Straitjacket Paradise (9): Wer framte Jolly Roger?

Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.

Verwitterte, geheimnisvolle Botschaften einer untergegangenen Zivilisation, deren Körperhygiene einen bis dahin nie gekannten Höchststand erreicht hatte. Entdeckt an einer Säule der berühmten Ausgrabungsstätte „Elbphilharmonie“ in den Ruinen Hamburgs, einer mythischen Metropole an den Ufern der Elbe (Neo-Germanien). Neueste Forschungen haben ergeben, dass die Besucher dieses Tempels jahrhundertelang, immer wenn es Herbst wurde, ihre uralten Gesundheits-Riten neu zum Leben erweckten. Dazu wurden die verblassten Zeichen mit kräftiger Farbe aufgefrischt.

Wer sich den Zauberformeln dann noch widersetzte, wurde aus der Kultstätte verbannt und, so heißt es, als Ungläubiger an Ort und Stelle im Strom ertränkt. Erschien danach ein Regenbogen über dem Fluss, so galt der Exkommunizierte posthum als rehabilitiert.

Inflation Watch: Ich weiß nicht, warum sich gerade die Armen solche Sorgen um die Geldwertstabilität machen. Ein 450-Euro-Jobber verdient weiterhin exakt 450 Euro, gerade so wie letztes Jahr um diese Zeit.

Irgendwo ist immer Wahlkampf, und da empfehlen sich natürlich in jedem Fall die Kandidat*innen der unverwechselbaren, modernen Anti-Volksfrontpartei CDU CSU SPD FDP GRÜ:

Oh, was ist denn das für ein Detail?

Schau an, der „Jolly Roger“! Die Anstecknadel am Revers, die bei jedem US-Politiker unweigerlich die Nationalflagge darstellen würde, ziert hier der olle Knochenkopp alias „die Piratenflagge“, das informelle Abzeichen des Zweitligisten FC St. Pauli. Da ist wohl jemand Fußballfan und Anhänger jenes Clubs, der sich als „Non-established since 1910“ etabliert hat. Okay. Kann ich mit leben, auch wenn ich persönlich einen anderen Zweitligisten unterstütze. Ist doch ziemlich wumpe.

Ja, unsereinem ist diese Art von Zeichensprache egal. Der plakatierte Pappkamerad allerdings ist Vertreter einer Partei und Bewegung, die uns immer wieder neu darüber aufklärt, welche Zeichen und Symbole nicht gesellschaftsfähig sind und ihren Träger ins Abseits stellen. So war es für die kultursensiblen Grünen eine „widerliche Provokation“, als ein AfD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus bei einer Feierstunde für die Opfer der Novemberpogrome eine Kornblume am Jackett trug. Die nämlich hatten Nazis und Antisemiten in den 1930er-Jahren zu ihrem Erkennungszeichen gemacht. Im Zweiten Weltkrieg war sie außerdem das Symbol der 22. SS-Kavallerie-Division:

Nach den Maßstäben seiner eigenen Partei hätte der grüne Kandidat, aber auch der sich ultra-progressiv gebärdende Fußballclub jetzt einen gewissen Rechtfertigungsbedarf. Denn was flächendeckend als Werbeträger der rebellischen Kicker vom Kiez vermarktet wird, war in der jüngeren deutschen Geschichte auch schon mal das Abzeichen eines ganz anderen Vereins:

Das Signet der SS-Totenkopfverbände, zuständig für die Bewachung der Konzentrationslager, prangte während des Dritten Reichs am Kragenspiegel der Wärter-Uniformen. Zwar haben die beiden Versionen des Schock-Schädels selbstverständlich nicht die geringste inhaltliche Gemeinsamkeit. Deutsche Sportkultur (FC) und deutsche Unkultur (SS) existieren zeitversetzt berührungslos nebeneinander her. Doch das hat Grüne noch nie davon abgehalten, Zeter und Mordio zu schreien, sobald sie jemanden beim Zeigen historisch belasteter Symbolik erwischen.

Wie gut, dass die meisten Menschen nicht so empfindlich sind, wenn ein deutscher Parlamentarier zur Abrundung seines vertrauenserweckenden Persönlichkeitsbilds im Wahlkampf eine Ansteckndadel an seiner Politiker-Uniform trägt, die einen grinsenden Totenschädel mit gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund zeigt.

Die Bundesagentur für Arbeit und die Handwerkskammer Hamburg beehren sich, Ihre Vermählung mit der Klimasekte Fridays For Future anzuzeigen:

Konsequenterweise hätte man aber aus Anlass des freudigen Ereignisses nicht nur fusionieren, sondern auch gleich umfirmieren sollen: „Bundeskammer für Freitags-Future“ wäre eine Option. Öffnungszeiten: 24/7.

Arbeitsamtlich beglaubigt ist jedenfalls nun, dass „freitägliche Demonstrationen“ Beweis für die Dringlichkeit der „Klimawende“ sind. Dass diese Wende aber nur gelingen könne, „wenn es Expert:innen gibt, die diese neuen Technologien für Menschen nutzbar machen“, das wirft Fragen auf: War der Ausstieg aus nahezu jeder Art von uns bis dahin bekannter Energie nicht von der eisernen Kanzlerin schon 2011 eingeleitet worden, gleich nach Fukushima? Und gerade mal elf Jahre danach kommen jetzt Behörden und Branchen dahinter, dass man für den damals planlos begonnenen Totalumbau eines ganzen Landes so etwas wie Fachpersonal braucht? Wozu wurden außerdem „neue Technologien“ enwickelt, wenn deren Nutzbarmachung dem Brieftext zufolge bis heute aussteht, ja die Technologien offenbar noch auf eine Nutzungsidee warten?

Niemand wird das gequälte Lächeln der Job-Berater sehen, die Antworten auf all diese Fragen schuldig bleiben müssen: Im Berufsinformationszentrum gilt weiterhin die FFP2-Maskenpflicht.

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