Straitjacket Paradise (7): Ich nicht!

Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.

Heute mal wieder eine Folge voller Zeichen und Wunder. Propaganda-Watch, Update: Hundertjährige TWASBO-Leser wissen, dass ich mich seit Anbeginn der Zeit über die dreiste Kaperung und Bepflasterung der Hamburger Mönckebergstraße in Rathausnähe mit dieser fußballfeldgroßen Parole uffjeregt habe:

Bis vor wenigen Tagen – ich weiß es, weil ich da täglich drüber radeln muss – stand diese seit März 2021 das Klima vergiftende Wahlwerbung für Hamburgs mitregierende Grüne vollkommen unhinterfragt da. Einmal wurde sie sogar schon mit finanzieller Unterstützung der einschlägigen Stadtprominenz aufwändig restauriert (kurz vor der Bundestagswahl). Gestern komme ich da wieder vorbei und bemerke rote Farbe, wo vorher nur Grün war. Mit einiger Mühe ist noch „Ich nicht“ zu entziffern, der Rest wurde von aufmerksamen Revolutionswächtern bereits unlesbar weggekärchert. Und doch: Wenn jemals eine Schmiererei Hoffnung geweckt hat, dass doch noch nicht alle im Gleichschritt getaktet durch die Gegend schlurfen …

PS: Die ganze Graffiti-„Kultur“ hat einstmals damit begonnen, dass freche, coole, linke Schmuddelkinder reinliche Hausfassaden besprühten und so gegen die piefigen Zwänge und bräsigen Glaubensgebote der Spießer-Gesellschaft aufbegehrten. Merken Sie was?

Jetzt müssen Sie mal kurz stark sein. Der folgende Anblick könnte Ihr Gleichgewicht gefährden, zart besaitete Naturen sollten besser wegscrollen oder -swipen. Es ist nämlich so: Im Hamburger Stadtteil Winterhude treffen Sie derzeit völlig unvorbereitet und in aller Öffentlichkeit am hellichten Tag auf das Zeichen Ursula von der Leyens.

Und allein die Tatsache, dass man diesen Sternenkranz sonst eben überhaupt nirgendwo aus den Fenstern der Hütten flattern sieht (hingegen natürlich von allen offiziellen Masten der Paläste), und dass man so verblüfft ist, wenn man dann in dieser Weise darauf stößt, als habe gerade die europäische Fußballtransnationalmannschaft das hoch emotionale Finale gegen Ostasien erreicht, und dass man dann überlegt und darauf kommt: Hey, na klar, das ist hier ja ein reicher, woker, diverser, linksliberaler Stadtteil, in dem selbst die Noch-nicht-ganz-so-gut-Situierten selbstverständlich nur eine Partei wählen und selbstverständlich ihre Tugendsignale jederzeit parat haben, wenn es Tugend zu signalisieren gibt – allein das macht es schon fast wieder sympathisch.

Auf der anderen Seite muss man den deutschen Hang zum Symbolismus auch mal loben, wenn Lob angezeigt ist:

Dieser Friedensappell zum Ukraine-Krieg wurde ganz am Ende der Seebrücke im Ostsee-Örtchen Niendorf bei Travemünde arrangiert. Und ich muss sagen: Ja, doch, das würde ich persönlich mit meinen eigenen Steinchen oder Glasperlen unterschreiben. Denn siehe, sie taten genau das, was TWASBO immer predigt: Sie gemahnten diplomatisch an den Friedenswillen, enthielten sich aller Scharfmacherei und hetzten nicht für stahlhelmgrüne Kampfpanzerlieferungen an ein unappetitliches Oligarchen-Regime und ukrainische Nazi-Schwadronen. Diese Kieselsteine brüllen nicht: Hallo! Haltung! Gesinnungsausweis! Nieder mit! Vorwärts zum! Puck Futin! Nein, hier schimmert echtes, parteiübergreifendes Mitleiden mit den Opfern des Krieges durch. Chapeau!
Und Amen.

Inflation-Watch: In einem Moment der Schwäche wollte ich mir am Wochenende bei der schmierigen griechischen Imbiss-Butze in der Nachbarschaft „Gyros im Brot“ holen. Draußen stand noch „4,50 Euro“ als Preis dran, aber schon mit Fettstift durchgestrichen und mit „5,00 Euro“ überschrieben. Als ich das Machwerk dann in der Hand hielt, sprach der Maestro zu mir: „Macht sechs Euro!“ Wie, sagte ich, draußen stehe doch … Jaaaa, aber ich verstünde doch sicher … die Flasche Speiseöl sei ja auch schon wieder teurer … und er habe nur noch nicht die Zeit gehabt, die alten Preise … etc. pp.

Wenn Sie zwischen dem Iwan, der Lauterbachvariante, dem Klimaquark und der Geldentwertung entscheiden sollten, welcher der vier apokalyptischen Reiter dieses Land zuverlässig in Aufstand und Auflösung stürzen wird – verwetten Sie bitte ohne zu zögern Ihr Häuschen auf die galoppierende Inflation. Nichts hat eine solche soziale Sprengkraft wie die I-Bombe. Als Deutschland zuletzt in den Achtzigerjahren zehn Prozent Geldentwertung pro Jahr erlebte, lagen die Zinsen immerhin bei etwa acht Prozent. Das heißt, für Sie als Sparer (heute unbekannt) verlor Ihr Geld jährlich „nur“ etwa zwei Prozent an Wert. In Kürze verliert es zehn Prozent per annum, denn Zinsen sind schon lange abgeschafft. Führte man sie wieder ein, würde die von Corona und Krieg fast erwürgte, nur vom künstlichen Aktienboom und der Staatsverschuldung noch beatmete Wirtschaft vollends kollabieren. Und die EZB wird doch keine Großaktionäre oder Immobilienspekulanten ärgern. Außerdem schrumpft der Staat auf diese Weise billig seine Billion an Corona- und Ukraineschulden auf Gyros-Größe.

Abschließend die Geldwert-Vorschau auf April 2023 (übrigens zum hundertjährigen Jubiläum der ersten deutschen Hyperinflation):

(Netzfund)

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