Zwei Jahre des Niedergangs

Heute vor zwei Jahren wurde der erste deutsche Corona-Lockdown beschlossen. Ein Phänomen hatte uns erreicht, das die Welt und uns alle in einen Strudel riss. Am 13.3.2020 machte ich den ersten Eintrag in eine tägliche Chronik dieser Abwärtsspirale.

13. März 2020. Heute ist Freitag, der dreizehnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an solch einem Tag ein solches Tagebuch beginnen würde. Aber heute tue ich es.

Corona, das Virus, verändert alles. Immer schneller. Was stabil war, fällt zusammen. Was vertraut war, wird weggewischt. Was gelebt hat, stirbt. Dieses Land hatte drei Monate Zeit, auf den Ausbruch des Virus in China zu reagieren. Es hat lieber einfach so weitergemacht. Nun ist das Virus da. Und es beginnt zu wüten. Leider lebe ich in diesem Land. Im Schmelztiegel, im Druckkochtopf namens Hamburg. In der Viereinhalb-Zimmer-Wohnung, Kopf an Kopf mit meiner Familie: Frau, Tochter, Sohn. Aber leider auch: dicht an dicht an dicht mit fremden Menschen, viel zu dicht. Unter mir, neben mir, über mir. Von denen wird vielleicht noch zu reden sein.

Über die Verwerfungen, die nun kommen werden, will ich bloggen. Solange ich kann. Um das Chaos in meinem Kopf zu sortieren, wieder Ruhe ins Spiel zu bringen. Um all das für eine Nachwelt festzuhalten, die höchstwahrscheinlich nicht interessiert sein wird. Oder nur den Kopf schütteln wird darüber, wie saublöd wir alle waren, dass wir es dazu haben kommen lassen.

Heute hat die Politik beschlossen, dass die Schule nach den bekloppten Hamburger „Ski-Ferien“ am Montag nicht wieder anfängt. In fast allen anderen Bundesländern wird sie auch geschlossen. Unis, Bibliotheken, Theater, Kinos – alles macht dicht, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Seit Tagen schon werden Großereignisse abgesagt, jetzt auch die kleineren. Auch die Bars und Kneipen sollen nun schließen. Wer kann, soll von zuhause aus arbeiten. So wie meine Frau, Journalistin. Und ich natürlich, freier Journalist. Ha, ha. Mein letzter aktueller Auftrag wurde heute per Mail abgesagt. Ich hätte die Intensivstation einer Klinik besuchen sollen, wo neuartige Beatmungsgeräte eingesetzt werden. Und das war schon geplant, bevor die ganze Scheiße mit Corona losging. Oh, die Ironie! Nun hat die Klinik erst mal andere Themen, als mich mit meinem Mikrofon herumzuführen.

Wir sitzen nun also ab heute Abend alle vier zuhause und warten darauf, dass uns die Politik oder die zahlreichen Experten oder beide auch noch verbieten, das Haus auch nur für einen Spaziergang zu verlassen. In Italien, seit heute auch in Teilen Österreichs, ist das schon so. Gerade noch einkaufen darf man, selbst wenn man kein „Verdachtsfall“ in „häuslicher Isolation“ ist. Dann will ich aber auch Bundeswehr-Panzer auf der Straße sehen, die mich mit drohend eingeschwenktem Kanonenrohr daran hindern, bei einem Freigang frische Luft zu schnappen!

Dabei hat mir das Rausgehen in den letzten Tagen immer gut getan, erstens gegen die aufsteigende Panik, zweitens gegen … ach ja: Ich habe eine fiebrige Erkältung. Oh, oh! Das wird doch nicht? Nein, ich glaube, es ist eher die übliche Frühjahrs-Zermürbung nach monatelangem Hamburger Sturmtief-Dauerregen.

Oh, und das vermutlich letzte Live-Event für wahrscheinlich lange Zeit, auf das ich mich noch gefreut hatte, ist heute auch abgesagt worden: Mein Bundesliga-Verein (nicht aus Hamburg) hätte heute Abend vor ohnehin schon gesperrten Rängen im leeren Stadion gekickt, und das wäre im Bezahlfernsehen zu betrachten gewesen. Schade eigentlich. Aber wir können ja … Kerzenziehen? Bleigießen? Bloggen. Ich nehme an, bloggen.

For the record: Heute waren es in Deutschland 2.369 bestätigte Fälle, in Hamburg etwa 100.

Morgen mehr. Oh ja, morgen wird es von allem mehr sein: Fälle. Chaos. Notstand. Es wird jetzt täglich mehr.


13. März 2022. Genau 730 Tage später. Das Virus hat ganze Arbeit geleistet. Nein, nicht doch, wir leben noch. Die allermeisten. Und wer alles aus welchem Grund starb, wird nie aufgeklärt werden.

Wer sterben musste, weil Rücksichtslose ihn fahrlässig ansteckten.

Wer steben musste, weil er selbst leichtsinnig war.

Wer sterben musste, weil es keine Medikamente sowie keine frühzeitige hausärztliche Behandlungsstrategie gab (und immer noch nicht auf breiter Basis gibt).

Wer sterben musste, weil er die Tortur der Intubation oder die allgemeine Keimbelastung der Klinik nicht überstand.

Wer sterben musste, weil es zunächst keine Impfstoffe gab und diejenigen, die später existierten, wirkungslos blieben oder „durchbrochen“ wurden.

Wer sterben musste, weil Nebenwirkungen unausgereifter Gen-Vakzine verschwiegen und bis heute systematisch vertuscht wurden.

Wer sterben musste, weil er die Vereinzelung und Brutalisierung des Alltagslebens nicht mehr aushielt und sich umbrachte.

Wer ohnehin gestorben wäre, aber unter „Corona“ einsortiert wurde, weil es vielen Seiten viele Vorteile brachte.

Aber das Massensterben, das wir vor 720 Tagen befürchteten, die Leichenberge links und rechts des Weges, das ist ausgeblieben.

Nein, das Virus hat vor allem auf andere Art gewütet. Besser gesagt: Mächtige und Stimmgewaltige wüteten in seinem Namen. Sie hetzten das Land aufeinander, spalteten es in Lager, die sich beargwöhnten, beschimpften, anzeigten, hassten. Nicht mehr miteinander sprachen und sprechen. Keine Freunde mehr sind. Keine Familien mehr. Keine Ehepartner. Keine Geschäftspartner. Keine Kollegen.

Die Mächtigen legten maß- und sinnlos die Wirtschaft still, das öffentliche Leben, die Kultur, den sozialen Austausch, das Miteinander. Sie machten – im Verbund mit den ihnen ergebenen Massenmedien – den Menschen zum Feind des Menschen. Sie machten Vereinzelung zum Normalfall und Angst zur ersten Bürgerpflicht. Denn das nützte ihnen sehr: Teile und herrsche.

Was ich in zwei Jahren Corona lernen musste: dass die Grund- und Bürgerrechte in diesem Land das Papier nicht wert sind, auf dem sie samt Verfassungstext geschrieben stehen.

Dass sie bei dieser Belastungsprobe einkassiert und bis heute nicht mehr herausgegeben wurden.

Dass sich die Verfassungsgerichtsbarkeit, die sie schützen sollte, der Macht biegsam entgegenneigte.

Dass der Verfassungsschutz jetzt ein Regierungsschutz ist, den jede echte demokratische Opposition zu fürchten hat.

Dass keine Instanz mehr die Verfassung schützt und Bürger, die es selbst tun wollen, mit allen Repressionsmitteln von Rufmord bis hin zur wirtschaftlichen Existenzvernichtung traktiert werden.

Dass der liberale Rechtsstaat eine schöne Illusion war und nicht existiert.

Dass die Parteien sich diesen Staat final zur Beute gemacht haben, dass das von ihnen verkörperte repräsentative System durch und durch korrupt und am Ende ist.

Dass die Staats- und Massenmedien sowie die amerikanischen Plattformbetreiber der „Social Media“ es als ihre ureigensten Aufgaben sehen, ihrem Publikum unliebsame Fakten vorzuenthalten und ihre Nutzer stattdessen auf den staatlich genehmen Einheitskurs einzuschwören.

Dass die von uns mit Steuern finanzierte Exekutive, durch Sondergesetzgebung und Sonderrechtsprechung entfesselt, uns sprachlich, fachlich und ideologisch eine hässlichere Fratze zeigt, als ich es in meinen Albträumen für möglich gehalten hätte.

Dass Blockwartmentalität, Denunziatentum, Staatsfrömmigkeit, Scheinheiligkeit, Korruption, Herdentrieb, Vernichtungswille und Bevormundung nie aussgestorben waren und seit Corona fröhliche Auferstehung feiern.

Dass die so verwandelte Alltagskultur dieser Gesellschaft den verbliebenen Boden unter den Füßen weggezogen und sie dauerhaft jeden Zusammenhalts sowie jeder begründbaren Zuversicht auf eine bessere Zukunft beraubt hat.

Dass die Mehrheit der Bürger dieses Ergebnis trotzdem in erschreckender Apathie gutheißt und sie nahezu alle Machthabenden dieser zwei Jahre von Neuem wählen würde.

Und dass, als endlich zaghaft der erste Frühling nach Corona anbrechen wollte, im Osten der Krieg begann.

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