Eine subversive Geschichte aus Schattenwirtschaft der Lockdown-Epoche, die in 30 Jahren bestimmt bizarr klingen wird, wenn Opa sie den Enkeln erzählt

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Na, ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie gut frisiert unsere Spitzenpolitiker in der Tagesschau weiterhin sind? Merkel, Spahn, Söder, Laschet – und natürlich die betonblonde Von der Leyen in Brüssel? Kein Härchen zu lang, kein Löckchen zu wild, kein Vokuhila nirgends. Natürlich nicht. Diese Menschen müssen doch ein Amt ausüben, sie müssen uns auch in der Krise angemessen repräsentieren. Mit anderen Worten: Für ihre Friseure gelten die Lockdown-Öffnungsverbote nicht wie für unsereinen.

Was machen aber arme Esel wie Sie und ich in den nunmehr dauerhaften Zeiten von Corona mit ihrem Haarwuchs? (Ja, selbst ich habe noch welchen, wenn er sich auch nur noch bei Nichtbehandlung bemerkbar macht. Und – siehe unten – neuerdings selbst dann nicht mehr.)

Vor wenigen Tagen bin ich indirekt Zeuge geworden, wie ein berühmter Schriftstellerkollege, der zu einer Online-Feierstunde auf einem Online-Kongress eine wichtige Online-Rede halten soll, sich virtuell händeringend wegen seiner Lockdown-Mähne sorgte.

Er könne sich für die Ankündigung im Online-Veranstaltungsprogramm derzeit einfach nicht guten Gewissens ablichten lassen, ließ mir die Veranstaltungsleitung ausrichten. Ich aber hätte doch vor einiger Zeit, als frisurentechnisch noch alles im grünen Bereich gewesen sei, anlässlich eines Treffens Fotos von ihm gemacht, ob ich die nicht vielleicht (unentgeltlich) zur Verfügung zu stellen die Freundlichkeit hätte?

Aber natürlich, schrieb ich der mir unbekannten Person von der mir unbekannten Literatur-Institution zurück, es wäre mir ein Vergnüngen. Wenn nur der berühmte Kollege bitte eine kurze Bestätigungsmail schicken könne, dass dieser Wunsch tatsächlich von ihm ausgehe.

Innerhalb von fünf Minuten war seine Beglaubigung da. Darin teilte mir der Ungeschorene zudem mit, er halte sich auf meinen Bildern frisurentechnisch für so gut getroffen, dass auch der große Dichter, über den er öffentlich zu sprechen habe, damit sicher einverstanden gewesen wäre. So folgenreich ist das Friseurverbot, so haarig sind die Nöte selbst Bessergestellter bereits. Ob das in Berlin-Mitte jemand weiß? Und ob es ihn oder sie interessiert?

Doch ich wollte von armen Corona-Gemaßregelten wie Ihnen und mir berichten. Von Leuten, die sich doch nun wirklich alle erdenkliche Mühe geben, die wöchentlich verschärften Verordnungen zunächst in ihrer Tragweite zu verstehen, sodann nicht in Schreikrämpfe über ihre Fragwürdigkeit, Widersprüchlichkeit sowie pure Realitätsferne und Willkür auszubrechen, und sie zuletzt – gnade uns Gott, wir sind Deutsche! – auch noch möglichst alle ratzeputz zu befolgen.

Wir gehen also nicht ins Kino, nicht ins Theater, nicht zum Shoppen, nicht ins Stadion, nicht zur Oma, nicht in die Kneipe, nicht mal mehr zum Lachen in den Keller. Bis auf manche suspekte Subjekte, Schelme und Kupferstecher, die dem Vernehmen nach sogenannte Flüsterkneipen besuchen. Diese gesetzlosen Spelunken machen angeblich – ich kann das natürlich nicht wissen – zunehmend in Kellern und Hinterzimmern auf, nur für Eingeweihte nach bestandener Gesichtskontrolle, ganz wie in den USA zu Zeiten der Prohibition.

Und wieder andere gehen zum Flüsterfriseur. Bloß gut, dass ich das nicht muss, denn meine Kopfhaut hat anlässlich der jüngsten Videokonferenz von Merkel mit den Ministerpräsidenten vor Grausen die letzten Follikel abgetötet. Verweigerung des weiteren Stoffwechsels aufgrund stumpfer Unerträglichkeit. So ähnlich, wie der kleine Oskar Matzerath damals das Wachsen einstellte, weil er gegen die nationalsozialisierte Welt der Erwachsenen protestieren wollte. Hat am Ende ja auch geklappt.

Also: der Flüsterfriseur. Das Folgende berichtete mir ein im Herzen junger, gutaussehender, intelligenter Mann, Träger eines Haarbewuchses, der zu seinem Charakterkopf passt. Es ist eine Ohrenzeugengeschichte, die recht unglaublich klänge, wenn ich besagten Herrn nicht in- und auswändig sehr, sehr gut kennen würde. Er ist fast so etwas wie ein Alter Ego, ein Seelenverwandter mindestens, Busenfreund auch, der allerdings zu einer gewissen Selbstverliebtheit neigt. Na ja, Autoren eben. Ja, er ist Autor, gerade so wie ich. Und verdammt gutaussehend, sagte ich das schon?

Jedenfalls, auch dieser Prachtbursche und Edelfederhalter sorgte sich um seine Krisenfrisur. Ich hätte da jetzt beim Blick in den Spiegel noch nicht direkt einen akuten Notfall gesehen, aber einfach so weiterlaufen lassen konnte man das nach mehr als zwei Monaten nun auch nicht mehr.

Unser Prinz Charming also, eigentlich ein verdruckstes Bürgersöhnchen, nahm nach endlos zermürbendem Lockdown all seine Aufmüpfigkeit zusammen und steckte beim türkischen Barbier seines Vertrauens mangels Briefkasten am verrammelten Salon einen Zettel unter der Ladentür durch: „Bin Stammkunde, schneiden Sie mir privat die Haare? Meine Mobilnummer: 0123 456 789.“

Den Augenblick, als er zu nächtlich-winterlicher Stunde den Kassiber durch den Türspalt ins düstere Ladeninnere schob, während in nächster Nähe mehrere Gestalten offensiv untätig einherstanden, bezeichnete er mir gegenüber im Nachhinein als seinen „politischen Erweckungsmoment“. Er neigt ein wenig zur Dramatik, der Gute. Natürlich hätte er dem Barbier das Ganze auch einfach auf den AB sprechen können, der sicherlich ebenso häufig abgehört wird, wie man im Salon Zettel vom Boden aufliest. Das aber habe ihm sein Sinn für das Ansammeln von spannungsreichem Romanmaterial verboten, behauptet er. Ich glaube ja, es ist ihm einfach erst jetzt nicht eingefallen.

Das Weitere nun trug sich per WhatsApp zu. Oder war es Telegram? Laut Verfassungsschutzbericht muss es Telegram gewesen sein, aber sei’s drum. Auf dem Display seines Handys fand unser Freund jedenfalls bald darauf eine Nachricht vor. Fast weigerte er sich indes, sie mir vorzulesen, da sie ihm zu billig, klischeebehaftet und außerdem herabwürdigend erfunden erschien – wenn sie eben nicht genau so da gestanden hätte:

„Hi ich bin ali friseur“

Der gute Mann, Stammkunde im türkischen Salon, kannte dort keinen Ali. Seines Wissens hießen Friseure und auch sonstige Menschen aus dem Orient nicht mehr Ali, seit Günter Wallraff 1983 als Ali Levent Sinirlioğlu bei McDonald’s anheuerte.

Irritiert, aber weiterhin wild entschlossen erkundigte sich der Überschussbehaarte beim Ali des 21. Jahrhunderts per Messenger, ob er zum Haareschneiden irgendwo hinkommen könne. Bei ihm selbst zuhause gehe das nämlich nicht, im Büro natürlich schon gar nicht.

Wieso gehe das zuhause nicht, fragte ich meinerseits den sehr, sehr guten Freund im Nachhinein, quasi als die Stimme seines Gewissens. Das sei doch viel einfacher, da müsse er sich auch nicht selbst in die Privathöhle irgendeines Löwen wagen. Keine Antwort. Gedruckse. Dann ein Gemurmel: Es sei ihm peinlich, seine Lebensverhältnisse im Lockdown Fremden zu offenbaren. Die leeren Pizzakartons, die ungemachten Betten, die Nachbarn, das wisse ich doch alles. Nein, ich wusste nicht. Gar nichts wussste ich!

„Ich bin zu Hause, du kannst um ein Uhr kommen, wenn du willst“, kam die Auskunft dieses Mal fehlerfrei wie aus der Google-Übersetzerpistole, gefolgt von einer Adresse in der Innenstadt.

„Alles klar, ich komme um eins“, bestätigte der Haarverlotterte aufgeregt per Text, als habe er gerade einen Drogendeal klargemacht. Es gab jetzt kein Zurück mehr. Die kriminelle Metamorphose dieses braven Bürgers und Lockdown-Untertans hatte dieselbe Eigendynamik angenommen wie die von Walter White, dem Chemielehrer, der zum Crystal-Koch wurde.

Die postwendend eintreffende Mitteilung von Ali 2.0 warf ihn allerdings fast schon wieder aus dem Gleis:

„Bis du komme ja oder“

War der Google-Übersetzer abgestürzt? Oder war dies eine Fangfrage des BKA? Man hörte ja so allerhand über die strikte polizeiliche Durchsetzung der 92. Corona-Verbotsverordnung. Hatte er sich zu weit vorgewagt? Und stimmte das mit der „Ende-zu-Ende-Verschlüsselung“ überhaupt?

„Ich komme zu der Adresse“, tippte unser Lockdown-Opfer in teutonischer, passiv-aggressiver Gründlichkeit erneut und wiederholte auch die empfangene Adresse buchstabengetreu. Sowie die Uhrzeit, im Format Stunde Stunde Minute Minute. Es las sich ein wenig wie der Einsatzbefehl beim Sondereinsatzkommando: „Zugriff um 1300“. Dann googelte er die Adresse auf dem Stadtplan. Fünfzehn Fahrradminuten vom Büro. Mittagspause, unverdächtig. In einem nicht von der Sonne beschienenen Teil der Innenstadt allerdings.

„Jaa perfekt bis klar“, sprach Ali ihm zwischenzeitlich schriftlich Mut zu, ohne damit letzte Zweifel ausräumen zu können.

Die Instrumente (Abb. ähnlich)

Unser Mann, dem die RestHaare unter all dem Stress noch ein wenig schneller gewachsen zu sein schienen, machte sich auf den Weg. Viel zu früh kam er an dem gut getarnten Gebäude an, einem unauffälligen Wohn- und Geschäftsriegel in Siebzigerjahrebeton. Zeit genug, noch um ein, zwei weitere mörderhässliche Blocks zu flanieren und die an einer Fassade großformatig angebrachte Durchhalteparole zu registrieren: „Bleiben Sie gesund!“

Ja, das nahm er sich vor, unser Mann. Ganz fest. Was immer ihn auch dort, wo er hingehen würde, erwartete. Da fiel ihm auf: Wo genau würde er eigentlich hingehen? Die Hausnummer kannte er nun, aber an der Tür waren viele Klingelschilder. Und keines fing mit „Ali“ an. Sein Herz klopfte laut (so berichtete er mir später, ausgerechnet er, der Klischees doch so hasste).

Aber der Punkt der Nimmerwiederkehr war überschritten. „Stehe vor der Tür“, textete unser Walter White des Haarschneidebusiness um genau 1300 tapfer, sachdienlich und in der nicht unbegründeten Hoffnung, nunmehr den türöffnenden Namen zu erfahren.

Und tatsächlich: Ein multikultureller Nachname erschien auf dem Display. Das korrespondierende Klingelschild war schnell gefunden. Ein Druck – und der Summer ertönte. Vierter Stock.

In Spielfilmen und in den Geschichten des ehemaligen Gefahrensuchers Glumm war es immer so, dass man in gewissen Häusern kurz vor Erreichen der Wohnungstür noch von ein, zwei bewaffneten Glatzköpfen auf entwürdigende Weise gefilzt wurde. Hier: nichts davon. Im Hausflur, der vage nach Weißkohl roch, bloß abgestellte Kinderwagen. Oben wartete Ali an der offenen Tür und bat den behaarungsmäßig Herausgeforderten herein, als handle es sich um einen Staubsaugervertreterbesuch.

Doch zu welchem Zweck hätte unser Freund solch ein Gerät anpreisen sollen? Es gab hier nichts staubzusagen. Keine Teppiche, kaum Mobiliar, so weit der Blick durch die einzige offenstehende Zimmertür offenbarte. Niemand zuhause außer Ali, so schien es. Die Wände waren nicht tapeziert, dafür dick mit milchiger Farbe bestrichen, die sich noch vor dem Trockungsprozess an vielen Stellen über die Holzimitat-Vertäfelung im unteren Wandbereich ergossen hatte. Auch der zentrale Flur: fast leergeräumt, bis auf einen Spiegel, vor dem einige Geräte und Instrumente griffbereit lagen. Der Fußboden: komplett mit Plastikfolie ausgekleidet. Hier schien alles bereit zum Crystal-Kochen. Die Atemschutzmaske hatte Ali bereits angelegt, wenn auch nur aus chirurgischem Zellstoff.

Aus dem Nichts zauberte der Heimfriseur als nächstes einen altertümlich aussehenden Polsterstuhl herbei und platzierte ihn hinter seinem Besucher. „Tee?“, fragte er wortkarg, aber vollendet höflich. „Gern!“, entfuhr es seinem Privatkunden überrascht. Ehe er sich’s versah, saß er plastikbekittelt wie im türkischen Stamm-Salon vor dem Spiegel, der in der Kargheit des Interieurs und im matten Licht der Flur-Funzel schon Sartre-mäßig existenzialistisch wirkte. Hypnotisch vom Ebenbild angezogen, ergab er sich versonnenen Selbstbetrachtungen sowie seinem Schicksal. Nicht ohne vorher noch einmal am aromatisch dampfenden Tee zu nippen.

Es stellte sich schnell heraus, was sich längst angedeutet hatte: Ali sprach nicht viel. Nicht viel Deutsch, erst recht kein Englisch. Sein Flüsterfriseur komme aus Syrien bzw. Kurdistan, glaubte unser Lockdown-Event-Tourist verstanden zu haben. Darüber hinaus gelang es ihm, dem inquisitorisch Neugierigen, immerhin noch, die Auslastungsquote des Untergrund-Salons zu ermitteln: „Drei bis fünf“ Gäste würden hier täglich empfangen, teilte Ali geschäftssinnig mit. Alle Achtung! Da stampfte die Regierung Merkel offenbar aus dem Stand ganz neue Industrien aus dem Boden.

Auch handwerklich war das alles sehr vorzeigbar. Ali schnippelte mechanisch hier, summte elektrisch dort, schabte mit scharfer Klinge noch woanders, entfernte gar zuletzt die Überlängen der Augenbrauen, nicht ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Schlussendlich die Probe im Handspiegel: ja, alles bestens. Nun aber, da schon der Plastikkittel von ihm abfiel, musste unser Underground-Kunde sie spätestens stellen, die bis hierher aufgeschobene Frage: „Wie viel kriegst du?“ (Man war, als Mit-Verschwörer und wegen der Sprachbarriere, umstandslos zum Du übergegangen.)

Kaum war’s bang über seine Lippen gekommen, da traf ihn die Antwort wie ein Scherenschnitt: „Ist geschenkt!“

Wie bitte? Das konnte doch nicht wahr sein! Solch ein gütiger und selbstloser junger Mann! Das war sie also, die sagenumwobene, uferlose orientalische Gastfreundlichkeit! Aber nicht mit meinem, unserem deutschen Freund. Der nämlich wusste: Leistung musste leistungsgerecht bezahlt werden. Gefangene Geschenke wurden nicht gemacht! Und schon gar nicht akzeptiert! Schon allein das Aufbrauen des Tees hatte seinen Gastgeber ja bares Geld gekostet. Wo käme man denn da hin, diesem braven Messer- und Scherenmann hier nicht den verdienten Obolus zu entrichten! Sah man vielleicht aus wie ein Hungerleider? Wie einer, der in der Not des Lockdowns an aufopferungsbereiten Friseuren schmarotzte?

„Quatsch, Geschenk. Ehrlich jetzt, was bin ich dir schuldig?“, intonierte unser Freund in, wie er hoffte, volltönendem Bassbariton.

„Fünfundzwanzig!“, kam die neue Auskunft keine Nanosekunde später in Hedgefondsmanagergeschwindigkeit. Am Wortende allerdings mit einem ganz leicht relativierenden Beiklang von Vorschlag oder Verhandlungsbasis.

Diese Zahl nun ließ das Überraschungspendel bei unserem Schnellfrisierten – es waren keine zehn Minuten vergangen und geschätzte 87 Haare lagen auf der Plastikfolie – weit in die umgekehrte Richtung ausschlagen. Kaum wusste er, wo ihm der vom Gratisangebot immer noch betörte Kopf stand (was, wie er mir gegenüber im Rückblick einräumte, womöglich von Anfang an das Ziel dieser psychologischen Standardbehandlung gewesen sein mochte, ihm aber erst später zu Bewusstsein gekommen sei).

Man einigte sich dann auf Zwanzig.

Zwanzig?, fragte ich meinen kurzgeschorenen Freund nach Abschluss seines immer noch atemlosen Berichts. Wie sich denn dieser Preis letzten Endes zusammengesetzt habe?

Nun ja, rechnete er vor, offensichtlich ganz im Reinen mit sich und der stattgefundenen Transaktion: netto 15,99 Euro für die unversteuerte und versicherungsfreie Dienstleistung selbst – und 4,01 Euro Vergnügungsabgabe für das grandiose Gefühl, dem Corona-Regime ein Schnippchen geschlagen zu haben.

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