Straitjacket Paradise (6): Live aus dem Enddarm

Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.

Im Science-Fiction-Film „The Arrival“ landen intelligente Außeridische auf der Erde. Leider verstehen wir sie nicht. Also versucht die Linguistin Louise im Auftrag des Militärs ihre Sprache zu lernen, aus Angst vor möglichen Infektionen beim Kontakt mit den Aliens anfangs mit Atemmaske und sterilem Schutzanzug. Im Verlauf einiger Wochen macht die Kommunikation langsam Fortschritte. Längst parliert die Forscherin ohne lästige Plastikhaut und Maske mit den Besuchern aus dem All – während die Offiziere und Soldaten um sie herum nach wie vor in ihrer klobigen Isolationskluft stecken.

Dies, meine Damen und Herren, nennt man eine filmische Metapher: symbolische Bilder für gegensätzliche Geisteshaltungen, die der Dialog somit nicht umständlich erklären muss. Die Wissenschaftlerin hat dank ihrer alternativen Methoden Vertrauen zur Harmlosigkeit der nicht aggressiven Außerirdischen und zum lebendigen Miteinander gefasst (und wird am Ende damit Recht behalten). Die misstrauischen und auf Abgrenzung getrimmten, dauermaskierten Uniformträger um sie herum hingegen rechnen weiterhin nur mit dem Schlimmsten. Sie können nicht aus ihrer Haut, wie man so sagt.

Unerklärlich, dass der sechs Jahre alte Film im Lande Lauterbachs noch immer nicht verboten ist. Pro Test!

Mein heißgeliebtes Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bleibt sich treu und nutzt in diesen Tagen seine eitergelbe Fassade als großformatigen Gesinnungsausweis: #hamburg stands with ukraine lautet die originelle Losung. Das wirft Fragen auf: Warum eigentlich auf Englisch statt auf Ukrainisch, Russisch oder gar Deutsch? Als Ergebenheitsadresse an unsere American Neoliberal Overlords? Und fördert es den #peace, in diesem Konflikt besinnungslos Partei für den einen der beiden korrupten, runtergerockten, raffgierigen Oligarchenstaaten zu ergreifen? Und wer hat die Museumsleitung legitimiert, im Namen Hamburgs zu sprechen (also auch in meinem)?

Aber es geht doch um die Menschen! Ja sicher, bloß den Profit schlagen aus der Bereitschaft des Westens zur Abschaltung jeder kritischen Vernunft dann Menschen wie Rinat Achmetow, der Gute Ukrainische Oligarch®. Der hier beschriebene Unterbau des Achmetow’schen Stahlwerks in Mariupol ist hoffentlich nur wilde russische Propaganda.

Die eigentliche Frage aber lautet mit Blick auf die kleine Fotogalerie doch: Was zum Teufel reitet das staatlich subventionierte Kultur-Establihment, dass es seit dem Ausbruch der Todesseuche vor gut zwei Jahren zwanghaft und unaufgefordert zu jeder politischen Frage seinen großformatigen System-Senf gibt? Es muss eine Ahnung der eigenen Irrelevanz sein: Wenn man schon nicht gefragt wird, dann sollten die Antworten wenigstens die Erwartungen der Mächtigen erfüllen. Vielleicht nützt es ja noch mal was.

Wie tief, möchte man mit Fefe fragen, stecken die einst friedensbewegten Grünen neuerdings im Enddarm der Amerikaner? Die erste Antwort gab Habeck kürzlich in Washington: endoskopisch tief. Für das grüne Deutschland erbettelte er dort wortwörtlich eine dienende Führungsrolle. Ich möchte nicht wissen, wie die Amis hinter dem Rücken der devoten Delegation gelacht haben. Die zweite Antwort gab Baerbock mit ihrer Zustimmung, jetzt auch schwere Waffen an die Ukraine ins Konfliktgebiet zu liefern und „uns“ damit endgültig zur De-facto-Kriegspartei zu machen.

Unsere Green Young Global Leader haben längst den Ozean gewechselt: von Pazifisten zu Atlantikern.

Ich bin jetzt in einem Alter angekommen, in dem ich alle publizierten Parolen, Wordings, Slogans, Claims, Testimonials und Bekenntnisse postwendend in die verlogenen Mäuler zurückstopfen möchte, aus denen sie entwichen sind – mein eigenes eingeschlossen. Der Fluch der Lebenserfahrung.

Dumm ist nur: Wer keine schlichten ideologischen Gewissheiten mehr hat, wird vom neuen Alltag leicht in Verwirrung gestürzt. Lese gerade, dass beim Hamburger Ostermarsch der verbliebenen Friedensbewegung auch die „Omas gegen rechts“ mitgelaufen sind. Sind das jetzt also a) Putinversteherinnen, weil der ja die Ukraine „entnazifizieren“ will, oder b) selber Nazis, weil gegen den gerechten Abwehrkrieg eines unterdrückten Volkes? Aber wenn c) Putin der neue Hitler ist, wer ist dann eigentlich der neue Che Guevara? Urteilen Sie bitte stündlich neu und aus der Hüfte.

Zum Abschluss für heute neue Eindrücke vom Spitzenfußball im Turbokapitalismus und umgekehrt. Natürlich wieder aus England, wo sie uns stets in beidem ein wenig voraus sind. Der schwerst abstiegsbedrohte Erstligaklub Burnley FC ist, wie so viele andere Clubs auf der Insel, im Besitz eines global agierenden Hedgefonds. Dieser Clubeigentümer hat nun dafür gesorgt, dass ein 92-jähriger Dauerkarteninhaber von seinem Stammplatz vertrieben wurde, um dort eine Box mit luxuriösen „Corporate Seats“ für VIPs errichten zu können. Die Box steht seither fast andauernd leer, denn Burnley ist ein vergleichsweise armer Club im Arbeitermilieu. Als der alte Mann sich beklagte, auf dem ihm stattdessen zugewiesenen Plastiksitz könne er wegen seiner Rückenschmerzen nicht sitzen, riet ihm der Verein, es mit einem Kissen zu versuchen. Für Hedgefonds-Betreiber, Ladies and Gentlemen, ist jeder von Ihnen dieser 92-Jährige.

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