Wer bin ich – und wenn nein, warum nicht?

Das Internet: unendliche Weiten. Ein trügerischer Welt-Traum, in dem sich jeder selbst erfinden kann. Aus dem Spiel mit Identitäten wird in den Zeiten von Realitätsverlust, Denunziation und Repression allerdings Ernst. Expedition ins virtuelle Spiegellabyrinth.

Von Oliver Buchal

Oh nein! Muss das denn sein, so eine Überschrift? Soll ich meinen Text wirklich mit einer derart abgeschmackten Parodie beginnen, als Richard David Precht für Arme? Kann ich mit dieser Schmach leben, in aller Öffentlichkeit, unter meinem eigenen Namen? Denn das war die Bedingung: Schreib was du willst, aber bitte unter deinem Klarnamen. Alles klar. Aber was genau soll so ein „Klarname“ eigentlich klären? Eine eindeutige Identität, wohlmöglich amtlich bestätigt? Zumindest wohl die Annahme einer realen Person, die im Zweifelsfall für das, was sie hier absondert, verantwortlich gemacht werden kann. An letzterem, also an der Annahme, müssen sich die Leser dieses Blogs leider festhalten, denn mehr als einen Vor- und Nachnamen bekommen sie hier nicht präsentiert. Ausweisdokumente oder polizeiliche Führungszeugnisse waren nicht Teil des Deals.

Ein Text sollte für sich selbst sprechen, das war immer mein Anspruch, sowohl an mich selbst als auch an andere Autoren. Ist der Text rund genug, so wird dahinter ganz beiläufig auch das Bild eines Menschen sichtbar. Wobei es oft mehr eine Idee ist als ein konkretes Bild. Diese Idee ist wohlmöglich sogar spannender, als es ein Autor aus Fleisch und Blut je sein könnte. Dennoch klicke auch ich natürlich gerne auf die Selbstauskunft von Bloggern, sofern sie denn eine präsentieren, auf Seiten wie „Über mich“, „Zu meiner Person“ oder das Impressum – in der Hoffnung, hinter Namen, Adressen und Berufsbezeichnungen eine real existierende Person erschnüffeln zu können. Wen nicht auch zumindest ein klein wenig detektivische Neugier und Voyeurismus durch die digitalen Medien treiben, der werfe den ersten Stein!

Ich selbst schreibe seit mehr als zwanzig Jahren Sachen ins Internet, zuerst in Diskussionsforen, später auf eigenen Blogs, und nebenbei natürlich auch in den Sozialen Medien. Nur stiller Leser zu sein, das war mir immer zu wenig. Einmischen wollte ich mich, meine Meinung sagen, manchmal auch einfach nur etwas schwadronieren oder herumstänkern – wenigstens ein kleines exzentrisches Stimmchen sein im großen Chor der Selbstdarsteller und Online-Prediger. Ich tat dies immer als Privatperson, beauftragt wurde ich selten. Daher fühlte ich mich auch nie verpflichtet, eine wasserdichte Autoren-Vita zu präsentieren.

Auch nicht, als die große Netzwerkdurchsetzungs-Krake mir dies immer strenger nahezulegen versuchte. Manchmal veröffentlichte ich meinen realen Namen, manchmal nur einen Teil davon, meistens aber blieb ich anonym und versteckte mich hinter wechselnden Pseudonymen. Dass ich mich hier nun wieder mit meinem Klarnamen präsentiere, ist wohl Teil dieses etwas indifferenten Identitäts-Bingos. Ich könnte auch sagen: Mein Mut wächst mit meinen Aufgaben. Mut gehört heute tatsächlich dazu, sich als reale Person offen zu seinem Text zu bekennen. Vor allem, wenn dieser sich in aktuelle öffentliche Meinungsschlachten einmischt.

In grauer Vorzeit, als das Wünschen noch geholfen hat und sich die ersten Nutzer noch per piepsendem Modem ins Word Wide Web einwählten, sprach dieses Web zu uns: Lass dein reales Leben hinter dir, erfinde dich neu, sei, wer du willst! Mit wachsendem Erfolg hat dann leider auch die Politik diese neue Spielwiese für sich entdeckt. Seitdem versucht sie unermüdlich, ihr dieselben Spielregeln aufzudrücken, mit denen sie auch im „Real Life“ die Menschen kontrolliert. Seitdem heißt es: Zeig uns dein Gesicht, erkläre uns, wer du bist. Und vor allem: pass auf, was du sagst!

Aus dem Spiel mit fiktiven Identitäten und Pseudonymen ist für viele Blogger und Autoren so mittlerweile eine Notwendigkeit geworden, aus Schutz vor einem immer übergriffiger agierenden Staat, oft aber auch vor dem eigenen sozialen Umfeld. Denn was würden wohl die Freunde, die Familie, die Kollegen und der Arbeitgeber denken, über das, was man da so frank und frei in die Öffentlichkeit kippt? Gesicht zeigen muss man sich leisten können – vor allem im freiheitlichsten und demokratischsten deutschen Staat aller Zeiten, der soziale Ausgrenzung und Denunziantentum gerade wieder als Erziehungsmaßnahmen für seine Bürger aus der Mottenkiste gekramt hat.

Der anonyme Autor schützt sich am Ende also vor seinen eigenen Lesern. Den Lesern bietet er damit aber auch eine wunderbare Projektionsfläche. Wie schon gesagt: Die Vorstellung über einen Autoren ist oft interessanter als der Autor selbst. Ein Pseudonym regt die Phantasie an. Die Frage, wer sich tatsächlich hinter den Texten verbirgt, kann mitunter spannender sein als die Lektüre selbst. In der traditionellen Verlagswelt sind anonyme Autoren eher unbeliebt, da sie nun mal schlecht vermarktet werden können.

Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: Wer sich hinter dem Pseudonym der italienischen Bestseller-Autorin Elena Ferrante verbirgt, ist zum Beispiel bis heute nicht bekannt – was dem Absatz ihrer Bücher aber nicht geschadet hat, im Gegenteil. „Bücher brauchen nur sich selbst und müssen sich ihre Leser selbst suchen“, so wird das Phantom Ferrante zitiert. Ähnlich verhält es sich wohl mit den digitalen Tagebüchern, den Blogs. Die spannendsten werden anonym veröffentlicht und lassen ihre Leser wie in guten Romanen in ein fremdes Leben eintauchen.

Einer dieser Romane spielt in Berlin. Sein Held ist ein Mann Anfang vierzig, der ungefähr so neurotisch auftritt, wie man sich einen Großstadtbewohner seines Alters wohl vorstellt. Dieser Mann lebt im Prenzlauer Berg, in einem Kiez, den er ebenso so leidenschaftlich hasst wie das Großunternehmen, bei dem er angestellt ist und das er stets nur als „Borgwürfel“ bezeichnet. Beide Hassobjekte, den Kiez und den Würfel, kann oder will er nicht verlassen. Vielleicht, weil er ohne den Hass nicht mehr wissen würde, wer er ist. Kleine Fluchten bieten Ausflüge ins Umland sowie reichlich Alkohol und Drogen, deren Effekte er mit regelmäßigem Sport wieder auszugleichen versucht. Denn der Mann ist trotz allem eitel. Dazu gibt es Einblicke in seine Vergangenheit, in eine schwere Jugendzeit und ein mehr als zerrüttetes Verhältnis zu seiner Mutter. Die Perspektive des Autors schwankt dabei stets zwischen Distanziertheit und Verzweiflung. Aber auch der Humor kommt nicht zu kurz. Eine saftige Mischung aus Drama und urbaner Satire also.

Sollte Ihnen diese Geschichte bekannt vorkommen, so gehören Sie wahrscheinlich zu den zahlreichen Lesern der Online-Biographie eines gewissen Mark Zimmermann a.k.a. Maschinist a.k.a. Pestarzt a.k.a. Kiezneurotiker. Vielleicht fiebern Sie ja auch wöchentlich seinen Veröffentlichungen entgegen, schütteln den Kopf über seine Launen, lachen über seine Konfrontationen mit den Prenzlberger Bio-Vetteln und machen sich Sorgen um seine Gesundheit.

Wie sehr dieser seit vielen Jahren unter wechselnden Namen auftretende Held die Projektionen seines Publikums in Schach zu halten vermag, zeigt sich aber immer dann am besten, wenn er wieder einmal untertaucht. Denn das tut er mit einer gewissen Regelmäßigkeit, es ist immer nur eine Frage der Zeit. Das plötzliche und unangekündigte Verschwinden gehört ebenso zu seinem Konzept wie die Wiedergeburt unter einem neuen Pseudonym, aber mit derselben Biographie. Natürlich wissen Sie, dass Mark Zimmermann nur ein Pseudonym ist, das den realen Menschen dahinter schützen soll. Aber dass es diesen Menschen gibt und das dazugehörige Leben, das glauben Sie doch, oder? Sie werden ihm sehr wahrscheinlich nie persönlich begegnen. Und dennoch bleiben Sie dran.

Ein anderer Roman dreht sich um eine junge Frau Anfang dreißig – eine engagierte Historikerin, die ihre Leser an der eigenen ebenso faszinierenden wie dramatischen Familiengeschichte teilhaben ließ. Als Nachfahrin von Holocaust-Opfern gab sie der dritten Generation überlebender Juden in Deutschland wortgewaltig ein prominentes Gesicht. Anders als die Saga des Maschinisten endete diese Gesichte allerdings bereits früh und tragisch: Die noch junge Heldin beging vor drei Jahren Selbstmord. Und sie hatte sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt. Marie Sophie Hingst gab es tatsächlich. Sie zeigte ihr Gesicht gerne und oft in der Öffentlichkeit, bekam für ihren Blog „Read on my dear, read on“ sogar Preise verliehen und ließ keinen Zweifel daran, dass die dort geschilderte Geschichte echt und authentisch war.

War sie aber nicht. Frau Hingst war weder Jüdin noch hatte sie Verwandte im Holocaust verloren. Auch andere Aspekte ihrer Biographie erwiesen sich als ausgedacht. Kurz nachdem die Lüge aufflog, nahm sie sich das Leben. Litt die Autorin an einer ausgeprägten Psychose oder war hier ein gewagtes literarisches Projekt eventuell komplett aus dem Ruder gelaufen? Eine Frage, an der sich Teile ihrer ratlosen Leserschaft bis heute die Zähne ausbeißen. Auf jeden Fall beweist der Fall der Marie Sophie Hingst, dass Klarnamen noch lange nicht Klarheit bedeuten. Und wer sich in fremden digitalen Leben verliert, findet sich wohlmöglich auf verlorenem Posten wieder.

In letzter Zeit haben immer mehr bekannte und meinungsstarke Blogger das Zeitliche gesegnet, sowohl virtuell als auch ganz real. Teilweise wurden langjährige Blogs ohne weitere Kommentare eingestellt und treiben seitdem als stille Grabstätten durch die Weiten des Netzes. Die Autoren dahinter, bekannt oder anonym, sind untergetaucht, nicht mehr aufzufinden, nachträgliche Projektionen laufen ins Leere.

Teilweise gab es aber auch mehr oder weniger offizielle Todesnachrichten. Bedenkt man, dass die Blogger „alter Schule“ einer Generation angehören, die zum großen Teil die fünfzig bereits weit überschritten hat, ist das leider auch nicht ganz so überraschend. In diesem Alter kommen die Einschläge näher: Burnouts, Zusammenbrüche, die ersten Herzinfarkte. Blogs gehören aber nicht nur deshalb zu einer langsam aussterbenden digitalen Spezies. Jüngere Generationen nutzen sie, sofern sie nicht längst komplett auf Instagram und Co. umgezogen sind, höchstens noch für Lifestyle-Themen wie Mode, Backen oder sonstige Hobbyhöllen. Politik, Meinungsstreit oder gar Literatur findet dort immer weniger statt. Die neuen Hobbyblogger präsentieren sich daher auch gerne offen, mit Klarnamen und pausbäckig strahlenden Porträtfotos. Um sich hinter ein Backrezept zu stellen, braucht es eben auch wenig Mut.

Einen virtuellen Helden bin ich Ihnen jetzt wohl noch schuldig. Seine Geschichte ist weniger prominent, sie ist auch kein Roman, eher ein Fragment, eigentlich nur ein Zettelhaufen. Dieser Held ist mittlerweile auch schon Anfang fünfzig, zum jetzigen Zeitpunkt aber noch quicklebendig. Ein zwielichtiger Charakter, der schon seinen Lehrern damals in Ostberlin nicht ganz geheuer war in seinem ständigen Schlenkern zwischen Ernsthaftigkeit und Albernheit. Ein Mann, dessen Ansichten zu Gesellschaft und Vaterland sich mit zunehmendem Alter als anarcho-libertär nur noch unzureichend beschreiben lassen. Jemand, der seine persönliche Freiheit und Autonomie also über alles schätzt, der das Leben nicht richtig ernst nimmt, seine Mitmenschen mitunter aber schon. Ein freier Kreativer, der seine Auftraggeber und Wohnsitze häufiger wechselt als andere Leute ihre Unterhosen. Der ganz offensichtlich auch vor Unterhosen-Vergleichen nicht mehr zurückschreckt, ebenso wenig wie vor dem peinlichen Wortspiel in seiner Überschrift. Ein Autor, der Ihnen gerade geschätzte zehn Minuten Ihres Lebens gestohlen hat.

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