Komm flieh mit mir (zweiter Teil)

Eine Reise von 50.000 Astronomischen Einheiten und 8,5 Milliarden Jahren zwischen Vergangenheit und Zukunft – das müsste genügen, um Karl Lauterbach & Co. zu entkommen. Wer mit will, braucht nur eine Zahnbürste einzupacken. Im All herrscht keine Maskenpflicht.
Sonnenlicht, reflektiert von den nördlichen Polar-Seen auf dem Titan (Foto: NASA / JPL-Caltech / Univ. Arizona / Univ. Idaho)

Nie wieder Europa! Dass wir da noch weggekommen sind … Hast du überall im Schiff nachgesehen, ob wir was eingeschleppt haben? Laderaum? Unter den Sitzen? Kennt man doch aus den „Alien“-Filmen: Irgendwo in einer Ecke ist plötzlich so klebriger Schleim, und schon hat man einen Xenomorph an Bord, der einem im nächsten Moment den Kopf abbeißt. Okay, war vielleicht keine gute Idee, nach Lebensformen unter dem Eis eines Jupitermondes zu bohren. Weißt du was, wir streichen das aus dem Logbuch. Tun einfach so, als ob nichts war. Die Leser werden das ohnehin gleich wieder vergessen haben, es wird ja so viel ins Internet geschrieben jeden Tag. Morgen schon wird man neue Monster durchs Dorf jagen, darauf ist zum Glück Verlass. Also weiter im Plan. Wo waren wir? Jupiter-Region, richtig. Tiefer hinaus jetzt, weiter Richtung Ende Gelände des Sonnensystems. Die Schlüpfer festhalten, Ladies!

Und brrrrrrrrrr! Da sind wir schon. Junge, ist das schattig: Minus 180 Grad zeigt das Thermometer jetzt, hier an der Oberfläche. Neuer Rekord für einen von uns besuchten Himmelskörper. Aber der hier lohnt sich, versprochen. Das, was da riesig und schemenhaft am Horizont durch die giftige Wolkenhülle schimmert und diesen verräterischen schiefen Ring hat, ist nicht das Logo einer deutschen Elektronikmarkt-Kette. Nein, es ist das Original: Saturn, der Planet. Jetzt sind wir fast 1,3 Milliarden Kilometer von zuhause weg. Und weil wir fortan auf unserer Reise mit noch viel unhandlicheren Entfernungen kalkulieren müssen, ersetzen wir die Zahl schon mal durch eine andere: 8,5 Astronomische Einheiten. Eine AE sind knapp 150 Millionen Kilometer, die Distanz zwischen Sonne und Erde. Dort draußen werden die Abstände weit, das kann ich dir flüstern. Aber jetzt sind wir erst mal hier: auf dem Titan, dem größten Mond des Saturn. Größer als der sonnennächste Planet, Merkur. Und du siehst richtig: vor uns ein Ufer, an das dunkle Wellen schlagen. Ein See.

Wellengang bei minus 180 Grad hältst du für ein Hirngespinst? Es ist Realität! Hier ist es nämlich so verdammt kalt, dass Methan sich verflüssigt. Dieser See hier, Kraken Mare, besteht aus Flüssiggas. Und sein Pegel ist wechselhaft. Es regnet auch Flüssiggas auf dem Titan. Das ganze Klima dieses irren Mondes ist von Methankreisläufen geprägt. Des einzigen Mondes im Sonnensystem übrigens, der eine dicke, fette Atmosphäre hat. Jede denkbare Lebensform hier und ihr Stoffwechsel müssten ganz anderen Prinzipien folgen als wir, die auf Kohlenstoff und Wasser basieren. Silikon vielleicht? Keine Angst, wenn wir jetzt kurz auf den See hinausfahren. Ich suche nicht wieder nach Monstern. Würde nur gerne wissen, ob … ja, es funktioniert! Unser Schiff, die Relativity, schwimmt! Spürst du das Schaukeln? Wir sind die Ersten, die einen Methansee befahren! Kunststück, wo unsere Nussschale aus gewichtslosem Nichts besteht. Schon gut, reg dich ab, wir verlassen in diesem Moment den entferntesten Himmelskörper, auf dem je ein irdisches (europäisches!) Raumfahrzeug gelandet ist – nämlich Huygens, 2005. Sicher ist sicher, denn Titan neigt dazu, Menschen Streiche zu spielen.

Es ist so dunkel. Nichts als Schwärze rundherum. Man sieht die Hand vor Augen nicht. So lange her, dass wir den tiefblauen Neptun hinter uns gelassen haben. Den letzten Planeten des Sonnensystems, seit der kleine Pluto nicht mehr für voll genommen wird und zum „Zwergplaneten“ degradiert wurde. Aber das Ding ist: Da draußen muss noch etwas sein. Etwas, das die Kosmologen schon lange suchen und nicht finden können. „Planet X“ nennen sie das Rätsel. Denn noch hinter der Marke, wo Pluto sich herumtreibt, in diesem Gürtel aus Kleinstplaneten, Asteroiden und losem Felsgeröll am Rand der Welt, stimmt etwas nicht. Alle diese namenlosen Brocken kreisen ja noch um die selbe Sonne wir wir. Aber manche tun das nicht so wie berechnet. Nicht so, wie sie es aufgrund ihrer eigenen Schwerkraft tun sollten. Eine andere Masse muss dagegenhalten, muss die Bahnen ablenken. Ein unbekannter Planet, der neunte im System. Gewaltig, vermuten die Forscher. Vier-, fünfmal so schwer wie die Erde. Aber so fern, so finster, so weit weg vom Sonnenlicht, dass kein Teleskop ihn jemals gefunden hat.

Den suchen wir jetzt, okay? Wo wir schon mal hier sind. Ich habe da nämlich einen Verdacht. Das Problem: Wir wissen nichts. Nicht die Bahnneigung zur Ebene des Sonnensystems, nicht den Grad seiner Exzentrizität und schon gar nicht, wo auf seinem immensen Umlauf er sich gerade befindet. Das lässt die Suche nach der Nadel im Heuhaufen im Vergleich lächerlich einfach erscheinen. Aber dank dieses hochsensiblen Sensors hier neben meiner Steuerkonsole, übrigens eine Eigenkonstruktion, lässt sich da vielleicht … Moment … Moment! … Ich empfange etwas! Es ist unglaublich. Bitte, schlag mich für den Nobelpreis vor. Nenn mich Einstein, gib mir Doktortitel. Es ist, wie ich ahnte: kein Planet! Logisch, dass nie jemand dies hier entdeckt hat. Es ist schwarz, es ist winzig, es ist tödlich. Nicht einmal Licht kann ihm entkommen. Und es hat noch keinen Namen.

Den verleihe ich ihm jetzt: Black Dot. Schwarzer Punkt. Ein winzigkleines Schwarzes Loch. Vielleicht so groß wie ein Golfball, aber eine Anziehungskraft wie Uranus. Stephen Hawking hat so etwas theoretisch für möglich erklärt. Und hier ist es nun. Zum Glück noch etwa drei Astronomische Einheiten von uns entfernt. Ich würde sagen: Dabei soll es auch bleiben. Unser Black Dot ist kartographiert, wir nehmen einen Umweg!

Schwarzes Loch (Darstellung: Wikipedia)

Obwohl wir schon wieder mit maximaler Phantasie-Geschwindigkeit unterwegs sind, dürfte es bis zu unserem nächsten und räumlich entferntesten Stopp immerhin einen ganzen Wimpernschlag dauern. Beziehungsweise gedauert haben, richtig, Einstein! Ja, so weit weg ist dieses Ziel. Und es wusste bisher niemand auch nur annähernd, wie weit. Deswegen hier kurz eine Rechenübung. Bis zum Saturnmond Titan waren es 8,5 Astronomische Einheiten – also 8,5-mal die Distanz Sonne-Erde – und bis zum entlegenen Pluto fast 39. Diesmal dürften wir den Wissenschaftlern zufolge irgendwas zwischen 2.000 und sagenhaften 200.000 Einheiten zurückgelegt haben – das entspricht 0,03 bis 3,2 Lichtjahren (obwohl es Lichtjahr heißt, misst es nicht Dauer, sondern Strecke: wie weit man mit Lichtgeschwindigkeit in einem Jahr kommt).

Na ja, 3,2 Lichtjahre weit draußen wäre tatsächlich ziemlich unwahrscheinlich. Da wären wir bei drei Vierteln des Weges zu unserem nächsten Nachbarstern, also ganz sicher nicht mehr im eigenen Sonnensystem. Aber es stimmt schon: Alles im Reich unserer Sonne liegt nach außen hin immer ferner und ferner. Und nichts und niemand war je so weit draußen – nicht einmal die Sonden Voyager 1 und 2, die seit 1977 unterwegs sind und vor wenigen Jahren die bekannte Grenze des Sonnensystems passiert haben.

Warum wir dann noch viel weiter mussten, fragst du? Weil wir in die Wolke wollten. Die Oortsche Wolke, benannt nach dem holländischen Astronomen Jan Oort, der sie 1950 im wahrsten Sinne in den Raum gestellt hat. Als bis heute unbewiesene Theorie nämlich. Die Wolke soll eigentlich eine Sphäre sein: eine kugelförmige Ansammlung von Eis- und Felsbrocken rund um unsere Sonne und ihre Planeten. So unendlich weit entfernt, dass sie nur noch mit dem allerkleinsten Fitzel der vom Zentrum ausgreifenden Gravitationskraft an das System gebunden sind. Ein Hauch, ein Gedanke nur, und sie würden abdriften in die Unendlichkeit. Myriaden von ihnen sollen sich hier gesammelt haben, alle mit Umlaufzyklen um die Sonne, für die das Wort Ewigkeit erfunden worden sein muss.

So, und jetzt die Auflösung: Wahrheit oder Irrtum? Mein schon vorhin bewährter Sensor sagt: Wahrheit! Und meine Augen bestätigen es jetzt auch. Obwohl hier kein Licht ist, das heller wäre als das glimmende Band der Milchstraße im Hintergrund, zeichnet sich direkt voraus im Licht meiner Handlampe eine Kontur ab: Dieser Felsbrocken, unregelmäßig geformt wie eine Kartoffel und groß wie ein Hochhaus, mit Einschlagkratern und Narben übersät, von einer glitzernden Frostschicht überzogen – das ist der alleräußerste dieser alleräußersten Außenposten des Sonnensystems. Der Saum der Oortschen Wolke. Schreib ins Logbuch: Am heutigen Tag haben Menschen vom Planeten Erde hier, nach einer Reise von 50.000 Astronomischen Einheiten, die letzte Grenze berührt. Und sind heimgekehrt.

Heimgekehrt im Raum, aber warum denn auch schon in der Zeit? Komm, lass uns extra crazy sein: Die Zukunft unserer Erde, interessiert sie dich? In der Vergangenheit waren wir ja schon. Als unsere Kugel erst gebacken wurde. Als Theia uns den Mond hinterließ. Aber wie geht alles weiter? Werden wir dumm genug gewesen sein, uns auszuradieren nach all diesen Jahren, in denen wir von Jägern und Sammlern zu Astronauten wurden? Werden wir alles zerstört haben, was uns von Quastenflosslern und Amöben unterschied? Oder geht es weiter, immer weiter, bis wir als Spezies tatsächlich zu den Sternen aufbrechen?

Wie wäre es mit … 10.000 Jahren in der Zukunft? Eine Kleinigkeit für den Chronosphärenmanipulator der Relativity! Der ist mit einem hochleistungsfähigen Unwahrscheinlichkeits-Feldgenerator ausgerüstet, der 42 Douglas-Adams-Gleichungen auf einmal lösen kann. Überhaupt sind 10.000 Jahre eine interessante Entfernung: Dann wird kein Stein mehr übrig sein von dem, was Menschen bis heute erschaffen haben. Kein Plastik, kein Stahl überdauert so lange. Kein Knochen, kein Grab, keine Urne. Ja, irgendwelcher Atommüll in finnischen Endlagern strahlt noch ein wenig, aber der bleibt dort für immer vergraben. Uns interessiert, was oben los ist. Sagen wir: Hamburg, St. Pauli, Fischmarkt, am 18. Januar 12022. Okay? Ich gebe die Koordinaten ein – und – Go!

Hallo? Hallo – ist da jemand? Bist wenigstens du da? Ah, was für ein Glück, ich dachte schon, es wäre was mit dem Feldgenerator. In der Gebrauchsanweisung wird vor Interferenzen am Chronotronenstrahlstabilisator gewarnt, wenn die Zeitsprünge kleiner sind als 100.000 Jahre, aber ich dachte … Alles gut bei dir? Du bist etwas grün im Gesicht. Lass uns tief durchatmen und dann die Lage peilen: Okay, das dort müsste die Elbe sein. Sie glitzert so friedlich in der Sonne. Aber da ist überhaupt nichts, was den Frieden stört. Keine Stadt, kein Fischmarkt, kein Haus, keine Straße. Merkwürdig, die Koordinaten stimmen alle. Diese große Insel da im Strom kommt mir auch bekannt vor – war da nicht der Hafen? Keine Docks, keine Kräne, keine Schiffe. Nur Wiesen, Bäume, Wolken. Kein Geräusch außer dem des Windes von Nordwest in den Ufersträuchern, dem Plätschern kleiner Wellen und den Schreien der Möwen, wenigstens das. Auflaufendes Wasser, das Meer muss immer noch hinter dem Horizont liegen und der Strömung bei Flut entgegenarbeiten. Aber keine menschliche Regung, nigends. Was bedeutet das? Sind wir schon fortgezogen – ich meine, alle? Das ist unheimlich, lass uns besser aufbrechen!

Bereit? Denn jetzt setzen wir alles auf eine Karte, machen den letzten großen Sprung. Jetzt will ich es wissen. Alles raushauen, was in der Maschine steckt. Das muss das Boot abkönnen! Wenn wir schon keine Rolle mehr spielen in der Zukunft, dann will ich wissen, wie lange dieser Planet ohne uns durchhält. Wir haben doch gelesen, was in den Sternen steht: In vier Milliarden Jahren etwa soll die Sonne, die sich immer weiter aufbläht, wenn ihr Brennstoffvorat zur Neige geht, die alte Erde verschlingen. Lass uns dabei zusehen! Lass uns das letzte Feuerwerk auskosten! Ich gebe eine Vier mit neun Nullen in den Zeitreisecomputer ein: und zack, und eingeloggt, und – los!

Alles ist rot. Feuerrot. Der Erdboden, soweit man von festem Boden noch sprechen kann. Am Horizont lodern kilometerhohe Flammen. Das Sonnenrad, das sich über den ganzen Himmel wälzt. Die Wüste selbst scheint zu verbrennen. Etwas anderes als Feuer existiert nicht mehr zwischen weichgekochten Bergkuppen und sich mit Lava füllenden Tälern. Wo waren einmal Meere, wo Schatten, wo Arktis und Antarktis? Es ist nun alles eins – im Begriff, eingeschmolzen und in pure Energie zurückverwandelt zu werden. Der Kosmos tut, was der Kosmos tun muss. Die Naturgesetze sind nicht verhandelbar vor dem himmlischen Rechnungshof. Der Mensch und all das irdische Elend war nur eine Fußnote seiner Gerichtsprotokolle.

Doch das da … was ist das?

Ganz hinten, aus der flimmernden, wabernden Glut, taucht eine Gestalt auf. Kommt langsam direkt auf uns zu. Sie scheint über dem brodelnden Lava-See zu schweben, auf ihm zu treiben, als ob ihr weder der Höllenschlund etwas anhaben könnte noch die aus allen Himmelsrichtungen feurig ringsum niedergehenden Meteore. Sie trägt eine Brille über der mit Filtermaske bedeckten Nase, eine Fliege zum karierten Jackett. Nun ruft sie etwas, mit den Armen fuchtelnd wie vor einem Publikum, vom Tosen des Armageddon fast übertönt, doch mit schriller Stimme setzt sie sich durch. Ich glaube, einzelne Wörter zu verstehen.

„Impfpflicht!“

„Staatsfeinde!“

„Inzidenz!“

„Durchführungsverordnung!“


Als ich da im Veteranenkrankenhaus lag, mit einem Riesenloch in meinem Leben, träumte ich auf einmal vom Fliegen. Ich war frei. Aber früher oder später muss man doch aufwachen.

(Jake Sully in „Avatar“)

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