Auf der Flucht vor der alles lähmenden Seuchenangst bringt dieser Ausflug überraschend Trost. Im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf gibt es den größten Parkfriedhof der Welt: Auf der Fläche einer Kleinstadt verteilen sich 202.000 Grabstätten, darunter viele berühmter Persönlichkeiten, eingebettet in ein stilles Gesamtkunstwerk der Garten- und Gedenkkultur.
Plädoyer für ein Leben vor dem Tod.

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Dieser Friedhof ist eher ein Friedenswald. Rhododendren türmen sich hier, wo sie vieles beschatten und manches beschirmen, zu Wolkengebirgen auf. Sie vereinigen sich, sie umfangen ein weiteres Gräberfeld, decken die Blöße der Steine mit ihrem ledrigem Blätterkleid zu. Sie prägen auf diesem Fleck Erde das Klima: gesättigt mit etwas, das mehr ist als Dunst. Es ist eine kühlende Wärme, ein dunkles Glimmen, des Abends durchschnitten von Klingen aus Licht.

Wer hier standhalten will, muss bereit sein, verschlungen zu werden. Und das ist dann auch schon das ganze Geheimnis des richtigen Lebens: den Tod nicht zu fürchten. Sieh ihn besser als Freund, den du später noch treffen wirst. Einstweilen rufen aus ortloser Nähe die Geister: Quod sumus hoc eritis – was wir sind, werdet ihr sein! Fuimos quandoque quod estis – was ihr aber jetzt seid, das waren vor Zeiten auch wir.

Und das gilt für immer, gilt morgen für dich. In den Zeiten der Seuche entdeckt der Besucher hier Tröstendes: So wichtig ist meine Unversehrtheit doch gar nicht! Fürs Leben zählt nur, dass ich wage hinauszugehn in diesen Regen aus Gold, der rings alle und alles bedeckt. Solange du ihn auf der Haut spürst, solange du frei bist und ungebeugt, bist du am Leben. Und nicht nur, gebannt von der Plage, zur lebenden Leiche erstarrt, doch am Körper gesund.

Hier ist ein Zeichen, dass jemand lebte, bevor er starb – und nicht aufhört damit im Gedächtnis von Fremden. Der Grabstein vermerkt zwei Familien, davon eine mit Nachnamen Schmidt. Allerweltsname, sagt man wohl. Aber von denen war einer der Kanzler: ein Mann, der noch wusste, dass Leben nicht Luxus ist, sondern Los, auch im Sinne von Bürde. Die Würde erwuchs aus dem Tragen. Und im Tod noch erleichtert die Last eine quietschgelbe Gabe.

Wandern wir weiter durchs Rhododendron-Gewölk. Wie der Traum von der Herrlichkeit Roms ragt ein Bauwerk ans Licht. Doch wie alles Vergängliche spottet auch dieses der Ewigkeit und ist dem Tod nicht gefällig. Du kannst ihn nicht blenden: Du gehst, er besteht. Diese Ziegel, mit Senkblei gemauert auf unstetem Grund, werden weichen. Die Jahre, sie spalten den Stein, der nicht blüht. Während die Wurzeln ringsum sich vertiefen.

In welcher Pose willst du versteinern? Held der Arbeit? Pietà? Julius Cäsar? Johanna von Orléans? But beware what you wish for, your wish might be granted. Schau dich um in der Stadt: Weiche Körper, geboren mit Adern voll Blut, werden Standbilder, weit vor der Zeit. Weil die Angst vor dem Freisein, die man ihnen eintreibt, sie frieren lässt, bis sie verstummen. Und du schreitest Kolonnen von Statuen ab, wo kein Friedhof sein sollte. Boulevards, Plätze, Straßencafés, selbst die Sitze der Macht: nurmehr Untotenreich.

All die einstigen Unruhestifter, nun sind sie kalt. Wie die Gräber Gefallener, einander lauschend beim Schweigen. Gleich neben gleich und in Reihe an Reihe geordnet. Das ist gut zu verwalten: Nur Schatten wandern noch störend durchs Bild. Still stehen hingegen die Namen und Zahlen, geteilt in Kohorten, und folgen den Regeln. Aber was soll so wachsen? Was in den Freiräumen blühen? Wen wärmt noch das Restlicht vor Anbruch der Nacht?

Kein Vertun: Es beginnt große Kälte. Als erstes verblassen die Farben im Eis. Verbliebene Blumen erfrieren im Griff dieser Tage, bevor auch das Halten der Hände erlahmt. Und sie fallen ins Nichts. Nur die Rhododendren krallen sich zäh in die Erde und ziehen ein Quantum Wärme aus tieferem Grund. Aber ja, auch ich könnte dort morgen schon liegen. Beschattet, beschirmt von den Wolken aus Laub. Oder leben.

Also: Was willst du sein? Lever duad as en Slav, war der Wahlspruch der Friesen. Was doch heißt: nah beim Tod, aber frei. Statt der großen, gefrorenen Gesten. Leise weint nur, wer lebt. Und schau an – war das nicht eine Träne? Ja, in dir ist noch Leben! Weil du damals als Abbild von Engeln zur Welt kamst, vergiss nicht: Man gab dir zwei kräftige Schwingen. Du solltest sie spreizen, solange sie tragen. And do not go gentle into that good night.

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Im ärmeren Osten Hamburgs gibt es ein weniger prachtvolles Gegenstück zum Ohlsdorfer Friedhof: Den auf seine Art ebenso eindrucksvollen Friedhof Öjendorf habe ich bereits hier besucht.

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