Als die Falschen gewonnen hatten

Die hochnotpeinliche Befragung des Champions-League-Siegers Toni Kroos durch einen ZDF-Reporter nach dem Triumph über Liverpool war das übliche Elend des deutschen Journalismus: Was nicht in unser Weltbild passt, gehört angemäkelt. Doch diesmal spielte der Interviewte nicht mit.

Toni Kroos steht abgekämpft, aber glücklich auf dem Rasen des Pariser Stade de France. Soeben hat sein Team Real Madrid zum 14. Mal den Europapokal bzw. die Champions League geholt, diesmal gegen den FC Liverpool mit seinem deutschen Trainer Jürgen Klopp. Eine Erfolgsbilanz, die international mit weitem Abstand konkurrenzlos ist.

Doch die Falschen haben 1:0 gewonnen. Für den gefühlt 80-jährigen ZDF-Fußballkommentator Béla Réthy, dessen Live-Berichte immer klingen wie aus dem Schützengraben gesendet, stand schon vor Anpfiff fest: Dies wird der Abend des FC Liverpool! Liverpool, die mit dem progressiven deutschen Kult-Trainer, der politisch immer das Richtige sagt und auch „vor dem Spiel das Wort an das ukrainische Volk richtete“ (Réthy). Die mit dem Heavy-Metal-Fußball. Die aus der Stadt der Dock-Arbeiter und Bergleute, die zum Opfer der konservativen Poltiik Margaret Thatchers wurden. Die mit dem politisch korrekten Kniefall „für Solidarität“ (Réthy) vor dem Anstoß. Die mit der progressiven, sozialen Einstellung: You’ll neeeeeeeever walk alooooooooone!

Dagegen Real Madrid: schon dem Namen nach die „Königlichen“, also rückschrittliche Royalisten, aus dem Land des Diktators Franco außerdem, die immer alles abräumen und leider des Öfteren auch schon deutsche Teams aus dem Wettbewerf geworfen haben. Die nicht sturheil Heavy Metal spielen, sondern ein berechnendes, auf den Gegner abgestimmtes, variables und wenn nötig auch zynisch-effizientes System. Unter ihrem italienischen Trainer, der sie auf eine solide Defensive ausgerichtet hat und dann per Konter präzise Nadelstiche setzen lässt – nicht ganz unähnlich den früheren deutschen Erfolgsstrategien, damals, als das „DFB-Team“ in Europas Elite noch mitzureden hatte.

Und genau dieser Haufen hat jetzt triumphiert. Erneut. Schon wieder. Darf denn so jemand das auch noch fröhlich feiern? So ein Hegemon des europäischen Fußballs, so eine bis an die Zähne mit Spitzenfußballern aufgerüstete spanische Armada, die unseren Kloppo in die Schranken verwiesen hat? Unseren Kloppo, der so dicht dran war (abgesehen von einem weiteren Real-Tor, das wegen angeblichem Abseits fälschlicherweisenicht anerkannt wurde)?

Um Kroos herum wuseln jubelnde, gelöste Mannschaftskollegen in Weiß, Betreuer und Funktionäre. Im Hintergrund winkt Real-Stürmer Karim Benzema jemandem zu. Erst jetzt trifft der ahnungslose Ex-Münchner Kroos, der für Deutschland 106 Länderspiele bestritten hat und als einer der besten Mittelfeldspieler seiner Generation gilt, auf seinen irritierendsten Gegner: ZDF-Reporter Nils Kaben, der nach kurzer Gratulation erst mal Verständnis für emotionale Momente simuliert.

Kaben: „Sie haben eben hier ein paar Minuten gestanden und ins Publikum geschaut – weil das erst mal sacken muss?“

Kroos: „Ja, das muss sowieso ein paar Tage sacken. Hab geschaut, wo meine Familie ist, weil das ein ganz besonderer Titel ist für mich, weil heute alle im Stadion waren. Ich habe immer gesagt: Ich habe zwar schon das eine oder andere Mal die Champions League gewonnen, aber ich wollte einmal, dass alle Kinder im Stadion sind. Und das war heute der Fall, und es ist nicht zu beschreiben, wie schön das ist.“

Eigentlich ein Moment, um sich mitzufreuen. Auch als neutraler deutscher Reporter, der weder einem englischen noch einem spanischen Verein verpflichtet sein sollte. Aber nicht mit dem ZDF! Hier entlarven wir falsche Fuffziger! Hier haben wir keine Angst vor großen Tieren – vorausgesetzt, diese Tiere haben keine guten Verbindungen zum ZDF-Fernsehrat und gehören keiner deutschen Machtzentrale an. Aha, es war also schön für den Königlichen! Na, wollen wir doch mal sehen, ob wir ihn nicht entlarven können.

Kaben: „Auch, weil es – was den Spielverlauf angeht – gar nicht so selbstverständlich war?“

Kroos: „Was ist schon selbstverständlich? Die Champions League zu gewinnen ist auch nicht selbstverständlich. Ich glaube, wir haben einen großen Fight geliefert. Wir wussten, dass Liverpool eine Super-Mannschaft ist. Was heißt: ’nicht selbstverständlich‘? Wir haben gewonnen, fertig!“

Nein! Fertig sind wir hier erst, wenn das ZDF mit dem moralisch unverdienten Sieger fertig ist. Denn Klopps Super-Mannschaft hat auch ein paarmal aufs Tor geschossen, sogar richtig feste.

Kaben: „War das überraschend für Sie, dass Real Madrid doch ganz schön in Bedrängnis geraten ist?“

So, nun haben wir ihn in die Ecke interviewt. Hier gibt es keinen Ausweg mehr, Freundchen! Nun muss der Mann Farbe bekennen und seiner ethisch unhaltbaren „Freude“ abschwören. Doch … was ist das? Was erlauben Kroos??

Kroos: „Also, du hattest 90 Minuten Zeit, dir vernünftige Fragen zu überlegen, ehrlich! Und dann stellst du mir zwei so Scheißfragen …“

Kaben: „… also ich finde die gar nicht so schlimm, weil es so beeindruckend ist …“

Kroos: „… Wahnsinn! Es ist doch nicht überraschend, dass du gegen Liverpool manchmal in Bedrängnis gerätst! Was ist denn das für ne Frage? Wir spielen doch nicht im Gruppenspiel irgendwo, wir spielen das Champions-League-Finale!“

Kaben (sich wegen des ungewohnten Tadels verhaspelnd): „Aber dass es so deutlich war, dass Real Madrid, äh, war ja in der K.O.-Phase schon ein paarmal sozusagen schon so gut wie weg …“

Kroos: winkt ab, schlägt die Hände vor’s Gesicht, schüttelt den Kopf und lässt den Reporter stehen.

Kaben (verdutzt): „Jetzt ist er weg!“

Ja, das ist soweit korrekt. Kroos ist weg. Jemand, der sich gerade noch einfach an der Anwesenheit seiner ganzen Familie im Stadion erfreut hat, hat keine Lust mehr auf ein Interview mit einem mäklerischen Luftverpester. Das Interview ist aus, die Live-Kamera läuft dennoch weiter, die Bilder geraten ein wenig ins Wackeln, während Kaben seinen nächsten O-Ton-Geber sucht.

Kroos (kommt zurück, immer noch kopfschüttelnd): „Ganz schlimm, ehrlich! Du stellst erst drei negative Fragen! Da weißt du schon, dass du aus Deutschland kommst!“

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer, dass Interviews mit Fußballern kurz nach dem Spiel ohnehin schon immer grundsätzlich sinnlos waren. Es sei denn, der Spieler hieß Walter Frosch. Wir schalten zurück ins Funkhaus.

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