Misshandelte Wörter (6): selbsternannt

Darf ich Sie kurz daran erinnern, dass wir in Deutschland leben, dem Land der Diplome und Zertifikate? In diesem Land, in dem sich Professor Doktor Drostens akademische Ehrentitel erst nach jahrelangen Recherchen und windungsreichen Erklärungen begründen bzw. überhaupt auffinden ließen, dürfen wir vermutlich zeitnah auch mit einem nachträglich aufgefundenen Doktorat für die zukünftige Eiserne Kanzlerin A. Baerbock rechnen. Deren höhere Bildungsbiographie liest sich noch deutlich interessanter als die Drostensche.

Irgendwann sind alle Würdenträger hierzulande mit den dazu passenden akademischen Weihen und staatlichen Ehrungen ausgestattet. Deshalb lässt sich im Deutschen so schön mit der Tatsache polemisieren, dass es unbegreiflicherweise immer noch nicht für jeden Atemzug im Leben ein Prüfsiegel gibt. Maßt sich jemand schamlos an, ohne eine offizielle Berufung in die höheren Stände öffentlich agieren zu dürfen, dann kommt das Wort „selbsternannt“ ins Spiel.

„Selbsternannt“ heißt in Kurzform: Da könnte ja jeder kommen. Zeigen Sie bitte mal Ihre Papiere! Kommen Sie bitte mal mit zur Klärung des Sachverhalts! Was bildest du dir eigentlich ein, du Hochstapler und Gernegroß! Du stehst ganz allein da, von aller Welt isoliert, du lächerliche Figur! – Das alles steckt in „selbsternannt“, und man braucht nur ein einziges Wort dafür. Wie praktisch.

Dem Zeitgeist geschuldet, wird „selbsternannt“ heute besonders freigiebig verwendet, wenn es gegen rechts geht, also gegen alles, was nicht rotgrüncoronaklimadiversgenderkorrekt ist. Gehört jemand konservativen, gar patriotischen Kreisen an, heißt er selbst in der noch halbwegs vernunftbegabten Neuen Zürcher Zeitung ganz schnell „selbsternannt“ bzw. bedeutungsgleich „selbsterklärt“.

So schreibt Rudolf Balmer dieser Tage in der NZZ über einen Offenen Brief von 20 pensionierten französischen Generälen, in dem diese vor Bürgerkriegsgefahr durch eine Islamisierung Frankreichs warnen: „Wie die Putschisten 1961 sehen die selbsterklärten ‚Patrioten‘ in Uniform, die den Brief verfasst haben, die Nation wegen der ‚Laxheit‘ der Regierung in Gefahr.“

„Selbsterklärte Patrioten“: Wer könnte oder dürfte denn sonst jemanden zum Patrioten erklären bzw. ernennen, wenn nicht der Patriot selbst, der mit diesem Terminus das Motiv seines eigenen Handelns beschreibt? Moment: Hier wäre die Hilfskonstruktion möglich, dass das eigene Volk durch seine gewählten Vertreter jemanden zum Patrioten ernennt – als Anerkennung dafür, dass derjenige diesem Volk und Land gedient hat, sogar auf Leben und Tod, wenn es sein musste. Und genau das haben die Franzosen getan: Indirekt, durch ihre Regierung, haben sie einige der besten ihrer Soldaten über die Jahre zu Generälen befördert.

Sie haben ihnen auf diese Weise eine Ehrenurkunde über Leistungen ausgestellt, die diese Soldaten beim Schützen der Grande Nation erbracht haben: strategisches Geschick, Führungstärke, Liebe zum Land. Patriotismus. Tatsächlich stimmt es also nicht einmal, wenn Balmer sie in der NZZ „selbsterklärte Patrioten“ nennt. Die französischen Generale sind sehr viel offizieller erklärte Patrioten, als der Autor es abwertend suggeriert.

Wie gemein und bösartig der Begriff „selbsternannt“ empfunden wird, wenn er das eigene Weltbild tangiert, zeigt uns die Gegenprobe. US-Korrespondentin Bettina Gaus in der TAZ vom 13.2.2016: „Eine seltsame Zuschreibung hat sich für Bernie Sanders, einen der Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten, hierzulande eingebürgert: Als ’selbsternannter Sozialist‘ wird er immer häufiger bezeichnet – und zwar ausgerechnet in Medien wie der Bild-Zeitung, n-tv und N24, die allesamt bisher nicht durch große Sympathien für die Reinheit der sozialistischen Lehre aufgefallen sind. Die Formulierung bringt einen ins Grübeln. Gibt es auch selbsternannte FDP-Anhänger?“

Die Nachdenklichkeit war nicht von Dauer: „In Berlin protestieren selbsternannte Querdenker gegen die Medien. Sie fabulieren von ‚Manipulation‘ und bedrohen Journalist:innen.“ So steht es am 2.12.2020 in der TAZ, und zwar gleich im Vorspann zur mittlerweile täglichen Oppositions-Diffamierungsgeschichte. In diese zwei knappen Zeilen auch noch „fabulieren“, „Verschwörungsanhänger“, und „bedrohen“ zu pressen – das ist eine Leistung, die man von einem demnächst staatssubventionierten Regierungsmedium aber auch erwarten darf.

Nicht erwarten darf man hingegen, dass die TAZ ihre Formulierung „selbsternannte Querdenker“ als offensichtlichen Schwachsinn erkennt und rechtzeitig vor Veröffentlichung löscht. Ausgerechnet das „Querdenken“ ist ja eine Tätigkeit, bei der die Unabhängigkeit von der Ermächtigung durch andere schon im Begriff selbst enthalten ist.

Aber gerade die Querdenker scheinen heute das „selbsternannt“ bei Haltungsjournalisten und – noch gruseliger – Haltungsclowns zu triggern. Unter anderem nannte die heute-show des ZDF die Anhänger dieser Bewegung zur Verteidigung der Grundrechte „selbsternannte Widerstandskämpfer“ (27.11.2020). Anlass war ein offenes Scheunentor, das die Querdenker ihren Gegnern angeboten hatten: Das spätpubertierende Göttergeschenk „Jana aus Kassel“ hatte von einer Kundgebungsbühne herab erklärt, sie sehe sich irgendwie in der Nachfolge Sophie Scholls.

Bloß, Oliver Welke: „selbsternannte“ Widerstandskämpfer? Ach richtig, die echten werden ja posthum vom ZDF-Fernsehrat ernannt. Sind also nur tote Widerstandskämpfer gute Widerstandskämpfer? Oder sollten Möchtegern-Rebellen wenigstens erst einmal einen Antrag beim blutrünstigen Diktator einreichen, den Titel eines W. führen zu dürfen? Da wäre ein lukrativer Deal denkbar: „Ich stelle mir das so vor: Sie erklären mich offiziell zum Widerstandskämpfer, mit allen dazugehörigen Tantiemen natürlich, und ich verzichte dafür auf die Ausübung dieses Amtes. Einverstanden, oh göttlicher Führer der Massen?“

Und der große Diktator wird, wenn er schlau ist, sogar einwilligen. Er selbst braucht dazu niemanden um Erlaubnis zu bitten. Schließlich ist er selbsternannt.

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