Kleben und kleben lassen

„Raus auf die Straße!“ lautet seit Generationen das Motto des zivilen Ungehorsams. Für die „Letzte Generation“ ist der Asphalt allerdings längst mehr als nur ein temporärer Laufsteg: Sie hängt mit Haut und Haaren daran. Ist das Kunst oder kann das weg?

Von Oliver Buchal

Etwa fünf Jahre ist es jetzt her, da reichten noch zwei unbequeme Wahlergebnisse (Trump und Brexit), um die Meinungsführer der westlichen Welt in eine neue Ära der Doomsday-Paranoia zu stürzen. „Hold my beer!“ riefen kurz darauf die Klima-Aktivisten und legten noch eine Panik-Schippe drauf. Nur um von einem ominösen chinesischen Super-Virus an den Rand gedrängt zu werden. Zwei Jahre später ließ sich das dann offenbar nur noch durch die Aussicht auf einen dritten Weltkrieg toppen, dem unverwüstlichen Evergreen aus Kalten-Kriegs-Zeiten.

In diese Reihe des Schreckens passt aktuell wohl auch folgende alarmierende Nachricht: „Die letzten Tage der Menschheit – Wiederaufnahme am 24. Juni in Berlin“. Kulturbeflissene TWASBO-Leser werden natürlich sofort erkennen, dass es hier nicht um den Original-Armageddon, sondern um ein Theaterstück von Karl Kraus geht, vor fast genau einhundert Jahren vollendet und, so einer der beliebtesten Allgemeinplätze eines jeden Kulturbürgers, wieder einmal „aktuell wie nie zuvor!“ Ja sicher, der Weltuntergang steht immer auf dem Spielplan, als hätten wir diese Erinnerung tatsächlich noch nötig gehabt. Wiederaufnahme am 24. Juni in Berlin, denken Sie daran!

Im medialen Konkurrenzkampf der Endzeit-Szenarien hatte es die Klima-Apokalypse in letzter Zeit nicht leicht. Putin und Corona buhlen mit unmittelbaren Bedrohungen um die Aufmerksamkeit ihres gestressten Publikums, die Klimakrise verweist dagegen immer noch in eine eher ungewisse Zukunft. Wen interessieren schon potentielle 0,5 Prozent Erderwärmung, wenn der Iwan vor der Grenze steht und uns seinen ungeimpften Atem ins demokratische Antlitz bläst?

Dabei lässt sich gerade “Klima“ doch so famos auf alle anderen Themen draufkleben. Und die ersten Vorschläge sind bereits eingetrudelt: Klima-Lockdown, solidarisches Frieren gegen Putin, queerfeministische Klimagerechtigkeit vs. sibirisches Nazi-Patriarchat (bitte noch gendern, dann Freigabe) – so geht intersektionelle Zero Tolerance Panikmache Next Level!

Geklebt wird aber auch im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich menschliche Körper auf Asphalt. Eine neue Generation von Umwelt-Aktivisten, die sich gleichzeitig als die „Letzte“ bezeichnet, hat die Straße als Ausdrucksraum für sich wiederentdeckt. Statt zu marschieren, bleiben ihre Vertreter aber lieber sitzen bzw. kleben und geraten so in Konfrontation mit der verhassten kapitalistischen Mobilität. Sie kennen wahrscheinlich auch diese Videos von wütenden Autofahrern im Duell mit der neuen Pattex-Jugend. Die Nerven liegen blank. In Frankfurt am Main gab es deswegen vor einigen Tagen zahlreiche Festnahmen (an der Stärke des Klebstoffes muss offenbar noch gearbeitet werden), weshalb ein Teil der Letzten Generation Ostern hinter Gittern verbringen musste – immerhin ein wesentlicher Bestandteil in der Vita jedes Märtyrers.

Wer sind denn nun diese selbstlos klebrigen Früchtchen, die sich nichts weniger als die Rettung des Planeten auf ihre Fahnen schreiben und gleichzeitig das Überleben der Menschheit sowie das eigene Verschwinden thematisieren? Laut eigener Aussage geht es ihnen vor allem darum, den „fossilen Wahnsinn“ zu stoppen. Das deckt sich im Prinzip mit den bereits seit langem etablierten grünen Forderungen nach erneuerbaren Energien. Der Feind ist bekannt, er heißt CO2, auf ihn mit Gebrüll! Sehr zum Ärger der Regierungs-Grünen will sich die „Letzte Generation“ aber partout (noch) nicht ins politische Establishment assimilieren lassen und bleibt trotzig auf jenem Asphalt kleben, über den auch die Panzer von Annalena in Richtung Kiew rollen sollen.

Immer wenn sich eine Bewegung anmaßt, für eine ganze Generation zu sprechen, sollte man stutzig werden – handelt es sich dabei zahlenmäßig doch meistens nur um eine aufgekratzte Minderheit, deren Agenda per ideologischem Trickle-Down-Effekt beim Großteil der Gleichaltrigen maximal noch als Zitat auf einem Aufkleber oder Kühlschrank-Magneten haften bleibt (billiger pun number one). Bei der nicht wirklich neuen Agenda der „Letzten Generation“ fragt sich außerdem, was eigentlich aus den vor Corona noch recht umtriebigen Bewegungen wie „Fridays For Future“ oder „Extinction Rebellion“ geworden ist.

Handelt es sich hier vielleicht nur um ein klassisches Rebranding, so wie Raider irgendwann Twix hieß und die Firma Facebook neuerdings Meta? Oder sind sich die diversen Klima-Gruppen mittlerweile untereinander nicht mehr grün (billiger pun number two) oder gar so zersplittert wie einst die Reste der Occupy-Bewegung ?

Die Idee einer „letzten Generation“ setzt sich derweil längst über die Straße hinaus auch in anderen denkwürdigen Statements fort. Neben dem Straßenverkehr ist nämlich auch der Geschlechtsverkehr ein Problem, zumindest der ungeschützte. Schon bieten sich tapfere junge Deutsche an, den eigenen Stammbaum einer moralisch höheren Vorstellung von Nachhaltigkeit zu opfern. Sören-Nepumuk (24) lässt sich die Samenleiter durchtrennen und auch Lara-Sophia (28) möchte keine Kinder in eine fossile Zukunft setzen. Kinderlosigkeit fürs Klima ist der neue heiße Scheiß: Aussterben fürs Weiterleben!

Man erinnere sich an die öffentlichen Klagen junger Akademikerinnen über die Unmöglichkeit einer Familienplanung, so lange ist das noch gar nicht her. Jetzt können sie es als Klima-Aktivismus verkaufen und müssen dazu nicht mal ihren Hintern auf eine kalte Autobahn tackern. Natürlich lacht sich China und der Rest von Asien schlapp über das egozentrische Weltrettungs-Getöse westlicher Aktivisten. Die nehmen uns sowieso nicht mehr ernst. Je früher wir aussterben, desto besser für sie. So lange gilt: C’est la vie (bzw. „Zhè jiùshì shēnghuó“ auf chinesisch) – kleben und kleben lassen!

Der unvergessene Karl Kraus hatte die Aufführung der „letzten Tage der Menschheit“ seinerzeit einem „Marstheater“ zugedacht. In Berlin finden diese nun in einer ehemaligen Fabrikhalle der Siemensstadt statt, also dem hauptstädtischen Äquivalent einer Marslandschaft. Den düsteren Prognosen der „Letzten Generation“ zufolge wird es sehr bald wohl überall so aussehen. Entsprechend wird das Publikum gebeten, flaches und bequemes Schuhwerk zu tragen. Zur Spielstätte gelangen Sie aus der Innenstadt am schnellsten über das Neubauviertel Europacity und die nördliche Umfahrung des Stadtteils Moabit. Laut ADAC liegt die Wahrscheinlichkeit festklebender Aktivisten auf dieser Strecke bei unter zehn Prozent. Kommen Sie gut durch!

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