Misshandelte Wörter (5): anschlussfähig

Dies ist ein besonders perfider unter den neu in Mode gekommenen Kampfbegriffen der Diskurs-Verhinderer. Hintertückisch ist er deshalb, weil er im Duktus einer höheren Warte daherkommt, von der aus jemand kraft seiner überlegenen Bildung und Gesinnung richten darf. Oder sich das zumindest anmaßt. „Anschlussfähig“ wird meist verwendet nach dem Schema „Ihre Ansichten sind anschlussfähig für Rechtsradikale bzw. Verschwörungstheoretiker“. Das soll nach intellektueller Analyse schmecken, setzt in Wahrheit aber bloß auf Wortgeklingel und bewusst unscharfe Andeutung übler Absichten. Motto: Etwas wird schon hängenbleiben.

„Herr X bzw. Frau Y“, so suggeriert die Wendung in heuchlerisch großzügiger Differenzierung, „mag vielleicht selber so gerade noch kein Nazi sein. Aber was er oder sie da äußert, wird von den Nazis sogleich in ihre Narrative eingebaut und stärkt ihnen so den Rücken.“ Versucht man dann, den Benutzer oder die Benutzerin auf Belege für die Stärkung politischer Extremisten durch die inkriminierte Aussage festzunageln, ist es wie das berühmte Nageln des Puddings an die Wand. Was wurde denn schon behauptet? Nichts Justiziables jedenfalls. Man hat ihn/sie ja nicht wörtlich Nazi genannt. Und genau das ist der Zweck dieser in ein Wort gepressten üblen Nachrede.

Wie funktioniert das in der Praxis? Dazu hat dieser Tage der Hamburger Physik-Professor Roland Wiesendanger unfreiwillig ein Fallbeispiel geliefert: als Opfer eines Shitstorms. Wiesendanger hatte über die Pressestelle seiner Universität Hamburg Ergebnisse einer von ihm vorgelegten Untersuchung veröffentlichen lassen: Die Corona-Pandemie könne ihren Ursprung in einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan haben.

Selbst kein Virologe oder Fachmann für Pandemien, hatte der Physiker in „einer umfangreichen Recherche unter Nutzung verschiedenster Informationsquellen“ – wissenschaftliche Literatur, Artikel in Print- und Onlinemedien sowie persönliche Kommunikation mit internationalen Kollegen – Anhaltspunkte und Belege für seine These zusammengestellt. So bestätige etwa die Fachliteratur, dass eine Forschungsgruppe in Wuhan über Jahre hinweg „gentechnische Manipulationen an Corona­viren vorgenommen habe“ – mit dem Ziel, „diese für Menschen ansteckender, gefährlicher und tödlicher zu machen“.

Starker Tobak, sicherlich. Und in klarem Gegensatz zu den meisten bisherigen Untersuchungen, die keine Schuld chinesischer Autoritäten an der Pandemie festgestellt haben wollen. So dauerte es nach der Publizierung nur Stunden, bis Wiesendanger und seiner Uni aus vollen Rohren Kritik entgegenschlug. Wie üblich kam die lauteste Ablehnung allerdings von Leuten, die sich bis dato noch sehr viel weniger als der Professor mit der Thematik beschäftigt hatten.

Entsprechend substanzlos in der Sache, aber ehrpusselig im Ton fielen diese Verurteilungen aus. Ausgerechnet die Studierendenvertretung AStA der Hamburger Uni ließ sich ausgerechnet im Wissenschaftsmedium Twitter ausführlich und wohlabgewogen vernehmen: „Die ,Studie‘ von Herrn Wiesendanger entspricht nicht den wissenschaftlichen Standards, die wir von einer Universität erwarten.“ Sicherlich nach eingehender naturwissenschaftlicher Analyse, wie man sie von Fünftsemestern gewohnt ist, die das Werk eines gestandenen Professors einer kritischen Prüfung unterziehen. Und sicher Zufall, dass Grünen-Wissenschaftspolitikerin Miriam Block exakt dieselben Worte wählte. Allerdings fügte sie noch hinzu, es sei „breit anerkannt, dass das Virus aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus einem Labor stammt“. (Es war in Pumpolonien auch breit anerkannt, dass das Urmel nie existiert hat – und dann behielt Professor Habakuk Tibatong doch Recht.)

Doch bei diesen Generalisierungen blieb es nicht. Immerhin hatte hier ein deutscher Professor außerhalb seines fachlichen Reviers gewildert, was im akademischen Betrieb eine der sieben Todsünden darstellt. Das jemand die erprobte Methode wissenschaftlichen Denkens und Analysierens einfach auf Themen anderer Disziplinen anwendet – nein, da musste schon die schwere Moralkeule geschwungen werden. In nichts sind die Kritiker kritischer Geister heutzutage beschlagener. Noch einmal der AStA: Die Studienergebnisse schürten „anti-asiatischen Rassisimus“. Dümmer und dreister kann man sich kaum äußern, da Wiesendanger selbstredend nirgends pauschalisierend „die Asiaten“ oder vielleicht gar „die Schlitzaugen“ als Ursache allen Übels bezeichnet hatte, sondern eine konkrete Institution als Wurzel eines konkreten Sachverhalts.

Der heutzutage reflexhaft gängige Groschen „Rassismus“ als Ausweis einer fundamentlosen moralischen Allround-Empörung reichte indes immer noch nicht. So blieb es der Linken-Wissenschaftspolitikerin Stephanie Rose vorbehalten, den entscheidenden Satz zu äußern: Wiesendanger äußere sich „anschlussfähig an Verschwörungsideologen wie Xavier Naidoo und andere“. Endlich ein Zitat, auf das die Medien sich stürzen konnten.

Die nicht mitgelieferte Information, wer im Sinne der Anklage „andere“ Verschwörungsideologen seien, einmal außer Acht gelassen: Da soll nun also ein geheimnisvoller Nexus zwischen einem Physikprofessor und einem Xavi-Dingsda nebst „anderen“ entstanden sein, durch den Wissenschaftlichkeit und Staatsräson in höchste Gefahr gerieten. Sowie vermutlich die diplomatischen Beziehungen Hamburgs zu China – ein schwerwiegender Tatbestand in der Tat, wo doch jeder dritte Container im Hamburger Hafen aus China kommt. Fast könnte man sich der Verschwörungstheorie anschließen, hier hätten sich die weltweit immer umtriebigeren chinesischen Desinformations-Bataillone auf den Schlips getreten gefühlt.

Häufig im Dunkeln bleibt, wenn das Wort „anschlussfähig“ fällt, was die Verwender da eigentlich so getriggert hat. Warum finden es heutzutage beispielsweise ausgerechnet Studentenvertreter und Wissenschaftspolitikerinnen anstößig, in den Wissenschaften nach Wahrheit zu suchen und die Befunde dann auch zu publizieren? Was soll Wissenschaft denn tun als zu versuchen, den Ursachen und Ungereimtheiten eines der größten Störfälle des 21. Jahrhunderts nachzugehen? Offensichtlich braucht man unorthodoxen Erklärungsversuchen jenseits ausgetretener Pfade heute nur mit einem nicht entgegenzutreten: mit Sachargumenten.

Stattdessen wischt das schnöselige Wörtchen „anschlussfähig“ das alles vom Tisch. Ein Wort übrigens, das der Duden bis heute nicht einmal kennt. Aber das dürfte sich schon mit der nächsten, spätestens der übernächsten Ausgabe ändern, wenn auch die übrigen Brüll- und Bannwörter der neuen Politkommissare endlich kanonisiert worden sein werden.

Und ja, selbstverständlich wird auch dieser Beitrag hier für irgendwen „anschlussfähig“ sein. Wie eigentlich jeder Begründungszusammenhang, der irgendwo niedergeschrieben wird. Das ist ja das Schöne am offenen Diskurs. Und dieses Ziel, eine breite Diskussion seiner Thesen, hat übrigens auch der unerschrockene Professor Wiesendanger erreicht.

Ein Kommentar

  1. Ich frage mich, wer paranoider ist: Menschen, die den Regierenden grundsätzlich Finsteres und Verschwörerisches unterstellen oder Regierende, die hinter jedem Dissens den Vorwurf der Verschwörung wittern. Wobei es im letzten Fall ja gar nicht die Regierenden selbst sind, sondern eine Heerschar von selbsternannten Demokratie-Verteidigern, die sich freiwillig dazu haben abrichten lassen, alles wegzubeißen, was auch nur im Ansatz vom offiziellen Narrativ abweicht. Das Narrativ kann dabei freilich wöchentlich angepasst werden, solange es nur von offiziell beglaubigter Stelle verkündet wird: „Bitte glauben Sie keinen Gerüchten, sondern nur den offiziellen Mitteilungen, die wir immer auch in viele Sprachen übersetzen lassen.“ Alles andere ist „anschlussfähig“ an Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und Neonazis. So lässt sich dann auch der vorsichtigste Zweifler quasi zum Steigbügelhalter eines neuen Holocaust hochjazzen. Saubere Arbeit.

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