Straitjacket Paradise (4): Praktisch denken, Särge schenken

Unsere Welt ist klein geworden. So klein wie eine Gummizelle: gut gepolstert, ausbruchssicher, überfüllt. Ein Elektroschock am einen Ende pflanzt sich bis zu den Insassen am anderen Ende fort. Und wir stecken mittendrin – woran TWASBO in dieser Reihe erinnert.
Tageslosung des Großen Bruders:
Mein Hamburger Verkehrs-Verbund, mein Kampfplatz für den Hochgeschwindigkeits-Frieden!

Vor dem Anstoß zum englischen Premier-League-Fußballspiel zwischen Liverpool und West Ham, so schildert es der Liveticker am 5.3., stellen sich beide Teams gemischt am Mittelkreis auf. „Sie geben damit ihrer Solidarität für die Ukraine Ausdruck.“ Beide Kapitäne tragen gelb-blaue Armbänder. Liverpools Fans singen „sehr laut und betont You’ll Never Walk Alone“ – das tun sie eigentlich immer vor Spielbeginn, aber diesmal bedeutet es: „Der Fußball steht zusammen.“

Kaum hat er eine Minute zusammengestanden, kann das Match losgehen – „aber erst, nachdem jeder Spieler aufs Knie gesunken ist. Noch mehr solidarischer Applaus im Kampf für Gleichheit. Es gibt keinen Raum für Rassismus.“

Kaum auszudenken, wenn jetzt noch ein drittes erleuchtetes Tugend-Ritual unter kickenden Multimillionären und Volkserziehungsmedien hinzukäme. Dann müsste die Choreographie aus bewusstem Beisammenstehen, Kniefällen und – sagen wir – dreifachen Rittbergern für Klimagerechtigkeit wohl Teil der Trainingsroutinen werden, damit kein Profi aus dem Takt kommt.

Gespielt wurde dann offenbar am Rande auch noch. Und dieses Polithappening namens „Fußball“ war einmal der herzhaft-raubeinige Kampfsport des Proletariats.

P.S. Trotz aller Propaganda erweisen sich die Prols weiterhin als schwer erziehbar. Im Stadion des Londoner Vereins Chelsea FC unterbrachen sie die „Schweigeminute“ für die Ukraine mit Fangesängen auf den russischen Clubbesitzer Roman Abramovitsch, der Chelsea nun als persona non grata an andere dubiose Milliardäre verkaufen muss. Der böse Russe war einfach zu gut zu ihrem Club.

„Was können wir noch tun?“, fragt die Papierversion der Zeit aktuell unbefriedigt in der Aufmacher-Zeile: „Reichen Waffen, Boykotts und Spenden für die Ukraine aus?“ Die Frage zu stellen heißt natürlich, sie stramm zu verneinen.

Ahnen Sie, was wir nach Ansicht der Maulheldinnen und Sandkastenstrategen aus den Teppichetagen des ehemals liberalen Blattes noch tun könnten? Statt immer die Füße stillzuhalten? Statt immer nur passiv im eigenen Land zu verharren und unsere schönen Export-Panzer von anderen steuern zu lassen? Statt uns vom Russen nur demütigenden Anschauungsunterricht in echten Zangenbewegungen geben zu lassen? Hallo! Diesmal haben nicht wir angefangen! Da werden wir ja jetzt wohl mal durchmarschieren dürfen!

Wir als die Guten könnten zum Beispiel „proaktiv“ militärische Flugverbotszonen über der Ukraine erklären, die wir (sprich: Amerika) dann natürlich gegen Putins Luftwaffe bei Bedarf auch gewaltsam durchsetzen müssten. Was zwar „herausfordernd“ wäre, schreibt die kecke Miss Sophy Antrobus vom „Freeman Air and Space Institute“ am Londoner King’s College im Guardian, dem Champagnersozialisten-Zentralorgan. Aber was soll schon groß passieren, außer ein garantierter Clash zwischen den Atommächten USA und Russland mitten in Europa?

Auch die Klimajugend demonstrierte übrigens am diesmal vorverlegten Thursday for Future in Hamburg hochflexibel für die Future der Ukraine. Also nicht etwa gegen Krieg an sich und für die Rückkehr der Vernunft, sondern mehr so für tapferes Durchhalten und möglicherweise ja auch strategische Geländerückgewinne, jedenfalls für ganz viel bewundernswerten Heldenmut der Dortigen im Angesicht des übermächtigen Feindes. Gegen den man natürlich (in sicherer Distanz) ganz doll solidarisch mit gelb-blauen Fähnchen wedelte. Die Veranstalter sprachen im Rausch ihres neu entdeckten Patriotismus für ein fremdes Volk von 120.000 teilnehmenden Schulschwänzerkindern, die Polizei etwas vorsichtiger von 20.000. Es war aber vom Augenschein schon eine beträchtliche Menge, zumal wieder ganze Lehrerkollegien ihre Schülerschaft aufgerufen hatten, gemeinsam mit ihnen für die gute Sache auf die Straße zu gehen.

Darin unterschieden sich die Pädagogen nicht von ihren Kollgen, die 1914 die deutsche Jugend stolz und freudig hüteschwenkend in den endlich eröffneten Ersten Weltkrieg geleiteten.

Hamburg-Eilbek, etwa drei Kilometer Luftlinie von meinem Haus entfernt, nach dem Feuersturm der alliierten „Operation Gomorrha“ 1943.
Derzeit kostet in einem Hamburger Baumarkt die „Ruine Z-Form“ noch 1.570,- Euro („Lieferung: Frei Haus“). Schon bald könnte der Preis auch für X-, Y- und alle anderen Formen auf Null sinken (Lieferung: Frei Trümmerfeld).

Kaum ist der Klopapier-Hype Vergangenheit (erinnert sich noch jemand an den Auslöser?), da scheint das Hamstern eines neuen Überlebensretterleins in Mode zu kommen: Jod-Tabletten. Warum? Nun, dem Hamburger Abendblatt zufolge kann Jod gegen die nach einem Nuklearangriff möglicherweise leicht erhöhten Strahlenwerte nützlich sein. Wunderschön an diesem Service-Artikel ist vor allem der Satz, der einem befragten Mediziner zugeschrieben wird: „Der Schilddrüsenspezialist erklärte seinen Patientinnen, dass es keinen Sinn ergebe, bereits Tage oder Wochen vor einer solchen möglichen Katastrophe Jodtabletten zu nehmen.“

Auf ganz ähnliche Weise ist übrigens auch ein Suizid vor einer Lebenskrise meist gar nicht sinnvoll. Nein, nein, die viel weitsichtigere Empfehlung lautet wie immer im Leben: Praktisch denken, Särge schenken!

Das Einzige, womit Deutsche derzeit offenbar überhaupt nicht klarkommen: In einem Krieg wie diesem sind sie, außer als potenzielle Opfer, bedeutungslos. Aus gutem Grund. Nicht ernstzunehmen, militärisch nicht, und deshalb auch nicht geopolitisch. Nicht mal auf der Ersatzbank, nicht mal unter ferner liefen. Dass sie sich am besten auch so verhielten, nämlich abwartend, nicht brüllend, nicht Schuld und Unschuld verteilend, nicht Mächten auf den Schwanz tretend, die ungleich größer und gewaltiger sind, sondern klug taktierend, den eigenen und allseitigen Vorteil auslotend, still und leise mit diesem und jenem sprechend, alle diplomatischen Kanäle nutzend, gern auch humanitär im Hintergrund helfend, aber bescheiden, sich nicht in dubiosen und ambivalenten Symboliken ergehend und vor allem nicht hysterisch brüllend: Hier! Ich! Ich! Hallo! Hier!!! – das ist ihnen das Allerunerträglichste.

Hatte Georg Lukács doch Recht, als er 1954 in der „Zerstörung der Vernunft“ den Siegeszug des Nationalsozialismus samt dazugehörigem Untergang aus der irrationalen Tradition der deutschen Romantik herleitete?

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