Neptun Eintausend!

Wenige Stunden vor dem heutigen 20. Jahrestag von 9/11 traf mich aus heiterem Himmel eine mysteriöse Katastrophenwarnung – in meinem EDEKA-Markt. Auch bei IKEA und in der Deutschen Bahn ereilte mich schon der verschlüsselte Alarm. Zufall?

Und ich wollte doch bloß Hühnerfrikassee kaufen. So muss sich das also angefühlt haben, als arglos flanierende Morgenmenschen auf den Bürgersteigen Manhattans einen unpassenden Lärm dicht über ihren Köpfen hörten, aufblickten und kurz nacheinander zwei Boeings in die beiden Türme fliegen sahen, die über ihnen aufragten. „Passiert das gerade wirklich?“, ist die naheliegende Frage, die mir durch den Kopf schießt. Wenn ich das überlebe, denke ich noch, werde also diesmal ich es sein, der in die Fernsehkameras der internationalen News Networks stammelt: „Dass so was ausgerechnet hier passiert, hat sich doch niemand vorstellen können!“

Doch ausgerechnet hier, im EDEKA im Untergeschoss der Hamburger Einkaufspassage „Hanseviertel“, passiert es. „Neptun Eintausend! Neptun Eintausend!“, gellt eine aufgepeitschte Supermarktkassiererinnen-Stimme aus der viel zu laut eingestellten Durchsagenanlage. Die verborgenen Decken-Lautsprecher, durch die im Einzelhandel sonst höchtens mal Botschaften wie „17, bitte Stornoschlüssel!“ oder „Fernruf für Kasse vier!“ übermittelt werden, bellen mich gleich noch einmal etwas lauter an: „NEPTUN EINTAUSEND!“

Intuitiv wissen wir natürlich alle, was das bedeutet. Dazu braucht man in diesen Zeiten kein Handbuch und kein Dechiffrierungsprogramm. Wir sind ja unterbewusst immer alle schon auf Zinne, innerlich fluchtbereit. Weil es seit 9/11 jederzeit passieren kann. Einmal, vor Jahren, war ich bei IKEA Zeuge einer ähnlichen Situation geworden. Dort hieß es allerdings ehrlicherweise „Code Eintausend! Code Eintausend!“ Denn ein Code ist es. Der Code für unmittelbare, tödliche, massenvernichtende Gefahr.

Wir sind ja unterbewusst immer alle schon auf Zinne. Weil es seit 9/11 jederzeit passieren kann.

Bei IKEA schien dieses Ende wie ein Damoklesschwert auf uns niederzustürzen, in Form sekundenschnell herunterrasselnder Metallgitter, die den Ausgangsbereich abriegelten. Ich fand das damals in meiner Verblüffung eher spannend als schockierend. Ein wenig so wie im Film „Titanic“, als auf Knopfdruck alle Schotten dichtgemacht werden und die armen Heizer im Kesselraum gerade noch unter den sich schließenden Falltüren hindurchgrätschen, bevor es kein Entrinnen mehr gibt. (Es gab allerdings, wir erinnern uns, trotz dieser gymnastischen Höchstleistung für die meisten von ihnen letztlich keines).

Im schwedischen Möbelparadies waren die Rollgitter dann kurz darauf wieder hochgezogen worden, und alle Funktionsträger in blauen Kitteln hatten so getan, als sei nichts gewesen. Ich tippte im Nachhinein darauf, dass man Terroristen hatte fangen wollen, die nach vollzogenem Säureanschlag auf einen MJÄLKPJÖRGE-Selbstbaukleiderschrank aus dem Laden zu fliehen versuchten. Oder jemand hatte im Smålland ein Kleinkind mit Imbusschlüssel und Köttbullar alleingelassen, ich weiß es bis heute nicht.

Jetzt und hier, vor der Kühltruhe, also erneut die magische alte Zauberzahl Eintausend, die offenbar zum deutschen Großalarm gehört wie die 666 zum Teufel. Aber diesmal nicht bloß „Code“ Eintausend, sondern gleich „Neptun“ Eintausend! Das beschwört in mir Bilder von Nazi-Admiral Canaris und dem Verschlüsselungs-Wunderkasten Enigma herauf. In Sachen Theatralik schlägt EDEKA jedenfalls IKEA um Längen, das ist im selben Moment klar. Wäre mir nicht von jetzt auf gleich so endzeitmäßig zumute, würde ich es geradezu poetisch finden.

Deutlich weniger poetisch ist, was die Stimme des Schreckens nach diesem aufmerksamkeitsstarken Intro dann weiter vom Ernstfall-Zettel abliest: „Bitte beachten Sie folgende Durchsage! Das Hanseviertel schließt in wenigen Minuten! Aufgrund einer Betriebsstörung! Verlassen Sie in Ruhe, aber unverzüglich! Unser Center und befolgen Sie! Die Anweisungen des Personals! Es besteht kein Grund! Zur Beunruhigung! Ä Tännschen pließ! Se Hanseviertel is klohsing daun diu tu ä Bräikdaun …“

Ä Bräikdaun, fürwahr. Meine Nerven! Das jüngste Gericht fährt an der Convenience-Truhe von EDEKA mit einer Urteilsverkündung im Deutsche-Bahn-Englisch auf mich nieder! Aber man soll ja auch nicht Billig-Frikassee für die Mikrowelle Marke „Gut und günstig“ kaufen. Das gehört schwer bestraft, und ich weiß das. Bloß, muss es denn gleich die Todesstrafe sein? Habe ich nicht eine zweite Chance verdient statt den Totalzusammenbruch aller Systeme? „Ä Bräikdaun“ ist natürlich hübsch übersetzt für „Betriebsstörung“, die ihrerseits ein fast schon genialer Euphemismus für einstürzende Tradecenter ist. Wenn in der Offenbarung des Johannes die Wiederkehr des Messias nicht anlässlich des Weltuntergangs, sondern einer „globalen Betriebsstörung“ verkündet worden wäre, hätte das vielleicht manche Angststörung gar nicht erst aufkommen lassen.

Apropos Betriebsstörung: Auch in der Deutschen Bahn ist mir schon der Ernstfall mit verschlüsselter Ansage begegnet, viele Male sogar. Er kommt immer dann, wenn der Zugchef während der Fahrt zwar nicht „Pofalla Eintausend!“ durchsagt, aber auf einen speziellen Signal-Knopf drückt. Woraufhin jeder einzelne Großraumwagen mit einem durchdringenden LA-LÜÜÜÜÜÜÜ-LAAAAA!!! beschallt wird. Dieses Tonsignal, das wissen alle Bahncard-Inhaber, bereitet die Zugbegleiter diskret auf den maximalen Clusterfuck vor: Triebkopfstörung voraus, Personen im Gleis, Schafe im Tunnel, irgendwas von dem Kaliber. Und immer, immer, immer rollt der ICE dann langsam aus, um schließlich zwischen Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel zum Stillstand zu kommen und ohne weitere Durchsagen kaum 80 Minuten später wieder loszuruckeln. Vielleicht ziehe ich derlei Extremsituationen an.

Bei der Deutschen Bahn müsste der Katastrophen-Code eigentlich „Pofalla Eintausend!“ lauten.

Doch dies heute ist noch mal was anderes: der Fall Neptun. Oder Barbarossa? Operation Neptune Spear? Verwirrt registriere ich, an diesem Vormittag einer von höchstens fünf Kunden, dass die anderen sich nicht sehr viel hektischer zu bewegen scheinen als sonst. Extrem affig ist natürlich, dass wir alle angesichts des gleich folgenden Weltuntergangs medizinische Masken tragen. Das reduziert zwar das Infektionsrisiko, nicht aber die sofortige Todesgewissheit. Möchte man in seiner letzten Stunde verkleidet sein wie ein verirrter Hirnchirurg? Nein, möchte man nicht.

Hilfesuchend nehme ich Blickkontakt zu einer Fleischwaren-Fachverkäuferin auf, die ungerührt hinter ihrer Theke verharrt. Was ist denn jetzt? Kann ich noch an die Salatbar, oder muss ich wirklich gleich nach oben, in den sicheren Strahlentod des Atomschlags? Sie zuckt nur indifferent die Schultern. „Waffnnn?!“, nuschle ich sie mit größtmöglicher Dringlichkeit durch die Maske an. Immerhin hatte die Neptun-Durchsage das Wort „unverzüglich“ enthalten. Mir als Deutschem sagt das: Sofort! Raus! Hier! Aber da nuschelt es auch schon maskiert zurück: „Achfo! Needakönnscheschichscheitlassn! Diehammdaschvorhndurchgschacht! Daschedaschoneübngmachn!“

Okay, reime ich mir die Lage anhand der spärlichen Fakten-Fragmente zusammen, während das Adrenalin langsam aus meinem System sickert: Wenn hier jeder so relaxed ist, stelle ich mir schnell noch einen kleinen gemischten Salat zusammen, zahle artig und gehe erst dann in den nuklearen Winter hinaus. Und so geschieht es, bis auf die Sache mit der Atombombe. Draußen strahlt es zwar, aber nur die liebliche Altweibersommersonne.

Eine Stunde später. Vom folgenlosen EDEKA-Alarm allmählich erholt sitze ich im Büro und will mich gerade zu einem dieser gefürchteten Video-Calls anmelden, als draußen Katastrophenalarm losheult. Das fehlte noch! Eintausend Höllenhunde, ja sind wir jetzt doch im Krieg? Ich öffne die Katwarn-App, die mich auch über irgendwas informieren will. Und da begreife ich endlich: Hamburg übt heute den Überflutungsfall. Vermutlich wollen die Autoritäten die Lehren aus den total verkorksten Alarmketten beim Juli-Hochwasser an der Ahr ziehen. Zum Beispiel könnte es ja sein, dass auch hier die Keller volllaufen. Keller, in denen ein EDEKA evakuiert werden muss. Neptun, du alter Salzwasser-Bin-Laden: Das kriegste zurück, beim Jupiter!


Nachtrag, 17.9.: War zwei Tage in der Deutschen Bahn unterwegs. Und ich habe auf einer einzigen Fahrt zweimal das gefürchtete LA-LÜÜÜÜ-LAAA!!! gehört. Und es ist nichts passiert. Nichts. Wir fuhren einfach weiter. Meine Welt ist nicht mehr im Lot.

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4 Kommentare

  1. „„Waffnnn?!“, nuschle ich sie mit größtmöglicher Dringlichkeit durch die Maske an.“
    2022: Zum Wintersemester bieten alle deutschen Volkshochschulen im Rahmen einer bundesweiten Aktion des Bildungsministeriums Masken-Klarsprech-Kurse an. Am Ende eines Kurses kann der erfolgreiche Teilnehmer durch zwei Masken hindurch eine Seite des finnischen Telefonbuchs fehlerfrei und unmissverständlich aufsagen. Jenseits des Hanse-Äquators werden darüber hinaus die Buchstaben ‚S‘ und ‚T‘ durch Superkleber so fest zu einer Großen Zisch-Koalition zusammengefügt, dass sie selbst dann wie Pech und Schwefel in Treue zueinander halten, wenn die Reise über Schtock und Schtein geht.

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