Die Liga der schief gewickelten Gentlemen

Es gibt ein neues Tabu im woken England: „Tea-toweling“ gilt ab sofort als unpassend, sofern Kapitalinteressen im Spiel sind. Niemand anderes als der Profifußball, der auf der Insel rituell das „knee-taking“ praktiziert, hätte diese Benimmregel einführen können.
Bitte imitieren Sie das Outfit dieses Herrn nicht. Er könnte Milliardär sein und Ihren Fußballclub kaufen.

Dass „blackfacing“ kulturell anmaßend sei, dass es also also gegen den guten Ton verstoße, sich als Weißer das Gesicht mit Schuhcreme einzureiben, um einen Schwarzen zu mimen, pfeifen die antirassistischen Spatzen seit Jahren von den Dächern. Ab sofort fällt, zumindest in England, auch „tea-toweling“ in diese Kategorie. Ein tea towel ist zu deutsch ein Geschirrhandtuch, im Design gern rot-weiß gekästelt oder gescheckt. Wickelt man sich dies nun um den Kopf und trägt dazu noch Omas altes Bettlaken als Gewand, dann ist man Brite mit eher schlichtem Gemüt und versucht, einem traditionell gekleideten Araber ähnlich zu sehen.

Warum jemand das außerhalb von Kostümfesten im Kindergarten tun sollte? Fragen Sie das bitte die Fans des britischen Erstliga-Fußballclubs Newcastle United. Der abstiegsbedrohte Club wurde dieser Tage von einem Konsortium übernommen, hinter dem schlecht getarnt das saudische Königshaus steckt. Jenes saudische Königshaus, das Schwule foltern und kritische Journalisten exekutieren lässt, nebenbei noch einen Terrorkrieg gegen die Zivilbevölkerung im Jemen führt, um nur ein paar seiner mittelalterlich-mafiösen Praktiken zu nennen. Dieses Königshaus benötigte ein neues Spielzeug, eine Geldwaschanlage und ein Vehikel für die Image-Politur in einem. So erwarb es den darbenden Traditionsverein.

Nichts daran störte die Newcastle-Fans, denn mit ihren unbegrenzten Dollarvorräten könnten die Öl-Saudis ja demnächst Messi und Ronaldo kaufen, sodass der leidgeprüfte Fahrstuhlclub Newcastle doch noch der Zweitklassigkeit entgeht. Also alles saftig für diese Fan-Fraktion. Zur Feier und Verherrlichung der Sugardaddy-Käufer ihres Clubs staffierten sich nicht wenige „Geordies“ beim Besuch des ersten Heimspiels – und der ersten Heimniederlage – unter den neuen Eigentümern am Wochenende gleich mal wie oben beschrieben aus. Sie identifizierten sich also sichtbar mit dem Scheichwesen im Allgemeinen und Besonderen. Und kamen natürlich ins Fernsehen. Seither heißen sie bei gegnerischen Anhängern die „Tea Towel Brigade“.

Den Fans anderer englischer Clubs (etwa des FC Chelsea, der von einem korrupten russischen Erdgas-Milliardär finanziert wird; von Manchester City, im indirekten Besitz des Menschenschinder-Emirats Abu Dhabi; oder von Leicester City, originellerweise Eigentum eines Duty-Free-Tycoons aus Thailand) – diesen gewissenhaften Fans also stieß die offensichtliche moralische Ignoranz der Newcastle-Anhänger sauer auf. Immerhin hatten die Saudis ihren Landsmann, den regimekritischen Journalisten Jamal Kashoggi, 2018 unter einem Vorwand ins eigene Konsulat in Instanbul gelockt, dort von bezahlten Killern ermorden und zur leichteren Entsorgung in einzelne Körperteile zerlegen lassen. Ein Mord, so die Erkenntnisse der CIA, auf direkte Weisung des saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman. Aus demselben Herrscherclan, dem jetzt Newcastle gehört.

So weit, so brechreizerregend. Nun aber kommt der politisch korrekte, der woke Teil. Wenn die Fans gedacht hatten, wenigstens bei den echten Scheichs mit ihrem wüsten Wüsten-Outfit punkten zu können, waren sie schief gewickelt. Die Bilder der jubelnden Tea-Towel-Brigade irritierten nämlich auch das Management des Newcastle United FC, die Bosse der britischen Football Association und der Premier League. Nicht etwa, weil man dort entschieden gegen die Untaten der arabischen Herrschaftsclique ist – i wo, die hatte man ja ausdrücklich in der Liga der ehrenwerten Gentlemen willkommen geheißen. Aber solch eine plumpe Anbiederei einfacher Fußballanhänger an ein Terrorregime droht Werbekunden abzuschrecken, Sponsoren zu verprellen, internationale Übertragungsrechte und das Merchandising zu gefährden. Solche Bilder sollten sich als nicht wiederholen. Was tun?

Der Verein Newcastle United hätte jetzt natürlich eine Ansage machen können: „Liebe Fans, wir möchten die leidige politische Monstrosität dieser Übernahme und die skrupellose Gier aller Beteiligten nach Erfolg und Millionen nicht mehr als nötig ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Bitte tragt deshalb beim nächsten Spiel keine Geschirrhandtücher um den Kopf.“ Aber das wäre natürlich sehr plump gewesen – und eben inkorrekt. Woke sein heißt ja, der Macht des Kapitals zu huldigen und trotzdem den Sensiblen zu mimen. Zum Beispiel durch „knee-taking“, den antirassistisch-politreligiösen Kniefall aller Spieler vor dem Anpfiff am Mittelkreis, der im englischen Fußball zur Norm geworden ist. Vermutlich auf Anraten hochbezahlter PR-Berater verfasste man deshalb etwas anderes, nämlich diese „Hinweise für die Garderobe am Spieltag“:

„Wir bitten die Fans höflich darum, vom Tragen traditioneller arabischer Gewänder oder Kopfbedeckungen, die vom Mittleren Osten inspiriert sind, Abstand zu nehmen, wenn sie solch eine Kleidung nicht üblicherweise tragen würden.“

Ach, herrlich. „Kopfbedeckungen, die vom Mittleren Osten inspiriert sind“, auch bekannt als Geschirrhandtücher. Wer aber glaubt, das sei es nun gewesen mit den sprachlichen Verrenkungen zwischen kultureller Offenheit und mörderverherrlichender Peinlichkeit, der sollte sich wappnen. Denn das windelweiche Statement geht in der Langfassung noch weiter. Der Guardian zitiert die Vereinsführung wie folgt: „Niemand unter den neuen Eigentümern fühlte sich in irgendeiner Weise von den Accessoires der Fans beleidigt, die auf diese Weise zu feiern beschlossen hatten. Es war eine Geste, deren Motive als positiv und einladend verstanden wurden.“ Oh, wie vorbildlich, diese Toleranz und Langmut der neuen Eigentümer aus Mordor! „Allerdings bleibt die Möglichkeit, dass sich auf diese Weise zu kleiden kulturell unangemessen ist und andere zu kränken riskiert.“

Woke sein heißt, der Macht des Kapitals zu huldigen und trotzdem den Sensiblen zu mimen

Stimmt, die Möglichkeit des Beleidigtseins besteht heutzutage rund um die Uhr. Selbst wenn die Fans beim nächsten Mal überhaupt nichts mehr anziehen würden, wären vermutlich die „Streaker“ gekränkt, deren Alleinstellungsmerkmal bislang das Nackt-auf-den-Rasen-Rennen während des Spielbetriebs ist. Jetzt musste aber dringend noch dem möglichen Eindruck entgegengewirkt werden, dass man in Großbritannien grundsätzlich etwas gegen Träger geschirrhandtuchsähnlicher Kopfbedeckungen aus dem Morgenland haben könnte, denn das wäre rassistisch, kolonialistisch, chauvinistisch und noch-viel-mehr-istisch.

So endet die Predigt denn also: „Alle Besucher des Clubs werden wie üblich ermuntert zu tragen, was immer in ihrer eigenen Kultur oder Religion die Norm ist, und so auch weiterhin die breiten und reichhaltigen multikulturellen Gemeinschaften widerzuspiegeln, aus denen der Club voller Stolz seine Unterstützung bezieht.“ Amen.

Die kulturelle oder religiöse Norm – das heißt demnach: als Jude im Stadion bitte Kaftan und Schläfenlocken tragen, als Christ die spitze Ku-Klux-Klan-Mütze, als Hindu ein ganzes Rind und als muslimischer Araber eine Kopfbedeckung, die vom Mittleren Osten inspiriert ist. Nur eben nicht bunt durcheinander. Sonst kann man am Ende die breiten und reichhaltigen multikulturellen Gemeinschaften nicht mehr identifizieren oder fängt doch wieder an, über die bluttriefende Symbolik von Geschirrhandtüchern nachzudenken.

Was bleibt nach Tea-towel-gate? Zum einen die Ironie, dass die erweckte Elite Großbritanniens seit Jahren mit passiv-aggressiver Gouvernantenhaftigkeit versucht, den Fußball zur kultursensiblen Erziehungsanstalt zu machen – ausgerechnet den tribalistischen und naturgemäß an niedere Instinkte appellierenden Ex-Arbeitersport, den sie okkupiert hat. Und es bleibt ein Kreuz (Achtung: nur für Christen!) mit der politischen Korrektheit.


Update, 23.10.:

Vermutlich, weil er diesen Artikel gelesen hat, ist der Verein Newcastle United heute handtuchmäßig zurückgerudert. Er teilte seinen Fans als neue Richtschnur mit: „Wer den Verein durch das Tragen angemessener, kulturell inspirierter Kleidung unterstützen möchte, darf dies tun, wie es ihm beliebt. Wir schließen alle ein.“ (Letzteres bedeutet NICHT: Wir stecken alle in eine Zelle.)

Update, 24.10.:

Unerwünscht ist und bleibt es hingegen, mit einem Transparent im Stadion während des Spiels auf die Menschenrechtsverletzungen des saudischen Königshauses hinzuweisen, wie gestern geschehen. Weil sich das aber politisch kaum begründen ließe, ermittelt die Polizei stattdessen, weil auf dem Transparent ein blutrünstig säbelschwingender Araber zu sehen war. Zur Erklärung twitterte sie: „Jeder Vorwurf rassistischen Missbrauchs wird von uns sehr ernst genommen.“

Update, 27.10.:

Die Polizei konnte doch keinen Rassismus entdecken und hat die Ermittlungen eingestellt. Sturm. Wasserglas. Over.

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