Neues aus der Baerbockschen Dorfstraße

Vor einigen Wochen wurde eine der bekanntesten Straßen Hamburgs zur begehbaren Propagandaparole für die Grünen umgestaltet (TWASBO berichtete). Langsam verblasste seitdem die Tünche. Doch nach aufwändiger Restaurierung strahlt sie nun wieder verführerisch – bis kurz vor der Bundestagswahl.

Die Hamburger Mönckebergstraße war eine der beliebtesten gehobenen Einkaufszonen im Zentrum der Hansestadt. Die Vergangenheitsform für diese Feststellung zu wählen, ist noch gewöhnungsbedürftig. Aber mit dem bislang halbjährigen Corona-Lockdown des Einzelhandels wurde sichergestellt, dass diese Meile nicht mehr so bald auf normale Betriebstemperatur kommen wird. Schon ihr architektonisches Eingangsportal, vom Bahnhof aus gesehen, ist inzwischen verdunkelt und verrammelt: links der alteingesessene Kaufhof, rechts Karstadt Sport sind Geschichte und leergeräumt. Auch bekannte Markenartikler wie Esprit haben hier, in fußläufiger Binnenalster-Nähe, ihre Filialen inzwischen endgültig dichtgemacht.

Dafür aber wird derzeit wenigstens die Asphaltschneise zwischen den Warentempeln kräftig modernisiert: Der rotgrüne Senat verbannt den eng getakteten Busverkehr zunächst für ein halbes Jahr, voraussichtlich aber dauerhaft aus der Mönckebergstraße, sodass die Nutzung zukünftig de facto nur noch Fußgängern, Radfahrern und möglicherweise Taxis erlaubt ist. Vor einigen Wochen dann das stadtbildgestalterische Tüpfelchen auf dem I: Kurz vor dem Rathaus pinselten „Aktivisten“ mit Regierungs- und Kirchensegen eine rund hundert Meter lange, begehbare grüne Propagandaparole über die gesamte Breite der geschundenen Straße:

Seither war klar, wofür all die bislang und später noch entlassenen Einzelhandelsmitarbeiter gerne Opfer bringen: für das Weltklima. Denn „wir alle“, also auch die Arbeitslosen, sind bekanntlich „für 1,5 Grad Celsius“ maximale Erderwärmung. Da kann man auch mal zurückstecken, was den privaten Luxus angeht, den die prekär beschäftigte Bäckereifachverkäuferin nun mal ihr eigen nennt. Oder, wie FFF im obigen Tweet so schön kommentierte: „No more empty promises“. Nein, der Ort ist schon prima klimasensibel gewählt. TWASBO benannte die komplettberuhigte ehemalige Top-Einkaufslage deshalb auch anerkennend in „Baerbocksche Dorfstraße“ um.

Das Problem war nur: Die grün-weiße Sichtagitation im DDR-Stil verblasste allmählich unter dem aggressiven Hamburger Säureregen. Schwere Baufahrzeuge mit dreckverschmierten Reifen walzten zudem über die Baerbocksche Dorfstraße hinweg. Und ich radelte das feierliche Staats-Gelöbnis auf meinem Weg ins Büro jeden Tag noch ein wenig weiter zuschanden. Um das Maß der Sabotage bester politischer Absichten vollzumachen, stand auch noch so etwas Engstirniges und Altmodisches wie das „Wegerecht“ einer dauerhaften Parolisierung von Straßenverkehrsflächen im Wege.

So konnte es nicht weitergehen. Und so ging es nicht weiter.

Sondern so: Politik, Wirtschaft, Aktionäre Aktivisten und Kulturschaffende der linksgrün regierten Hansestadt schmiedeten ein extrabreites Bündnis für das Klima. Am Hamburger Wesen als erste klimaneutrale Großstadt soll schließlich die Welt genesen. Dass ein mit Dezimalstelle fixiertes „Klimaziel“ nur heiße Luft bzw. Mittel zu anderen Zwecken ist, während der weitaus größte Teil der Welt sich lieber selbst um seine Geschäfte kümmert; dass ganze Kontinente mit ihrer unbegrenzten Bevölkerungsexplosion jede deutsche Kampagne für Emissionsverminderung ins x-fache Gegenteil verkehren – was sind solche läppischen Einwände schon dagegen, dass der eigene Name medienwirksam mit moralischen Höchstleistungen verknüpft wird?

Also zeigten sie Flagge. Der grüne Umweltsenator, der SPD-Bezirksamtsleiter, der Vorsitzende der SPD-Bürgerschaftsfraktion, die jungen Hüpfer von FFF, der Aufsichtsratsvorsitzende der Otto Group (Ehrenbürger), die populäre Kinder- und Jugendbuchautorin (Ehrenbürgerin) sowie per großzügiger Vereinnahmung die gesamte Stadt Hamburg (1,8 Millionen Menschen) schafften das Unmögliche: eine Verlängerung der 500 Quadratmeter großen Wahlwerbung um vier weitere Monate, also bis knapp zur Bundestagswahl. Der juristische Schachzug: Bis dahin ist die Mönckebergstraße noch Baustelle und für Fahrzeuge gesperrt – das Wegerecht kann sich also gehackt legen.

Unverzüglich nach der feierlichen Übergabe des Toleranz-Beschlusses an die Aktivisten wurde die zerschrammelte Parole wieder schöngemacht. Mit Polizeiaufsicht und amtlicher Absperrung (wie beim ersten Mal), diesmal aber zusätzlich mit aufwändiger Komplettbedachung gegen das heraufziehende Hamburger Schietwetter, das für die Jahreszeit deutlich zu kühl und für die Erderwärmung vollkommen untypisch auftrat. Unter den Planen einer Zeltstadt, die dem jährlichen Alstervergnügen würdig gewesen wäre, rollerten sie die Lettern wieder weiß und den Hintergrund erneut quakfroschgrün.

Laut Hamburger Abendblatt unterstützten nicht nur der Otto-Versand, sondern selbst die Mönckebergstraßen-Anlieger Galeria (mit noch nicht abgewickelter Karstadt-Filiale) und Thomas-i-Punkt die Verstetigung der Klimaparole – warum, ist intuitiv nicht ohne weiteres nachvollziehbar. Wo doch die mit Verboten und Auflagen gespickte „Klimapolitik“ der absehbar grün geführten Bundesregierung und des mächtig ergrünten Hamburger Senats für zusätzliche schwere Wirtschaftshemmnisse sorgen müsste.

Aber vielleicht stellt man in den Handelsketten schon auf eine allgemeine Belieferung mittels solarbetriebener Drohnen um. Einmal mehr nämlich entsteht hier der Eindruck, dass die Interessen der Partei mit dem abgestandenen Revoluzzer-Image eines Joschka Fischer und die Klima-Kids von FFF offenbar aufs Schönste mit global agierenden Profitmaximierern harmonieren. Letztere galten den Umwelt- und Sozialbewegten vor noch gar nicht langer Zeit als politischer Hauptgegenspieler.

Die Medien sind ohnehin mit im Bunde. Das Abendblatt hatte in seiner Dankadresse („Bericht“) zur gefundenen Dauerlösung kein einziges kritisches Wort einzuwenden. Wo doch so viele nette Prominente das große Ziel unterstützen. Null Skepsis gegenüber dem Totalitätsanspruch der aufgeblähten Politphrase („Wir alle …“). Null Zweifel an der Realisierbarkeit. Kein Bedenken hinsichtlich der schamlosen Wahlwerbung. Auch keine Nachfrage, wo der von den FFF-Initiatoren festgestellte „breite Konsens in der Bevölkerung“ bezüglich der Straßenbemalung eigentlich dokumentiert ist oder wie er ermittelt wurde (mich jedenfalls hat man nicht gefragt).

Doch das ist verständlich, denn warum sollte sich die Zeitungsjournalistin auch nur dem leisesten Verdacht aussetzen, womöglich „Klimaleugnerin“ zu sein? Damit würde sie ja bereits nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, in dem Klimaschutz nach neuester Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum alternativlosen Staatsziel erhoben wurde.

Und vielleicht üben „wir alle“ besser schon mal, nicht in offenen Widerspruch zu besonders fettgedruckten Parolen zu geraten.

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