Vom Zauber, Glumm zu lektorieren

Wer vorhat, die wilden Geschichten des Solinger Bloggers Andreas Glumm für eine Buchfassung zu bearbeiten, braucht einen niedrigen Ruhepuls. Auch Demut angesichts der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz kann nicht schaden. Das frisch gedruckte Ergebnis ist trotzdem spektakulär.

Disclaimer vorweg: Nur weil ich in „Geplant war Ewigkeit“ als Lektor genannt werde, heißt das noch gar nichts. Es ist immerhin ein Glumm-Buch. Das bedeutet: Wer versucht, dieses Projekt in den Griff zu bekommen oder in irgendeiner Weise unter Kontrolle zu halten, sollte alle Hoffnung fahren lassen. Denn es ist Glumm.

Wobei, es war schon so, wie’s in meinem Vorwort steht. Glumm wollte seit Ewigkeiten ein Buch, bekam aber den Hintern nicht hoch. Also trat ich ihm schriftlich in denselben, wieder und wieder und wieder. Außerdem wählte ich die Geschichten aus dem Zufallsfundus seiner Blogs aus. Und machte auch Vorschläge, wie man die Texte aus dem Blog-Zustand in einen Buch-Zustand überführen könnte. Das wurde ein ziemlich ausuferndes Hin und Her. Ich strich weg oder merkte an, er nickte ab oder sträubte sich. Sträubte er sich, wurde neu verhandelt. Dann einigte man sich. Ganz normal, so weit.

Eher nicht normal war, dies als ein kollegiales Ping-Pong unter Wortbegeisterten anzugehen. Ich war ja nicht Lektor eines klassischen Verlages, was mir eine gewisse Durchsetzungsgewalt, aber auch Endverantwortung für die Textqualität verliehen hätte (das Buch erschien bei der Self-Publishing-Plattform epubli). Den armen Verlagskollegen hätte ich auch mal sehen wollen. Schon das Wort „Lektor“ behagte Glumm nämlich gar nicht. Für ihn, der zeitlebens immer völlig autonom vor sich hingebloggt hat, musste das nach Aufsicht und Anmaßung klingen. Er schlug für meine Funktion „Regisseur“ vor, was zwar eine lustige Analogie zu einer ähnlich verrückten gestrickten Branche ist, aber darüber hinaus genauso irreführend. Denn auch ein Regisseur hat ja durchaus Weisungsrechte an seine Schauspieler.

Infolgedessen kam es zwischenzeitlich auch zu heftigen Abwehrreaktionen, der gefürchteten Lektoratsallergie. Jeder, der mal ein fremdes Buch „betreut“ hat, dürfte diese Dynamik kennen: Es sind meine Texte! Ja, aber ich bin der Leser! Nein, du bist nur irgendein Leser! Nein, ich bin DER Leser! Aber es sind meine Texte! – Und wenn zwei alte Böcke Männer, die beide ein bisschen was können, selbst über die sichere Entfernung von Hunderten von Kilometern hinweg an einer Formulierung feilen … und dann an noch einer … und noch einer …

Zwischenzeitlich kam es zu heftigen Abwehrreaktionen, der gefürchteten Lektoratsallergie.

Auf Seite 190 zum Beispiel, in „Der Mann mit dem Pudel war hier“. Während eines Spaziergangs des Erzählers mit seinem Mischlingshund Leo taucht eine fremde Frau mit Collie auf. Man kommt ins Gespräch unter Hundebesitzern. Im Blog hatte Glumm geschrieben:

„Ist ein Fundhund, aus Bottrop“, erklärt die Besitzerin, eine junge Frau mit hartem Partymund.

Was ist das, ein „harter Partymund“? Nach einigem Nachdenken dämmert es mir. Doch so eine Stolperstelle im Lesefluss, wo ich erst mal nachdenken muss, löst in mir den Reflex aus, unbefangenen Lesern das Stolpern ersparen zu wollen. Am Rand notiere ich: Wenn Alkoholismus bzw. „verlebt“ gemeint ist, gäbe es da was anderes, wo man gleich ein Bild hat?

Ein paar Tage später kommt Glumms Antwort aus Solingen: Hm. Vielleicht: „mit hartem unnachgiebigen Partymund“. Ist ein stimmiges Bild, finde ich.

Für ihn vielleicht, aber mir hilft das nicht weiter: Nee, immer noch nicht. Party ist doch eigentlich was Fröhliches, Sinnliches. Ich kriege da emotional den Bogen nicht. 

Und im Nachhinein ist auch klar, warum: Ich bin nicht auf dieselbe Art Parties gegangen wie Glumm. Parties, wo aus Spaß (oder Langeweile) erst Exzess wurde, dann Krieg gegen den eigenen Körper und gegen dessen Betteln um Schonung (Glumms Erklärungsvorschlag unnachgiebig). Wodurch sich manche Münder über die Jahre verhärteten, Kriegsnarben sozusagen. Ich begegne solchen Leuten auch nicht, oder wenn, dann komme ich nicht mit ihnen ins Gespräch. Aber Glumm tut das täglich. Deswegen hat er ja was über die Collie-Besitzerin zu erzählen und ich nicht. Ihre Lebensgeschichte samt sozialem Status kondensiert dabei zu einem einzigen Adjektiv und einem Kopplungs-Substantiv: im „harten Partymund“. Fast alles, wozu ich jetzt einen ganzen Absatz benötigt habe, steckt da drin.

Die Stelle kommt letztlich so ins Buch. Weil es Glumms Buch ist, Glumms Welt. Seine Augen. Der Mund der Colliefrau.

So ging das Stelle für Stelle, Geschichte für Geschichte, gut ein halbes Jahr lang. Und irgendwann explodierte die aufgebaute kreative Spannung dann auch mal: Ich verstehe z. B. nicht, mailte Glumm zornig, was man an dieser Szene anstößig finden kann: ‚Er fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, wie ein bockiges Kind.'“ 

Na ja, beharrte ich, selbst bockige Kinder haben üblicherweise keinen Geschlechtsverkehr, weder in hektischen noch in anderen Intervallen. Wahlweise fahren sie nicht Auto. Und vielleicht sollte man auch weder das eine noch das andere suggerieren.

Aber Glumm war jetzt in Fahrt: Ich meine: na und?! Selbst wenn es den einen oder anderen aufregen sollte, um so besser. Du schreibst mehr wie ein Journalist, das bleibt dir unbenommen, aber das bin ich nicht, und ehrlich gesagt: es gefällt mir auch nicht besonders. Du kannst viel besser schreiben. Diese ständig mit der Realität abgleichende Sicht auf die Dinge, diese Journalismus-Schiene, das killt das Schreiben.

Mein Name ist Driesen, und ich bin ein Killer im Auftrag der Wahrheit. Beziehungsweise der Sprachlogik. Im fertigen Buch findet sich die Stelle nun zu meiner außerordentlichen Zufriedenheit so wieder: Er fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, bockig. Selten hat mich ein Punkt so erleichtert wie hier.

Endlich und zum guten Schluss war vermeintlich der Deckel drauf. Am 20. Oktober des vergangenen Jahrtausends kam aus Solingen weißer Rauch: Mein Freund, ich sage nur: puh. Und dann noch: So. Hoffe mal, das war’s. Natürlich würde ich auch beim nächsten Durchlauf noch was finden, was man besser machen könnte, aber du hast Recht, es würde an der Substanz nichts ändern. 

An irgendwas muss der Mensch ja glauben, also glaubte ich daran.

Nur wäre Glumm nicht Glumm, wenn er nicht immer wieder noch eine neue Variante einer Geschichte ausprobieren würde. Oder eine Rekombination der Einzelteile. So hat er es schließlich auch immer in seinen Blogs gehalten. Durcharbeiten nennt er das. Was, wie ich zugebe, seinen Geschichten meistens gutgetan hat.

Nur dem Blutdruck eines (fiktiven) Lektors mit Fixierung auf einen möglichst nahen Erscheinungstermin und auf vermeintliche Absprachen tut es nicht gut. Um bei der zitierten Story „Der Mann mit dem Hund war hier“ zu bleiben: Als ich das gedruckte Werk in Händen halte, finde ich darin nicht nur meinen Namen als „Lektor“, sondern auch mir völlig unbekannte Hunde-Anekdoten. Außerdem solche, die mir zwar vage bekannt vorkommen, weil ich sie schon gelesen und bearbeitet hatte – aber nicht mit diesen Hunden. Und solche, die ich kannte, fehlen nun.

Selbst bockige Kinder haben üblicherweise keinen Geschlechtesverkehr, schon gar nicht in hektischen Intervallen.

Dafür gibt es Austausch-Anekdoten und Überraschungshunde. Unter den Opfern, die es nicht schafften, ist zum Beispiel Attila, der sich an Glumms langjährige Haus- und Hof-Hündin Frau Moll herangemacht hatte. In der Blog-Version heißt es noch: Auch Attila, ein weißer kanadischer Schäferhund, stößt dazu. Ein aparter Meister. Aber wie apart er auch immer sein mag, Rüde bleibt Rüde. Wie ein Paparazzo schnofelt er jedem Weiberarsch hinterher, der für einen Schnappschuss herhalten könnte, daran findet Frau Moll kein Vergnügen mehr, sie ist mittlerweile kastriert.

Okay, dachte ich beim Bearbeiten, wir haben es ganz offensichtlich mit einem ausgesprochen männlichen Hund zu tun. „Apart“ kenne ich nur für weibliche Wesen, schrieb ich deshalb in die Kommentarspalte. Und schlug für die Buchversion vor: Ein Meister der Eleganz. Aber wie elegant er auch immer sein mag, Rüde bleibt Rüde. Wie ein Paparazzo schnofelt er jedem Weiberarsch hinterher, der einen Schnappschuss wert sein könnte. Frau Moll findet daran kein Vergnügen mehr, sie ist mittlerweile kastriert.

Immer noch nicht optimal, denn in meiner Version doppelt sich „Eleganz“ mit „elegant“ in derselben Zeile, so wie bei Glumm „aparter“ mit „apart“. Immerhin kann ich mir bescheinigen, meinen Job als Abfangjäger für schiefe Bilder und Begriffe getan zu haben. Die rutschen Glumm – wie er selbst einräumt – immer mal wieder in seine Texte. Aber als ich das fertige Buch aufschlage, ist nicht nur das falsche Adjektiv verschwunden, sondern auch der dazu (un-)passende Hund samt Paparazzo und Weiberarsch. Ist das nun ein Erfolg des Lektorats? Oder das Kind mit dem Bade?

Dafür wedeln mir beim Blättern im Taschenbuch aber reichlich andere Hunde entgegen, unter anderem drei französische Bulldoggen („mit knackigen kleinen Hodeneiern“): Zeus, Lucky und Paul, das Personal einer für mich brandneuen Episode. Zu ihnen gesellt sich noch Kimba, als Bulldoggin ohne knackige kleine Hodeneier. Ich würde diese Hundedame vermutlich als „apart“ beschreiben, aber mich hat niemand gefragt. Als passiver Zaungast und Nicht-Lektor lautet mein souveränes Urteil: Ist doch trotzdem supi!

Was natürlich auch für das ganze Buch gilt. Glumm musste da bloß erst stellenweise einen kleinen Exorzismus durchführen, die Teufelsaustreibung fremder Griffelspuren aus seinen Texten. Deswegen hat es ein paar Monate länger gedauert. Kann ich ja auch verstehen, wäre mir als Autor in derselben Lage vermutlich genauso gegangen. Und Glumm ist nun mal keine Generation-Z-Debütantin, sondern eine gestandene dichterische Naturgewalt. Umso erstaunlicher: Immer noch überraschend vieles von dem, auf das wir uns im Großen Krieg von 2020 mal waffenstillstandshalber geeinigt hatten, steht nun doch am Ende da, schwarz auf weiß. Unlöschbar. Forever. Und geplant war: Ewigkeit.

11 Kommentare

  1. Ich hoffe sehr, dass im Buch seine „Szenesicht“ weitgehend erhalten blieb, denn GENAU DAS führte mich zu Ihm, gepaart mit hoher Authentizität und unbeirrtem Selbstbewusstsein der „Generation Subkultur „macht das Glumm eben so einzigartig. Normalos ticken eben anders, das war früher so und wird auch so bleiben. Anpassung zugunsten des kommerziellen Erfolges bedeutet eben immer auch einen Identitätsverlust. Glumm wird sich sowieso mit der Käuferschicht zufrieden geben müssen, deren eigene Erlebnisse und Empfindungen den Seinen gleichen und Erinnerungen an eine bestimmte Ära wecken, bei der es damals schon zu „Spannungen“ in der Normalbevölkerung kam.

    1. Verstehe Ihre Skepsis. Soweit ich das mitbekomme, haben aber die Leser des Buches bisher noch „ihren“ Glumm wiedererkannt. Mein Beitrag handelt ja auch davon, dass er eben nicht wirklich domestizierbar war und ist – ein Grund dafür, dass bisher nie ein Buchvertrag mit einem klassischen Verlag zustande kam. Das Buch funktionierte nur unter den Bedingungen unserer Spezialabmachungen (und Brechungen dieser Abmachungen), unter denen er sehr viel mehr schriftstellerische Freiheit hatte, als üblich wäre.
      Ich glaube gar nicht, dass Glumm sich mit dem von Ihnen beschriebenen Käuferkreis begnügen muss. Ich selbst zum Beispiel lese ihn seit zehn Jahren, bin nun wirklich ganz und gar anders gestrickt, aber solche Gegensätze können sich ja auch anziehen, statt sich abzustoßen. Für mich kann ich sagen, dass ich als Leser das Gegenteil zu meiner eigenen Lebenswelt fast immer sehr viel faszinierender finde. Man möchte doch gerade heute, wo wir alle eingesperrt sind, in „ferne Welten“ mitgenommen werden, oder nicht?

    1. Es genügt, wenn Sie „Herr Direktor“ sagen! Quatsch, danke aufrichtig für die Extramühe, das überschüssige „S“ noch wegzuzaubern. Es sind die kleinen Dinge, die zählen …

    2. Ich lese Glumm auch seit Jahren, obwohl es nicht meine Welt ist. Ich finde, es ist immer sinnvoll, auch andere Welten zu erkunden. Und in erster Linie ist es die Schreibe, die fasziniert und zum Weiterlesen zwingt. Als Hundebesitzerin und Musikliebhaberin gibt es auch ohne Drogen Schnittmengen. Und selbst meine 22-jährige Tochter hat das Buch mit Begeisterung verschlungen.

      1. Das freut mich! Genau das ist doch, warum wir Literatur lesen: um andere Welten zu entdecken, nicht unseren eigenen langweiligen Alltag noch einmal vorgesetzt zu bekommen.

  2. Sackzement, Herr Driessen, genau hier bei Ihnen fällt es mir nach zehn Jahren zum ersten Mal direkt vor die Füße, warum ich diesem Glumm seinen wuchtigen, sperrigen Scheißdreck vom ersten Tag an liebe. Und warum ein gescheiter, gebildeter Mensch wie Sie mit einigem Recht in eine linke Gerade von ihm läuft, wenn Sie mit demselben Recht, nur andersrum, allerlei Formulierungen zurechtstreicheln.

    Ja klar. Sie legen mir die Erklärung ja in den Mund: weil Sie auf ganz anderen Parties waren und Menschen, mit denen Glumm und ich als Beobachter und gleichzeitig Begleiter und Geschwister mehrfach den Styx durchtaucht haben, nicht überquert, kaum je in Tuchfühlung gerieten. Wir waren immer Teil der Soße, die mal rasant, mal mählich durch den Abfluss gurgelte, Sie womöglich nur gelegentlich schaudernder Beobachter solcher Exzessiver. Mit dieser Erkenntnis knipsen Sie denen alle paar hundert Meter ein Lichtlein an, die sonst vielleicht schon oben auf der schier endlosen Kellertreppe strauchelten, die zu Glumms zaubrischem Karussell hinunterführt.

    Ich bin so froh, dass Sie es auf so gelungene Weise geschafft haben, diesen Karren weitgehend unbeschadet um diese kleinen Löcher herum zu zerren. Es hätte auch schief gehen können. Ist es aber nicht. Danke, Oliver Driessen.

    Nun kann ich endlich mit meinem „Glummbuch“ im Arm ins Delysium schaukeln und glücklich grinsen. Persönlich habe ich den Meister nie getroffen, obwohl wir uns ein paar Mal gefährlich nahe kamen, und dieses „wir“ da oben maße ich mir nur an – aber das ist alles unwichtig angesichts der wundervoll glitzernden Wucht seines Werkes, in dem ich so viel von mir selbst nachlesen kann.

    Da kann es doch kein Wunder sein, dass es just zu dem Zeitpunkt herauskam, wo die Z-2-Problematik der Myonenforschung uns daran erinnert, dass nicht nur Andy und ich, sondern sogar die ganze Wissenschaft keine Ahnung mehr haben, was im Grunde eigentlich los ist…

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