Auch diese Revolution frisst zum Glück ihre Kinder

Ausgerechnet das Magazin des haltungsstarren Deutschen Journalistenverbands gibt plötzlich Raum für eine kritische Inspektion des „Qualitätsjournalismus“. Denn inzwischen erleben auch vom System begünstigte Medienmacherinnen am eigenen Leib den Wahnsinn der Hexenjagd auf alle kritischen Geister. Beginn eines Selbstheilungsprozesses?

Vor Monaten hatte ich hier und anderswo begründet, warum ich den Deutschen Journalistenverband (DJV) verlassen habe. Dennoch ist der DJV bei uns zuhause weiterhin präsent: Sein Mitgliedermagazin „journalist“ steckt nach wie vor regelmäßig im Briefkasten, denn ich bin nicht der einzige Angehörige dieses gebenedeiten Berufsstandes hier im Haushalt. Diesmal kam das Heft in der Variante „journalistin“ – die Hälfte der Auflage werde „nach dem Zufallsprinzip“ mit diesem Titel vertrieben, so der gender-sensitive Verlag. Ich habe aber höflich gefragt und das nicht für mich bestimmte Magazin trotzdem aufschlagen dürfen.

Und da gibt es jetzt, im aktuellen Heft Juli/August 2021, überraschend ein Signal der Hoffnung und der Dialogfähigkeit. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen: Beginn einer Perestroika, aber ein wenig Glasnost blitzt unter der Rubrizierung „Wir müssen reden“ schon auf. Ausgerechnet im Zentralorgan des WDR-Journalisten und DJV-Vorsitzenden Frank Überall, dessen Journalismusverständnis idealtypisch für all die tausendfach beklagten Zumutungen der lifestyle-linksgrünen, an ideologischer Bevormundung und macht-elitärer Blasenbildung krankenden ÖRR- und Mainstreammedien steht.

Was steht da nun Überraschendes? Ein sechsseitiges Doppelinterview mit zwei exponierten Medienfrauen, die in erster Linie Feministinnen sind (so jedenfalls die Priorisierung im Vorspann). Die eine ist Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazins, die andere die Schriftstellerin und Süddeutsche-Kolumnistin Jagoda Marinić. Thema des Interviews, das ich gerne verlinkt hätte, von dem ich aber keine Online-Version finden konnte: Welche Verantwortung tragen Qualitätsmedien (im Heft, und deshalb auch hier, nicht in Anführungsstrichen geschrieben) und Social Media für die Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses?

Da fragt also tatsächlich im eigenen Verbandswesen der medialen Klasse jemand öffentlich nach, und das auch noch bei bekannten Mainstreammedienmacherinnen, ob möglicherweise auch die Mainstreammedien irgendetwas falsch gemacht haben könnten in den letzten Jahren. Und den beiden fällt durchaus einiges aus ihrem Berufsalltag dazu ein. Weil sie nämlich – bei unablässig fortschreitender Verengung des Overton-Fensters – inzwischen im eigenen Leben Erfahrungen gemacht haben mit Shitstorms, Ausgrenzung, persönlichen statt sachlichen Angriffen, Denunziation, übler Nachrede und Stigmatisierung – womöglich sogar mit materiellen Nachteilen.

Die Revolution fängt halt an, ihre Kinder zu fressen. Sie macht jetzt auch vor Progressiven, noch Progressiveren, Feministinnen, Antirassistinnen und anderen, die sich ausweislich ihrer Identitätsgruppenzugehörigkeit auf der sicheren Seite wähnten, nicht mehr halt. Und das ist heilsam. Vielleicht müssen „Medienschaffende“ erst selbst einmal aus der Gnadensonne gefallen sein, um nachempfinden zu können, was viele Objekte der Berichterstattung da draußen täglich auszuhalten haben, die ihnen bis dahin bloß als unbelehrbar, Verschwörungstheoretiker oder Schlimmeres galten.

Um es konkret zu machen: Die erste lobenswerte Erkenntnis des Interviews ist das Zugeständnis, dass man heute tatsächlich auch in bester Absicht und aller Unschuld viele Dinge öffentlich nicht mehr sagen darf. Flaßpöhler wollte in ihrem neuen Buch Tocqueville zitieren, der im 19. Jahrhundert das damals übliche Wort „Nègre“ verwendete. Und das tat er im zur Rede stehenden Kontext nicht abwertend, sondern durchaus im Bewusstsein der Diskriminierung dieser Ethnien in den USA. Doch Flaßpöhler zensierte sich selbst und übersetzte das Wort auch zitathalber nicht einfach, sondern paraphrasierte es umständlich. Sie verfälschte also Historisches. „Ich habe das deshalb getan, weil ich auch die Menschen mit meinem Buch erreichen will, die es sofort zuklappen würden, wenn sie das N-Wort lesen, und zwar egal, in welchem Kontext.“

Aber kann man solche Menschen mit einem ernstzunehmenden Buch für Erwachsene erreichen? Menschen, die so verbohrt und/oder historisch bildungsfern sind, dass sie sich außerstande sehen, bei der Lektüre einen zeitlichen und semantischen Kontext zu berücksichtigen? Deren Synapsen stattdessen gleich „weg damit“ feuern? Viel Glück dabei! Das Entscheidende aber ist: Flaßpöhler erlebte diese Selbstzensur als das, was sie ist: unwürdig, beschämend und deprimierend. „Gleichwohl halte ich eine kontextlose Tabuisierung für problematisch“, räumt sie ein.

Auch die Interviewpartnerin Marinić hat Erfahrung mit der arglosen Verwendung des „N-Wortes“ gemacht: Auf Twitter zitierte sie das Wort einmal aus einem Gerichtsurteil – und erntete den offenbar unvermeidlichen Shitstorm. Obwohl auch hier der Kontext des Zitats klar gewesen sein muss. Ihre Konsequenz aus den Attacken auf ihre Person? „Ich habe den Tweet gelöscht.“ Ein weiterer Sieg für die Besinnungslosigkeit, eine weitere Niederlage für Debattenkultur und Demoktratie. Aber, so tröstet sich Marinić: „Für mich ist es kein Verlust, wenn ich das Wort nicht mehr benutze. Betroffene kämpfen als People of Color für eine Erweiterung des Diskurses und haben eine rhetorische Form gefunden, ihre Themen in die Gesellschaft zu bringen.“

Ja, nämlich den digitalen Löschmob. Und der sorgt nicht für eine „Erweiterung des Diskurses“, sondern für das genaue Gegenteil. Diesen Mob als dessen Opfer auch noch zu verteidigen, muss eine moderne Ausprägung des Stockholm-Syndroms sein: Man fühlt sich als Geisel wehrlos und dichtet sich daher seine Geiselnehmer zu respektablen Kämpfern für die gute Sache um.

Den digitalen Löschmob als dessen Opfer auch noch zu verteidigen, muss eine moderne Ausprägung des Stockholm-Syndroms sein.

Aber auch Marinić räumt kognitive Dissonanzen ein, was Anspruch und Wirklichkeit der „offenen liberalen Gesellschaft“ angeht. In ihrem Fall, und hier kommt es zum zweiten wohltuenden Zugeständnis unbequemer Wahrheiten in diesem Interview, ging es um das Gendern. „Ich habe ein feministisches, aber nicht gegendertes Buch geschrieben“, berichtet sie. „Danach meinten einige Feministinnen, es gehöre in die Tonne.“ Denn die Autorin würde „die Sprache als Zentrum der Gleichstellung nicht respektieren“.

Flaßpöhler wiederum ergänzt, dass die zahlreichen gegenderten Sprach-Katechismen (vulgo: Leitfäden), die inzwischen in Verwaltungen und Organisationen zirkulieren, zu diesen reflexhaften Anfeindungen beitrügen: „Wenn ich analytisch versuche, die gendergerechte Sprache zu problematisieren, sagen junge Frauen zu mir, hören Sie auf, Sie beleidigen uns.“ Hoffnung auf einen Rest wiederherstellbarer Vernunft im Diskurs macht hier Flaßpöhlers aufblitzende Fassungslosigkeit: „Aber wie kann ich Menschen mit Argumenten beleidigen?“

Die Frage geht in die richtige Richtung. Auch wenn sie sich eigentlich von selbst beantwortet: Es ist völlig abwegig, Argumente in der Sache als persönliche Beleidigung zu werten – außer in diesen irren Zeiten, für identitätspolitisch deformierte Charaktere, die zudem so übermäßig narzisstisch und selbstbezogen in jeglichem Aspekt der Weltwahrnehmung sind wie viele Angehörige der „Generation Z“. Wer dennoch beharrt, jede ihm nicht passende Argumentation sei „offending“ und „insulting“, kann sich nicht als Mitglied einer erwachsenden Diskursgemeinschaft betrachten. Er oder sie behindert bloß den Fortschritt der Debatte und das Finden von Lösungen. Aufgabe der Medien wäre, diese Torpedierung nicht auch noch zu fördern und zu multiplizieren.

Das dritte Hoffnungsmoment kommt, als Flaßpöhler berichtet, die geradezu hysterischen Reaktionen der Leitmedien auf #allesdichtmachen hätten sie schockiert: Angesichts der Kriminalisierung der Beteiligten „habe ich gedacht: Ich bin in diesem Land nicht mehr zuhause, ich wandere sofort aus.“ Oh, hi! Welcome to the club! We’ve got jackets. Dieses Gefühl der totalen Fremdheit unter Gleichsprachigen, das Andersmeinende in diesem Land seit Jahren täglich überschwemmt – nun hat es eine respektierte Medienmacherin empfunden und zum Ausdruck gebracht. Das tut gut. Wirklich gut. Nun weiß ich, dass in einer Chefredaktion jemand weiß, wie sich das anfühlt. Nämlich wie Salzsäure in der Magengrube.

Aber eine Cancel Culture der Mainstreammedien wollen die beiden dann doch nicht wahrhaben. Vermutlich, weil sie selbst noch nirgendwo ausgeladen oder durch Gewaltdrohungen mundtot gemacht wurden. Maximal gesteht Flaßpöhler zu, dass man ihr nach der Veröffentlichung Ihres offenbar nicht unkritischen Buches über die Metoo-Bewegung einen „Stempel auf der Stirn“ verpasst habe: „Rechtsreaktionäre Feministin, die sich Applaus von der falschen Seite holt.“ Ganz ähnlich erging es Marinić, bloß in Bezug auf Corona. Die Journalistin mit kroatischen Wurzeln erlebte nämlich im Kroatien-Urlaub viel mehr Gelassenheit im Umgang mit der Pandemie und bei der Rückkehr nach Deutschand vergleichsweise eine „extrem hysterische“ Debatte und „aktionistische“ Maßnahmen.

Da hatte sie den durch Lockdowns und Ausgangsperren zuhause festgesetzten Nur-Deutschen etwas Entscheidendes voraus: den Blick von außen auf eine immer totalitärere, immer begrenztere deutsche Binnenwelt. Doch was hatte Marinić davon? „Ich habe in einer Talkshow den Begriff der Eigenverantwortung einbringen wollen als zusätzlichen Faktor zur Eindämmung. Danach bekam ich Hassposts: Ich sei für fahrlässige Tötung.“

Auch hier aber wieder ein Hoffnungsschimmer: Zwei vom Establishment begünstigte Medienfrauen erleben und bezeugen, wovon Nichtmedienmenschen, kritische Experten und alternative Blogger seit Jahren täglich betroffen sind – und sich dafür im Fall ihres Protests noch als Lügner oder Verschwörungstheoretiker beschimpfen lassen müssen. Und hier lohnt nun ein Blick auf Marinićs Arbeit für die Süddeutsche. Am 4. September 2020 schrieb sie in ihrer SZ-Kolumne „Das Schweigen“ diese Sätze zur Corona-Politik: „In normalen Zeiten würde jeder Diskurs solide Medienkritik enthalten, die auch das Schüren von Ängsten kritisiert. Doch seit Monaten riskieren nur wenige Denker fundierte Gegenpositionen, als wäre jede Kritik eine Leugnung der Gefahr.“

Ich wüsste gerne, wie wohl die SZ-Redaktionskollegen ihrer Altersgruppe auf solche Zeilen aus ihren Reihen reagiert haben. Immerhin ist es maßgeblich auch die SZ, die beinahe täglich Corona-Ängste schürt und Kohorten-Gehorsam gegenüber den „Pandemiebekämpfern“ einzupeitschen versucht. Kann sein, dass der Bonus einer ausgewiesenen Antirassismus-Aktivistin und Gastarbeiter-Tochter der Kolumnistin Marinić hilft, Dinge im Blatt unterbringen zu dürfen, für die andere gesteinigt würden – intern, und erst recht, wenn die Redaktion solche Stimmen von „außen“ registrierte.

Noch ein letztes Signal für eine beginnende kritische Selbstreflexion innerhalb der etablierten Medienwelt: Flaßpöhlers und Marinićs Einlassungen zum Umgang der Redaktionen mit Twitter. Sie erkennen die US-gesteuerte Social-Media-Plattform ganz richtig als das Schwarze Loch jeglicher Debattenkultur, den Orkus, in dem dubiose Alpha-Twitterer Agenden setzen, Kritiker zum Abschuss freigeben und Narrative kidnappen. Das können sie nur, weil die Mainstream-Medien jeden ihrer Tweets als Gospel verbreiten und ihre Schlagzeilen bereitwillig danach ausrichten, statt intuitiv vor diesem anti-sozialen Medium zurückzuschrecken. (Auch TWASBO hat einen Twitter-Account. Ich bin immer noch auf der Suche nach einem Weg, ihn nutzbringend und vor allem ohne das Gefühl eines ständigen Waschzwangs einsetzen zu können.)

Im DJV-Interview schildert Marinić den typischen redaktionellen Alltag – vermutlich auch aufgrund ihrer SZ-Erfahrung – so: „Um 9 Uhr trendet der erste Hashtag. Um 13 Uhr haben die Redaktionen die ersten Extrem-Twitterer für einen Gastbeitrag angefragt. Dann trendet dieser Gastbeitrag und die Redaktionen setzen sich für ihre Klickzahlen auf diese Twittertrends drauf und hoffen, dass ihre Artikel viral gehen.“ Und sie bilanziert: „Viele Medien lassen sich die Themen von fünf Prozent der Bevölkerung diktieren, weil auf Twitter extrem viele Medienschaffende und Brandbuilder unterwgs sind und beide ihre Klickzahlen brauchen.“

Ich würde eher vermuten, es sind im Kern 0,0005 Prozent der „Bevölkerung“ (immer noch rund 400 Personen), die auf Twitter das große Wort führen – aber der Tendenz ist zuzustimmen: Ein Journalismus, der ganz auf das Twittermonster setzt, hat schon im Ansatz verloren. Und eine Demokratie ebenso.

Fazit, und man kann es nicht oft genug betonen: Hier, im Verbandsorgan des von mir aufgegebenen DJV, keimt Hoffnung. Hoffnung auf ein gerade noch rechtzeitiges Sich-Bewusstwerden der Mainstreammedien, eine Kurskorrektur, das Herumreißen des Steuers in Richtung echter Debatte, echtem Pluralismus, wirklicher Achtung der Meinungsfreiheit und Stimmenvielfalt. Und gerade, dass die Revolution offensichtlich ihre Kinder zu fressen beginnt, ist der Auslöser dieser Hoffnung.

Auch die Hexenjagden eines Joseph McCarthy gegen alle „kommunistischen Umtriebe“ in den USA der Fünfzigerjahre kamen erst dadurch zum Erliegen, dass selbst Erzkonservative unter immer absurderen Generalverdacht gestellt wurden. Diese aber, die doch Teil des Establishments waren, haben dann aus eigener Betroffenheit und eigenem Opfer-Erleben das gespenstische Treiben beendet.

Allzu gerne würde ich diese Hoffnungszeichen dahingehend deuten, dass dem Politikressort deutscher Verlage und Sender dereinst doch noch einmal zu trauen sein könnte. Aber ohne weitere konkrete Signale wage ich nicht, mich derart zu entblößen. Es wäre allzu schmerzhaft, ein weiteres Mal eines Besseren belehrt zu werden.

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