Im Weltall hört dich niemand schreiben

Dystopie und Realität: Erstmals zu meinen Lebzeiten gerät in (West-)Deutschland beides in Übereinstimmung. Für mich als Autor ein merkwürdiges Déjà-vu, denn in einem gleichgültigen Universum sah ich uns schon immer in das Schwarze Loch dieser zukünftigen Wirklichkeit driften.

Der Pestarzt sagte mir kürzlich nach, als Blogger könne ich Dystopien am besten. (Texte wie diesen oder diesen, die aus Tendenzen der heutigen Wirklichkeit eine ganz nahe, nicht gerade lebenswerte Zukunft modellieren.) Da mag was dran sein.

Nachdem ich in mehr als 25 Jahren Journalismus die human condition studieren durfte, glaube ich im Gegensatz zu meinen jungen Kolleginnen und Kollegen nicht an verordnete Revolutionen, die uns zu besseren Menschen machen werden. Ich wäre froh, wir könnten wenigstens einige für normal gehaltene Freiheitsspielräume verteidigen – gegen den Umerziehungwahn dieser nachgerückten Generation, die Angst vor den falschen Monstern und die monströse Umarmung der realen Mega-Corporations. Aber ich fürchte, selbst damit ist es vorbei.

Dabei war ich am Anfang wie sie: ein Weltverbesserer. Wo ich aufwuchs, lag jeden Morgen die katholisch-muffige Rheinische Post auf dem Frühstückstisch, und so schienen es die Naturgesetze zu verlangen, dass ich den Journalismus neu erfinden musste. Denn ich konnte das viel besser. Besser zuhören, klüger fragen, schärfer analysieren. Und dann eine viel wahrere Wahrheit verkünden als der Papst oder sein Chefredakteur.

Mit 16 also teilte mir das Universum mit, dass der Journalismus mein Beruf werden sollte, um mich samt zukünftiger Familie bis ans Ende meiner Tage zu ernähren – es herrschte das milde Auenland-Klima der Achtzigerjahre, und ich nahm an, das werde so weitergehen. Das Universum ist großzügig darin, Annahmen zuzulassen, die sich hinterher gegen den Annehmenden wenden.

Aber irgendetwas muss mir schon damals geflüstert haben, dass die Menschheitsgeschichte so nicht läuft. Meine Intuition drängte immer in die entgegengesetzte Richtung. Meine ersten Gedichte, unvermeidlich für einen damals 18-Jährigen, handelten von post-nuklearen Landschaften oder solchen, in denen sich ein bürgerliches Eigenheim ans nächste reihte.

„Das Universum ist großzügig darin, Annahmen zuzulassen, die sich dann gegen den Annehmenden wenden“

Auch einer meiner ersten gescheiterten Romanversuche mit Mitte zwanzig war nicht gerade von Zukunftsoptimismus durchwebt: In einer Zeit des Versorgungsnotstands wacht eine klandestine Organisation namens „Legion“ über die Friedhofsruhe einer deutschen Zukunfts-Diktatur. Dem Stoff ging dann schnell die Luft aus, vermutlich weil ich keine Ahnung hatte, wie der Ich-Erzähler gegen diese Truppe ankommen sollte.

Mit meiner begründeten Skepsis, anstudiertem historischem Wissen, ohnehin fehlendem Urvertrauen und hypersensiblen Unheil-Antennen war ich nicht gerade der Mittelpunkt der progressiven Szenepartys. Der Vorteil: Einsamkeit und Ablehnung schulten mich, Rück- und Nackenschläge auszuhalten, auch als Autor. Etwa, als ich Zivi war und für ein linksextremes Blättchen aus den besetzten Häusern der Düsseldorfer Kiefernstraße schreiben wollte, das den schönen Namen „Morgengrauen“ trug.

Ja sicher, Opa war ja auch mal jung! Ich reichte (man schrieb das Jahr 1986) unaufgefordert einen Artikel mit der Überschrift „Der Rassist in mir“ ein. Darin leitete ich schlüssig her, dass wir Linken doch bitte nicht so anklagend das Maul aufreißen, sondern lieber vor unserer eigenen Tür kehren … na ja, Sie ahnen den Rest. Der Artikel erschien natürlich nie, denn als Rassist konnte ich kein Linker sein und also auch kein Autor bei „Morgengrauen“.

Gerne würde ich wissen, wie das bald darauf eingestellte Zentralorgan den Artikel heute aufnehmen würde. Ich male mir weit bessere Chancen aus, schon wegen des zerknirscht selbstanklägerischen Tons, der im Neostalinismus der Medienlandschaft dieser Tage sicher wieder salonfähig wäre. Vielleicht biete ich das Stück noch mal dem „Spiegel“ an. Wie auch immer: Ich war, was die Dystopie des an allem Unrecht der Welt schuldigen weißen Mannes angeht, der Zeit weit voraus gewesen.

Aber damals hat man mich nicht verstanden. Bis heute versuche ich als Autor, überwiegend erfolglos, als Warner vor der Selbstverwirklichungstendenz von Dystopien verstanden zu werden. Besser noch: gesehen zu werden, so wie Neytiri ihren Jack Sully sieht, im ökokitschdurchtränkten Weltraum-Epos „Avatar“, einem meiner eskapistischen Lieblingsfilme. Ich sehe dich. Bei den edlen Wilden auf dem Exomond Pandora heißt das: dein Inneres, dein Selbst, deine inhärente Schönheit. Aber die Leute – und vor allem die bildschönen, blauhäutigen, drei Meter großen Frauen – tun mir den Gefallen nicht. Sie sehen meine Schwächen, meine Widersprüche, meine äußere Hülle. Und es gefällt ihnen alles nicht.

Umgekehrt verursachte mir die Gegenwart selbstgewisser Welterklärer, die eine Agenda unters Volk zu bringen hatten, schon immer Magenkrämpfe. Waren sie darauf geeicht, in ihrer Peergroup mit den Alphawölfen zu heulen und die kleineren Kläffer aus dem Weg zu beißen, stand ich bloß verständnislos herum und wünschte mich aus dem Freigehege des Tierheims in die unbegrenzte Weite jenseits des Zauns. In den Dschungel Pandoras, wo Neytiri auf mich wartete und nur die Naturgesetze galten statt der kapitalistischen Verwertungszusammenhänge des Ausbeuters Parker Selfridge, Colonel Quaritchs Space-Kavallerie im Rücken.

Die anderen machten es richtig. Sie einigten sich auf eine Wahrheit, die fortan gültig und einträglich war. Doch, man kann das. Beim Geld, das weiß ich als Ökonom, geht das auch: Geld ist, was gilt. Verständigen sich alle darauf, dass jetzt Miesmuscheln die Währung sind, dann zahlen wir beim Bäcker mit Miesmuscheln. Und weil die Medienmeute untereinander ihre Wahrheits-Miesmuscheln akzeptierte, konnte sie sich mit Simulationen von Dissenz necken, ohne einander totbeißen zu müssen. Um sich andererseits bei Bedarf jederzeit gegenseitig versichern zu können, im Haus der Wohlmeinenden und Rechtschaffenden zu verweilen. Affirmativ, systembejahend. So wie die Leser, die sie sich herangezogen hatten. Sicher vor bösen Überraschungen. Sicher vor der Außenwelt. Geeint gegen sie.

„Verständigen sich alle darauf, dass jetzt Miesmuscheln die Währung sind, dann zahlen wir beim Bäcker mit Miesmuscheln“

Nun aber ist diese Außenwelt recht plötzlich verwandelt. Und sie nimmt keine Rücksichten mehr. Bald klopft sie an die Türen der Redaktionsstuben und begehrt Einlass. Wird ihr nicht aufgetan, verschafft sie ihn sich. Denn die Dystopie ist mit der Wirklichkeit verschmolzen, und die Wunsch-Realität der Welterklärer weicht stündlich mehr von dieser Wirklichkeit ab. Man kann heute, wenn man will, trotz ihrer besten Bemühungen jeden Tag Meldungen finden, von denen man noch drei Wochen zuvor gedacht hätte: Dystopie! Eine phantasierte, übertriebene, weit hergeholte Schreckensphantasie, der jeder Realitätsgehalt fern liegt und die lediglich zur gruseligen Unterhaltung dient.

Dann passt man seine Wirklichkeitssensoren dieser neuen Realität an, um nicht ein weiteres Mal böse überrascht zu werden. Am nächsten Tag jedoch steht da schon wieder eine Meldung, oder zwei, oder drei, bei der man die bange Hoffnung hegt, dies gehöre nun aber wirklich in den Bereich der Dystopien. Und immer geht es um echte Menschen, echte Schicksale, echte Existenzvernichtung, echten Zivilisationsbruch. Ich erspare Ihnen diesmal Beispiele, meine Blogtexte sind voll von ihnen.

Was all diese Meldungen gemein haben: Sie gehen als groteskes Gemisch verschiedenster Brutalitäten durch Mark und Bein. Sie rufen kurzzeitig die Illusion hervor, in eine durchgeknallte Dystopie über exekutiven Machtrausch und schrankenlose Korruption, ideologische Verblendung und Weltenretter-Phantasmagorie, unaufhaltsame Global Player und zombifizierte Menschenmassen zugleich hineingeraten zu sein. In ein B-Movie, das nun aber glücklicherweise bald enden muss – und dann einfach weitergeht. Derweil wir Normalität simulieren. Wir fahren zur Arbeit, kaufen Milch und Kartoffeln, gehen spazieren. Wir vermeiden soziale Kontakte, tragen mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit Schnabelmasken und reden uns ein, dass man uns für dieses Wohlverhalten eines Tages unsere Rechte wiedergeben wird.

Zu Weihnachten 2020 bat Alexander Wendt die Autoren seines Publico-Magazins um einen Geschenktipp für die Leser. Ich pries ein Amateur-Teleskop an, mit der launigen Begründung, man könne der Merkel-Republik im Lockdown nur noch in Richtung Sternenhimmel entfliehen. Was ich mir damals nicht albträumen ließ: dass dies im März 2021 immer noch – und in gewisser Weise mehr denn je – der Fall sein würde. Dystopie und Wirklichkeit. Kongruenz. Nachts liege ich wach und habe die Vision, mit Gummi gepolsteterte Wände rückten näher und näher zusammen. Oder, um Ulrike Meinhofs Brief aus dem Toten Trakt zu zitieren: „das Gefühl, die Zelle fährt“.

„Wir leben in einer Dystopie über exekutiven Machtrausch und schrankenlose Korruption, ideologische Verblendung und Weltenretter-Phantasmagorie, unaufhaltsame Global Player und zombifizierte Menschenmassen“

In diesem Land der alten und neuen Isolationserfahrungen schreibe ich, schreiben nun wir alle, wie auch immer wir die Welt verstehen. Und wo immer wir sozial distanziert vor uns hinbuchstabieren: Wir Distanzierten erkennen uns gegenseitig. Zum Beispiel an den Triggern, die uns triggern. Ich hätte nämlich genau denselben Disput im Hausflur vom Zaun gebrochen, den der Pestarzt neulich protokolliert hat. Da findet er auf dem Treppenabsatz ein Propagandablättchen mit oppositionellen Meinungen zur Coronapolitik. Aber noch bevor er sich das Exemplar greifen kann, schnappt es ihm die grünwählende Nachbarin vor der Nase weg, um es zu entsorgen: „Das muss man nicht lesen!“ Sie beschließt das einfach so, zu seinem Wohl und Schutz. Und dann geht’s ab: Ich will aber, und ich darf das! Nein! Doch! – Genießen Sie diese große Oper des modernen Realismus (und ehemalige Dystopie) besser im Original.

Vielleicht ist aber das der Hoffnungsschimmer in dieser schlimmen Zeit: Es gibt nur soundsoviel Fernsteuerung, die wir Vereinzelten wehrlos hinnehmen können. Wird sie noch übergriffiger, dann kommt es zu überraschenden Wendungen der Geschichte. Dann wird den vielen Vereinzelten klar, dass sie viele sind. Ich war immer ein freiheitsliebender, freiheitssuchender Mensch. Im gegenwärtigen, längst nicht nur vom Corona-Komplex diktierten Klima der systematischen Isolierung und fürsorglichen Umklammerung leide ich wie ein Hund. Aber manchmal tröstet mich der olle Dissidenten-Urgroßvater Wolf Biermann: „Freiheit ist seit jeher die einzige Ware, deren Preis sinkt, wenn der Bedarf endlich steigt.“

Es verbreiten sich derzeit rasend schnell zwei Arten von Einsamkeit in Deutschland: die, die uns endgültig alle zu Elementarteilchen macht und die, die genau dagegen rebelliert. Aus letzterer Einsamkeit könnte mit unglaublich viel Glück etwas Neues erwachsen. Ich wage mir noch keinen Namen dafür auszudenken. Aber eine Dystopie ist es nicht.

Nachtrag, 7. März. In einem Artikel der Süddeutschen stoße ich unvermittelt auf die Zwischenüberschrift „Bitte vermeiden Sie Richtiggedanken!“ Ich rufe schockiert: „Das steht da ja wirklich!“ und schrecke aus meinem Traum hoch.

4 Kommentare

  1. „Nachdem ich die human condition studieren durfte, glaube ich im Gegensatz zu meinen jungen Kollegen nicht an verordnete Revolutionen, die uns zu besseren Menschen machen werden. Ich wäre froh, wir könnten wenigstens einige für normal gehaltene Freiheitsspielräume verteidigen – gegen den Umerziehungwahn dieser nachgerückten Generation, die Angst vor den falschen Monstern und die monströse Umarmung der realen Mega-Corporations. Aber ich fürchte, selbst damit ist es vorbei.“

    Sie sagen es. Schon am Anfang.
    Und jetzt werd‘ ich den rest lesen …und womöglich noch einiges mehr in desem Blog.

  2. Ein schöner Text, auch durch die biografischen Einsichten. Ich verstehe mich auch als freiheitsliebenden Menschen, leide aber keineswegs so unter den derzeitigen Verhältnissen. Vielleicht hat es mit meiner frühen DDR-Erfahrung zu tun oder mit der mir vom Universum zugewiesenen anarchisch fidelen Grundeinstellung, aber Freiheit ist für mich etwas, das ich unabhängig von staatlicher oder gesellschaftlicher Billigung lebe. Im Zweifelsfall werden eben Schlupflöcher genutzt, Nischen gefüllt, Grenzen überschritten und Regeln gebrochen. Anders geht es nicht, ging es noch nie.

    Sloterdijk hat Gesellschaft mal als kollektiven Stresskörper beschrieben. Aktuell läuft wohl wieder so eine Art Stresstest ab, an dessen Ende sich die Mehrheit vermutlich einfach nur darauf einigen wird, alles irgendwie richtig gemacht und die Krise gemeinsam tapfer überstanden zu haben, ein paar Bauernopfer inklusive.

    Zitat: „Solange ein Kollektiv sich über die Vorstellung, daß es sich abschafft, bis zur Weißglut erregen kann, hat es seinen Vitalitätstest bestanden. Es tut, was gesunde Kollektive am besten können, es regt sich auf, und indem es sich aufregt, beweist es, was es beweisen soll, nämlich dass es unter Streß in sein Optimum kommt. Dabei spielt die Frage, ob das Kollektiv monokulturell geschlossen oder multikulturell zusammengesetzt ist, schon seit geraumer Weile keine nennenswerte Rolle mehr.“

    (Peter Sloterdijk, „Streß und Freiheit“)

    1. Weise Worte eines beneidenswerten Menschen, und damit meine ich nicht Sloterdijk, den ich immer nur als Faselhans kennengelernt habe.
      Wenn es aber die Folge dieser Misere wäre, dass brave Biedermänner wie ich in Massen aufmüpfiger, antiautoritär-lebenslustiger und weniger regierungsfromm würden, wir uns also von den Mächtigen einfach das Wenige nicht mehr nehmen ließen, was noch uns gehören könnte, dann hätte der Coronascheißdreck vielleicht doch noch was Gutes gehabt.

      1. Ja, das wäre tatsächlich ein begrüßenswerter Effekt. „Streß und Freiheit“ kann ich als Text übrigens empfehlen, er ist relativ kurz und prägnant gehalten, obwohl man auch hier die klugen Stellen unter allerlei Faselei heraussuchen muss. Ansonsten halt Nietzsche 😉

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