugunsten multipler Propaganda verrät. Guardian-Leser werden auf diese Analyse ihres Kolumnisten wohl verzichten müssen. Aber kann der stattdessen publizierte elitäre Mischmasch aus Turbo-Neoliberalismus und grün grundierter Haltungs-Bevormundung wirklich allein dem Kopf und der Feder eines Unternehmers mit Ballsport-Hintergrund entsprungen sein? Der Guardian selbst beantwortet die Frage nach der Autorenschaft der Lahm-Kolumne im Abbinder: „Sie wird in Partnerschaft mit Oliver Fritsch bei Zeit Online produziert.“

Wie heißt es in dem alten Monty-Python-Sketch? Nudge, nudge – wink, wink – say no more!

Ein Kommentar

  1. Das Dumme an der Sache: Es gäbe zu den Themen Rassismus und Homophobie im deutschen Fußball tatsächlich einiges zu diskutieren, aber eben intern. Gerald Asamoah und Jerome Boateng haben da z.B. einiges zu erzählen. Interessant wäre auch die Frage, weshalb bis heute schwule Fußballspieler in Deutschland, wenn überhaupt, erst nach ihrer aktiven Zeit ein Coming Out wagen … Aber es ist wohl einfach bequemer, sich einen Regenbogen ums Handgelenk zu wickeln und mit dem Finger nach Osteuropa zu zeigen.

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