Wie ich neulich beinahe Banksy enttarnt hätte

… aber dann war er doch nur aus Plastik. Eine Hamburger Ausstellung treibt das kapitalistische Geschäftsmodell des zur Schau gestellten Antikapitalismus auf die Spitze – Soli-Spendenbox inklusive.

Ach Kinder, was geht’s uns wieder gut! War aber auch ne lange Woche, TGIF! So jung komm’wa nich wieder zusamm‘. Ich hab meinen Schampus ja gern extra-brut, aber der hier tut’s doch auch sehr schön – da bin ich gar nicht wählerisch. Einem geschenkten Gaul und so weiter. Stößchen! Sach ma, Kollege, was ist denn das hier eigentlich? Was mit Kunst, oder? Oder was mit Medien? Ich glaub, beides. Prösterchen! Hallooooo, das Geschöpf, das da gerade vorbeischwebt, ist das nicht die Ex von dem … ach nee, das war ja die andere. Noch’n kleinen? Immer!

Aber jetzt mal im Ernst: Wer sind all diese Promis? Ich habe die nicht erkannt, was aber an mir liegt. Es sind nämlich sehr namhafte Influencer dabei, manche sogar bekannt von TikTok. Aufregend! Und so unangestrengt gutaussehend! Diese beiden hier wurden übrigens dann auch noch von einem Mann interviewt, der seinerseits eine Fliege um den Hals trug, die an den Rändern elektrisch blau beleuchtet war. Ich glaube, das nennt man „Avantgarde“. Bei der Aufnahme dieses Paparazzo-Fotos habe ich selbst aus Versehen mit einem Fuß auf dem roten Teppich gestanden. Dabei hatte ich zehn Minuten zuvor noch keine Ahnung gehabt, dass ich hier landen würde – hier, im Untergeschoss einer aufgegebenen Galeria-Kaufhof-Filiale in der Hamburger Innenstadt.

Doch dann waren da diese Schilder in der Einkaufsstraße, die mich in die Unterwelt lockten. Kaum hinabgestiegen, schwemmte mich ein Schwall frisch eingetroffener Medienvertreter auch schon in die Richtung des gleißenden Lichts. Stellt sich heraus: Es ist die Vorpremiere der am nächsten Tag eröffneten Ausstellung „The Mystery of Banksy“. Alles dreht sich also um den auch nach zwei Jahrzehnten noch gesichtslosen, beißend kapitalismuskritischen Street Artist aus Bristol, der sich mit bitterbösen Sprühbildern gegen das Establishment, den Polizeistaat und die Monetarisierung von allem und jedem einen Namen gemacht hat.

Mit so was hier zum Beispiel. Lange Schlange der Punks und Anarchos vor dem Schalter, wo man T-Shirts mit „Destroy Capitalism“ auf der Brust kaufen kann – zum Schnäppchenpreis von nur 30 Dollar. Die Uniform der Individualisten. Jedes Shirt für einen guten Zweck, nämlich den Profit des Antikapitalisten-Ausstatters.

Apropos 30 Dollar. Während ich als geborener Multiplikator mit kantigem Kinn, vollem Haar und strahlend weißen Zähnen durch die Gesichtskontrolle gesegelt bin und zur Belohnung hier heute gratis saufen darf, kommen Sie am folgenden Bildschirm nur nach Abdrücken eines kleinen Solidarbeitrags vorbei:

Alter! Erwachene an Wochenenden 20 Euro, Familien 48 Euro fürs „Zeitfenster-Ticket“. Zum Vergleich: Das Museum of Modern Art in New York, das nicht im Keller einer stillgelegten Kaufhof-Filiale liegt, nimmt aktuell umgerechnet gut 23 Euro pro Vollzahler. Das muss diese Inflation sein, von der man jetzt so viel hört. Oder ist es die Risikoprämie einer „unauthorized Exhibition“ (Eigenwerbung der Veranstalter), zu der Banksy und sein Management also gar nicht ihr Okay gegeben haben. Falls die nun eine Millionenklage vom Zaun brechen. Andererseits: Street Art kennt kein Copyright!

Nein, jetzt weiß ich: Es ist ein Topzuschlag! Weil der höchst geheimnisumwitterte Künstler, dieses unfassbare Phantom, nämlich überraschend selbst anwesend ist. Da sitzt der einfach still im Hintergrund rum und lässt sich bei seinem nächsten subversiven Projekt über die Schulter schauen! Sagenhaft, jetzt werde ich also endlich rausfinden, ob er wirklich Robin Gunningham – Hallo, Herr Banksy, darf ich kurz …?!

Ach! Gar nicht echt, der Junge, der heute so um die 48 Jahre alt sein müsste und damit fast ein Kumpel der Bundesverdienstpunks Lobo und Campino sein könnte. Schade. Ich hätte ihn gern gefragt, ob er sich schon in seiner Story markiert hat:

Beziehungsweise warum das überhaupt jemand tun sollte, der nicht dafür bezahlt wird. Aber das ist eben der Elefant im Raum, wie die Engländer sagen:

Hier wird das ehemals rebellische und avantgardistische Werk eines Sprühdosen-Spontis im Industriemaßstab abgemolken. Dies ist nicht weniger als die elfte Station der durch ganz Deutschland wandernden Ausstellung, die laut Auskunft der Veranstalter mit 150 Werken „die derzeit größte Banksy-Schau der Welt“ ist. An ihrem Ausgangsort in München hatte sie angeblich 100.000 Besucher – was bei einem angenommenen Durchschnitts-Eintrittspreis von 12 Euro allein dort 1,2 Millionen Euro Roherlös bedeuten würde.

Und es laufen derzeit drei gleichzeitig davon: in Leipzig, in Bremen und hier in Hamburg. Alle identisch, wie mit der Sprühschablone hergestellt. Erwähnte ich, dass es an jeder Station der Tour lokale „Medienpartner“ gibt – hier etwa das ehrwürdige alte „Hamburger Abendblatt“ und die ebenso ehrwürdig junge „Szene“? Und Videoüberwachung nebst entsprechenden Hinweisschildern im Sprühschablonen-Look (nicht von Banksy)? So leicht wird hier kein unautorisiertes Kunstwerk geklaut.

Kaum ein Besucher dürfte unter dem Eindruck leiden, dass er ein kleines Zahnrad in einer riesigen Vermarktungsmaschine ist. Sondern er dürfte entweder das Gefühl mitnehmen, als ausgewiesener Banksy-Afficionado legitimer Teil des Anti-Establishments zu sein, oder wenigstens ein Mega-Fun-Erlebnis für die ganze Familie gekauft zu haben. Es ist schließlich alles so schön bunt hier. Und so bequem in einer Stunde abzufrühstücken. Ursprünglich bestand der Kitzel dieser Art von Kunst darin, dass über Nacht an verbotener Stelle eine einsame Sprühparole auftaucht und in einen inhaltlichen Dialog mit genau diesem einen Ort tritt, der ohne sie komplett trostlos wäre. Doch an dieser Kargheit muss man hier nicht darben. Hier kann man sich sattfressen an der totalen Überdosis.

Der Produzent der Show, der in der Vergangenheit auch schon für massenkompatible Events wie „Körperwelten“ zuständig war, hat es hier geschafft, Kunstwerke lebendig werden zu lassen. Sehen Sie zum Beispiel gleich links neben dem Smiley-Polizisten im Hintergrund die Dame mit dem gelben Mantel und dem Herzchen-Luftballon über dem Kopf? Sie schlendert an diesem Nachmittag durch die Show und lässt sich von den Kameras der Medien als farbenfroh belebendes Element zwischen all den Stilleben aufnehmen. Das ist eine Ironisierung ersten Grades, auf der Ebene der konkreten Kunstobjekte ansetzend. Die Frau tritt in diesem Outfit als das Balloon Girl auf, das Mädchen mit dem Herzchen-Ballon.

Es ist eines von Banksys berühmtesten Motiven, und deshalb finden wir es im reich mit Merchandising bestückten Ausstellungs-Shop auf Schlüsselanhängern und Alkoholika wieder. Das Original-Girl von 2002 wurde übrigens 2020 aus der Hauswand herausgetrennt, auf die es gesprüht worden war, und eingefasst im Goldrahmen für 500.000 Pfund versteigert. Such is the hype.

Die Ironisierung zweiten Grades, also der Meta-Ebene, schafft der Kapitalismus auch, locker aus der Hüfte: Banksy, der Robin Hood der Ausgebeuteten und Bloßsteller von Spekulanten, die sich unproduktiv die Taschen vollstopfen, stopft hier Leuten die Taschen voll, die sein Werk finanziell ausbeuten. Die seine Brand verwenden, sein Image ausschlachten. Rein technisch ging das so vonstatten, indem die Ausstellungsmacher andere Street Artists und Bühnenbildner anheuerten, um Banksys Werke anhand der Milliarden davon existierenden Fotos einfach nur 1:1 zu kopieren. Eine „Repliken-Ausstellung“ heißt das dann. Unauthorized, Baby!

Und schließlich lässt sich das Spiel der Verknotung von Kritik und Kommerz noch auf eine dritte Ebene hochschrauben. Banksy selbst ist auf den Schwingen seiner popkulturellen Heiligsprechung längst zum Entertainment-Unternehmer geworden, natürlich in der gewissenhaften Spielart des Social Entrepreneur. In dieser Rolle hielt er mit aufwändig inszenierten Events wie dem Anti-Disneyland-Themepark „Dismaland“ echten Kapitalisten und ihrer Gesellschaft gegen gutes Geld den Spiegel vor. Oder er protestierte mit dem eigens eröffneten „Walled off Hotel“ gegen die Mauer, mit der Israel sich vor militanten Palästinensern schützt. Seine von langer Hand vorbereiteten Groß-Inszenierungen haben nicht überall Begeisterung ausgelöst, jedenfalls nicht in der nachwachsenden israelischen Street-Artist-Generation, wie ich bereits 2019 im Interview mit Nitzan Mintz erfuhr.

Das sind in Summe gleich drei Stinkefinger, die das System seinem Hofnarren zeigt. Oder möchten Sie andere Metaphern? Bitte: Die Borg haben es verstanden, den ehemals pieksenden Stachel in ihrem Fleisch vollständig zu assimilieren. Die Antikörper haben den Keim der Zersetzung zu Tode umarmt.

Am Ende seines Ausstellungsrundgangs kann der linksliberal kapitalismuskritische, sozial progressive, selbstverständlich rebellische Eigentumswohnungsbesitzer und Konzernangestellte sein schlechtes Gewissen freikaufen, das von Banksys plakativen Botschaften wundgetriggert ist. Kurz vor dem Drehkreuz am Auslass – Exit through the gift shop! – steht eine Spendendose. Das gesammelte Geld dient zur Rettung von Migranten aus Seenot im Mittelmeer, die ihre Schlepper einkalkuliert haben, und zu ihrem Weitertransport in den Hafen ihrer Träume. Auch das natürlich ein Banksy-Projekt: Das in Berlin registrierte Schiff „Louise Michel“ wurde von ihm finanziert und ausgestattet.

Die Veranstalter legen für den guten Zweck auch noch ein Sümmchen drauf, versprechen sie. Ihr Kalkül wird vermutlich aufgehen, doch in einem Punkt haben sie schlicht Glück gehabt: Tatsächlich besaß Banksy früher ein Markenrecht, nämlich an seinem Bildmotiv Flower Thrower, einem Blumen statt Steine werfenden Demonstranten. Auch dieses Motiv wird „unautorisiert“ in der Ausstellung gezeigt. Doch rechtzeitig vor Beginn der Tournee hatte eine EU-Behörde im September 2020 dem Künstler das Markenrecht aberkannt – er sei ja schließlich gegen Urheberrechte und gebe sich außerdem nicht zu erkennen.

Freie Bahn also für die Scheißhausbedarfs-Industrie (obere Reihe, Mitte).


„The Mystery of Banksy – A Genius Mind“
Ehem. Galeria Kaufhof (UG), Mönckebergstr. 3, 20095 Hamburg
Noch bis 3. Oktober 2022
Mo-Mi und So 10-18 Uhr, Do-Sa und Feiertage: 10-20 Uhr
Eintrittspreis Vollzahler, zeitfenstergebunden: 18-20 Euro, diverse Ermäßigungen

7 Kommentare

  1. Ich bin auch gegen das Urheberrecht und die Ausstellung zeig wie erfolgreich Kunst sein kann, ohne diese. Das die Leute die hohen Eintrittspreise zahlen zeigt deren Interesse. Letztlich ist das im kleinen, wie die MP3 Revolution, als die live Künstler dadurch, dass Menschen die Musik kostenlos irgendwo runter laden konnten, massiv profitierten. Bekanntheit ist das wichtigste in der Kunst.

    Daher hat Bansky vor allem dadurch profitiert das seine Kunst Markenfrei ist, zumindest was den Bekanntheitsgrad angeht. Ob er diesen für sich finanziell nutzt, Wissen wir aber nicht.

    Ich bin zwar auch nicht hingegangen, als sie in unserer Stadt war, weil mir die Kunst in dem Fall nicht so viel Wert ist. Aber ich sehe auch das es den positiven Effekt zeigt, da es für mich den zeigt, dass es ohne Urheberrecht mehr Kunst gibt.

    Das man sich aber heute vom schlechten Gewissen frei kaufen muss, ist wohl der Kientiel geschuldet. Das Bildungsbürgertum möchte immer Gut sein.

    1. Gegen Urheberrechte für jede Art von Kunst – diese Haltung habe ich noch nie verstanden. Street Art mit ihren oft anonymen Produzenten mag ein Ausnahmefall sein. Aber Menschen, die geistig und/oder künstlerisch etwas geleistet haben, das andere nicht können, sollen nicht den Lohn ihrer Mühe für sich beanspruchen dürfen? Sollen nicht davor geschützt werden, dass andere sich ohne ihre Zustimmung an ihren Produkten finanziell bereichern? Würden Sie als Künstler/Schriftsteller/Bildhauer/Komponist, der monatelang an einem Werk plant und feilt, dieses dann wirklich aller Welt frei zur Verfügung stellen? Und wovon würden Sie leben?
      Ich habe meine Romane bereits kurz nach Erscheinen auf Raubkopieseiten im Web gefunden und kann Ihnen versichern, dass ich davon nicht „massiv profitiert“ habe und schon gar nicht angeregt wurde, „mehr Kunst“ zu produzieren. Ganz im Gegenteil.

      1. Einfach andere Bücher schreiben? Das Bildungsbürgertum wartet sehnsüchtig auf einen neuen Harry Potter. 😉
        Im Regelfall schließt das Eine das Andere nicht aus. Bedeutet: Kunst & Kommerz gehen halt gut zusammen.

        Wer Glück hat , kann mit kommerziellen Angeboten seine eigentliche Kunst finanzieren. Wer Pech hat, arbeitet dann nur noch für den Markt des Zeitgeistes und wer ungesehen (ungelesen, usw.) bleibt, geht vor die Hunde. Und natürlich: Via Soundcloud, YT, Instagram und hunderte, andere Plattformen stellen Künstler ihre Werke auch so zur Verfügung.
        Und auch ganze Contests werden über die Plattformen abgewickelt. Es wird ein Thema vorgegeben und die Künstler können dazu ihre Werke einreichen.

        Natürlich ist ein gewisser Werkschutz schön für den Künstler, nur klappt der halt in einer dezentralen, virtuellen Welt nicht so, wie früher. Den Modus wird man auch nicht wieder herstellen können. Auch die Buchpreisbindung wird den neuen Zeiten unterliegen. VG Wort soll ja jetzt auch nicht so üppig auszahlen, wenn man nicht gerade regelmäßig in den Top Ten der „Spiegel-Bestseller“ landet.

  2. Die wandernde Postergalerie wurde in den Hamburger Medien bemerkenswert unkritisch „besprochen“, also angepreist [sic]. Danke für die Breitseite, dass Banksy sich gegen den Diebstahl nicht schützen kann, ist schade.

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