In Hashtaggewittern

Hallo, wir sind’s wieder, die kriegerischen Deutschen! Und unser neuer Aluhut ist der gute alte Stahlhelm. Eine kurze Geschichte des teutonischen Bellizismus – unter besonderer Berücksichtigung der Grünen. 

Von Oliver Buchal

Als das letzte Mal Nationalflaggen von deutschen Kirchtürmen wehten, schämte sich der Klerus hinterher

Der Aggressor war besiegt, seine Städte zerstört, seine Soldaten erschossen oder gefangengenommen. Stunde Null. Was nun? Wie umgehen mit diesem größenwahnsinnigen Volk, das sich nichts weniger vorgenommen hatte, als erst Europa und dann den Rest der Welt zu unterjochen? Endgültig plattmachen wäre eine Möglichkeit. Zurückbomben in die Steinzeit. Die so geschaffene Wüste zu einer neutralen Zone erklären, streng bewacht natürlich, auf dass sich nicht doch noch irgendwo ein paar Nazis zombiehaft durch den Sand zurück an die Oberfläche bohrten. Bei denen konnte man wirklich nicht vorsichtig genug sein!

Jahrzehntelang hatten sich die Deutschen über Kriege definiert. Gedemütigt von den Konsequenzen des ersten Weltkrieges, stürzten sie sich umgehend in den nächsten und verwandelten den Kontinent innerhalb kürzester Zeit (fleißig und effektiv, wie sie nun mal waren) in das wahrscheinlich größte Schlachthaus der Menschheitsgeschichte. Krieg, das war für die Generation der um 1900 bis 1920 geborenen Deutschen das, was für ihre Enkel und Urenkel später einmal Drogentrips in Partykellern oder Extremsport-Urlaube in Neuseeland werden würden: eine Bewährungsprobe, ein Rausch, das ultimative Erlebnis. So das Versprechen.

„Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschüttert vom Grauenhaften seiner äußeren Gestaltung, so wird er späteren Generationen vielleicht erscheinen wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als großer Gedanke, der Nacht und Blut überstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rührung an uns zurückdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefühle, die unsere Brust durchzuckten, als wir im Dunkel durch brüllende Wüsten irrten“, schrieb Ernst Jünger 1921 im Vorwort zu „In Stahlgewittern“. Ich gestehe, dass ich mich etwas schwer tue mit derart poetischen Bildern. Wie überstrahlt ein Gedanke Nacht und Blut? Was genau will Jünger uns damit sagen? Groß ist der Gedanke an den Krieg jedenfalls bis heute, das hatte er damals schon richtig vermutet. Auch wenn es weniger Jüngers Stahlgewitter waren, sondern eher der spätere, zweite Weltkrieg, der die Deutschen bis heute nicht mehr loslassen sollte.

Don’t mention the war? Keine Chance. Der Krieg ist immer da, eingebrannt ins kollektive Gedächtnis, als ständige Mahnung und neurotische Dauer-Referenz. Und mit ihm der untote Führer, das ultimative deutsche Gespenst. Es spukt und spukt: Wenn Olaf Scholz heute fäustefuchtelnd eine Rede zum Ukraine-Krieg hält, stellt ihm ein Witzbold auf Twitter natürlich umgehend die Aufnahme einer Hitler-Rede zur Seite. Wir kommen nicht von ihm los. Ich bin Hitler, du bist Hitler, wir sind alle Hitler. Dabei wollten wir doch eigentlich alles anders machen: friedlicher werden, unsere Schuld eingestehen, Kränze ablegen, nur noch gute Absichten, gute Ratschläge und gute Autos in die Welt entlassen. Und ganz nebenbei auch wieder ein paar Waffen exportieren, zugegeben, aber nur zu friedlichen Zwecken. Wo sollen wir denn sonst auch hin mit all dem schönen deutschen Stahl?

Zurück zur Stunde Null. Das mit dem Zurückbomben in die Steinzeit hatten sich die Siegermächte 1945 dann doch noch einmal überlegt. Stattdessen stutzen sie nur die Grenzen ein wenig zurecht, teilten den Rest unter sich auf und erklärten Deutschland zum Zentrum eines neuen, diesmal kalten Krieges. Der westliche Teil wurde per Marshallplan aus Washington wirtschaftlich wieder hochgepäppelt. Im Osten wurden dagegen erst einmal große Teile der noch nicht komplett zerstörten Industrie in die Sowjetunion abtransportiert, die, gemessen an der Zahl der Toten, immerhin am meisten unter den Deutschen gelitten hatte.

Dafür schickte Moskau ein paar deutsche Widerstandskämpfer aus dem Exil zurück nach Ostberlin und ließ sie dort ein kleines sozialistisches Testlabor errichten, das vorerst aber nur mit markigen Parolen beworben werden konnte, während sich am Kudamm schon wieder die Schaufenster füllten. Dadurch allein ließen sich die Deutschen aber noch nicht zu friedlichen Europäern umerziehen. Also wurden sie gleichzeitig in Militärbündnisse eingegliedert, an die sie künftige Konflikte einfach hochdelegieren konnten: die Geburtsstunde einer neuen deutschen Harmlosigkeit – bei gleichzeitiger Aufrüstung.

Zur Harmlosigkeit gesellte sich die Niedlichkeit. Irgendwann stand ein kleiner Junge neben Udo Lindenberg auf der Bühne, sang „Wozu sind Kriege da?“ und alle waren zu Tränen gerührt. Ja, Krieg war plötzlich wieder Angst-Thema. Ein Thema für die Massen, das ein Jahr später auch endgültig in den Hitparaden angekommen war. 1982 gewann die 17-jährige Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ den Grand Prix der Schlagerkunst und wurde so zum adretten Aushängeschild einer immer populärer werdenden Friedensbewegung: „Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln mein Lied und hoffe, dass nichts geschieht …“ In dieser Zeit kamen bei den westdeutschen Ostermärschen bis zu einer Million Menschen zusammen, Pazifismus wurde zum bürgerlichen Konsens. Ganz vorne dabei eine neue Partei: die Grünen.

In der DDR wurde das Thema Krieg und Frieden dagegen von Anfang an von staatlicher Seite einkassiert. „Bewaffneter Friede“ lautete hier die offizielle Botschaft, nach jenem gleichnamigen Gedicht von Wilhelm Busch, das die jungen Pioniere schon in der Unterstufe auswendig lernten: „Und also bald macht er sich rund, zeigt seinen dichten Stachelbund, und trotzt getrost der ganzen Welt, bewaffnet, doch als Friedensheld.“ Pazifisten störten da nur. Wer beim Tragen von „Schwerter zu Pflugscharen“-Stickern erwischt wurde, durfte sich mit der Stasi unterhalten. Und wer pazifistische Flugblätter verteilte, wanderte direkt in den Knast. „Das ist also euer Arbeiterstaat. Ihr seid nicht besser als die Nazis“, ließ Heiner Müller eine seiner Theaterfiguren schon in den Fünfzigerjahren feststellen. Im Westen saßen zu dieser Zeit längst wieder die alten Nazis in den Ämtern.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 blieb der grundsätzlich friedliche Konsens zunächst bestehen. Schließlich hatte man Gorbatschow doch vor lauter Dankbarkeit versprochen, die NATO nicht einen Fußbreit weiter nach Osten zu bewegen, ganz großes Ehrenwort. Ein paar Atomsprengköpfe ließ man noch im Lande, ansonsten aber: Friede, Freude, Eierkuchen in Europa. Nie wieder Krieg! Ganze zehn Jahre dauerte es dann bis zur großen „Zeitenwende“. Für alle danach Geborenen sowie für ältere Menschen ohne Gedächtnis kam diese Wende natürlich erst Anfang 2022 und ging von Putin aus. So hat es ihnen Fäustefuchtel-Olaf doch erst kürzlich noch erklärt.

Die ukrainische Agentur für Arbeit meldet neue Stellenangebote in der Rüstungsindustrie

Aber nein, liebe Kinder und Demente, das konnten wir schon ganz alleine, das mit dem Tabubrechen: Schon 1999 nämlich haben wir wieder bomben lassen, im Kosovo. Wir haben uns wieder eingemischt, Krieg gespielt und ein paar Grenzen neu gezogen, selbstverständlich für die gute Sache. Wieder ganz vorne mit dabei: die Grünen – bewaffnet, doch als Friedensheld. Damals wurde der erste grüne Außenminister Joschka Fischer für die deutsche Kriegsbeteiligung noch von Kritikern aus den eigenen Reihen mit einem Farbbeutel attackiert. So viel Dissens hat die grüne Führungsspitze von heute längst nicht mehr zu befürchten.

Der Wandel dieser Partei von einer ehemaligen Öko-Bewegung mit pazifistischem Selbstverständnis zu den Olivgrünen mag hier exemplarisch für das aktuelle Verhältnis der Deutschen zum Thema Krieg stehen – irgendwo zwischen ewiger Schuld, Vergesslichkeit, hohlen Worten und Bündniszwängen. Er ist aber vor allem auch ein Musterbeispiel für die moralische Korruption politischer Parteien in der maximal denkbaren Endstufe. Noch im Wahlkampf 2021 versprachen die Grünen ein Exportverbot für Waffen in Kriegsgebiete; heute können ihnen die Lieferungen in Richtung Kiew gar nicht schwer genug sein.

So ist das wohl, wenn man in „Verantwortung“ steht. Seltsamerweise sitzen die Grünen immer ausgerechnet dann in der Regierung, wenn es wieder einmal um den Einsatz von Kriegsgerät geht. Gleichzeitig weiß jeder Mensch mit einem IQ über 25 natürlich, was von Wahlkampfversprechen ganz grundsätzlich zu halten ist. Die Grünen stehen mit ihrer Moralakrobatik also nicht allein auf dem politischen Feld, dennoch überrascht auch hier wieder einmal das Tempo und der Ehrgeiz im Entsorgen der eigenen Ideale.

Vierzig Jahre ist es jetzt her, dass die erste Generation dieser Partei gegen die Stationierung von NATO-Raketen in Europa protestierte. Deren Erben stehen inzwischen ebenso stolz wie geschlossen auf transatlantischen Schultern, wie Joschka Fischers Nachfolgerin im Auswärtigen Amt erst kürzlich nach dem Tod von Madeleine Albright noch einmal bekräftigte. Nicht alle Nachrufe auf Frau Albright fielen so positiv aus wie der von Annalena Baerbock. Ihre rührenden Worte kamen aber nicht von ungefähr, denn es war gerade die Fischer-Albright-Achse, welche die neue NATO-Freundlichkeit der Young Global Nachhaltigkeits-Leader vorbereitet hatte. 

Auf der Webseite von Fischers Beratungsfirma heißt es noch heute: „Mit der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright verbindet Joschka Fischer eine enge Freundschaft. Ihr Beratungsunternehmen, die ‚Albright Stonebridge Group‘ in Washington D.C (…) pflegt mit uns eine exklusive Partnerschaft.“ So ein geostrategischer Kaffeeklatsch in Washington ist eben doch gemütlicher, als sich mit Wasserwerfern oder Farbbeuteln beschießen zu lassen. „Transatlantisch? Traut euch!“ tönt es auch aus der grün grundierten Heinrich-Böll-Stiftung. Jetzt, wo Trump nicht mehr stört, flutscht es wieder im Verhältnis mit den Amerikanern. Währenddessen rotiert Petra Kelly schneller in ihrem Grab als eine herkömmliche Dampfturbine. Ist das schon die Energiewende? 

Jetzt aber mal halblang, ruft da das 21. Jahrhundert in die Runde, kommen Sie doch bitte mal in der Gegenwart an! Haben nicht auch die Deutschen und ihre Parteien das Recht, ihre Positionen zu überdenken und einer sich ständig ändernden Welt anzupassen? Außerdem herrscht Krieg. KRIEG! Da müssen wir doch helfen, eingreifen, Verantwortung übernehmen, aufräumen, mal richtig feucht durchwischen und die Freiheit verteidigen! Das hat doch am Hindukusch auch schon sehr schön funktioniert. #standwithukraine. Stehen Sie mit bei! Machen Sie mit! Und hören Sie gefälligst auf, so frech herumzumeckern, Sie elendiger Lumpenpazifist!

Unpopulärer Einwurf: Pazifismus in Friedenszeiten zur Schau stellen, das kann jeder. Den gibt es gratis zum Mitnehmen, inklusive Aufklebern, T-Shirts und Hashtags. Die wahre Bedeutung des Begriffs erweist sich erst in Kriegszeiten. Dann zeigt sich, wer wirklich an Deeskalation interessiert ist. Und ob Sie es glauben oder nicht: So sehr hat sich die Welt gar nicht geändert. Das Spiel ist eigentlich immer noch dasselbe. Krieg ist noch immer der Vater aller Dinge: gleichzeitig Tötungsmaschine, Fortschrittsbeschleuniger, Grenzverschieber und immer auch wieder Bewährungsprobe für neue Generationen an Soldaten, ob unterm Stahlhelm oder nur an der Tastatur. Das einzige, was regelmäßig angepasst wird, sind Definitionen und Deutungshoheiten, im Neusprech als Wordings und Framings bekannt.

Seit Beginn von Putins Invasion läuft auch die Propaganda-Schlacht wieder auf Hochtouren. Auf deutscher Seite reichen sich hier der Wille zum grünen Endsieg und eine aufgekratzte Cancel Culture die Hand: Vaterlandsverräter, wer jetzt noch die Donkosaken hört! Russenliebchen, wer sich dem Boykott verweigert! Nazi, wer zu viel duscht und vom Frieden schwurbelt!

Vaterlandsverräter, wer jetzt noch die Donkosaken hört! Nazi, wer zu viel duscht und vom Frieden schwurbelt!

Die wichtigste Waffe in dieser Schlacht heißt natürlich Twitter. Entsprechend groß war die Schnappatmung, als nun die Nachricht von einer möglichen feindlichen Übernahme durch Elon Musk die Runde machte. Der windige Unternehmer hatte sich nämlich vorher nicht mit der Bundesregierung und den von ihr eingebetteten Redaktionen abgesprochen. Ein unerhörter Vorgang! Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder einfach so unbeaufsichtigt durch die Gegend meinen und tweeten darf? Denn heute gehört uns Deutschland und morgen das ganze Netz! Tatsächlich erleben wir damit eine geistige Bankrotterklärung epischen Ausmaßes, denn offenbar sehen die neuen deutschen Meinungskrieger einen privat betriebenen Gratis-Zwitscherdienst aus Kalifornien noch immer als wirkungsmächtiger für die Verteidigung  der Demokratie als ihre eigenen milliardenschwer gepamperten Sendeanstalten.

77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist dieser in der Gestalt des bösen Wladimirs für die Deutschen wiederauferstanden, diesmal als Hitler und Stalin in Personalunion. Die perfekte Projektionsfläche, um endlich reinen Tisch zu machen im kollektiven Oberstübchen. Unseren bislang eher verschämt zurückgehaltenen Nationalismus können wir nun bequem auf die Ukrainer verlagern: Kein deutscher Balkon, kein Kirchturm mehr ohne blau-gelbe Beflaggung!

Und unsere einstigen Opfer sind jetzt die Täter, besser hätte es gar nicht kommen können. Die Russen vergewaltigen auch wieder, so wie sie damals unsere Frauen geschändet haben während der Befreiung. Endlich können wir die Sache mal beim Namen nennen, Rache für Oma Erna! Vielleicht sehnt sich Deutschland aber auch einfach nur nach einer neuen Stunde Null. Daher auch das mutige Bekenntnis zum Einsatz von Atomwaffen: Einfach mal wieder neu anfangen nach dem ganze Mist, das wär’s doch! Auferstehen aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, klimaneutral, gerecht, demokratisch, fair… 

Die nächste Bunker-Regierung wird Ihnen dann schon rechtzeitig erklären, was diesmal so angesagt ist. Bleiben Sie am Draht!

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4 Kommentare

  1. Wahre Worte und – ich werde auch nicht müde, dies zu betonen – eine völlige Umkehr der parteipolitischen Landschaft, hierzulande und auch im Ausland. Asow-Nazis haben plötzlich einen anderen Stellenwert, und alles, was zuvor kritisch beäugt worden war, wird jetzt wieder einkassiert. Von Nazis zu Nationalisten/Patrioten geläutert worden. Die linke taz lässt eine antisemitisch geprägte Autorin sprechen. Unglaublich. Schwarz ist weiß, und umgekehrt. Selbstverletzung wegen Putin, kollektive Verzichtsappelle wegen Putin, Frieren, Hungern und wasweißich gegen Putin. So viel Selbsthass und falscher Stolz, mit der Moral mit Spiegelungseffekt hintendran, und jeder muss mitmachen. Wenn nicht… sehen wir ja in den letzten zwei Jahren sehr deutlich.

    More to come, da werde ich mich mal mit dem Thema Schuld auseinandersetzen.

  2. Super Text. Schön pointiert geschrieben und mit allerlei Querverweisen gespickt. Es ist wirklich irre, was allein in der letzten Dekade hier passiert.

  3. Soviele wahre Worte. Diese Kriegslust bei fast allen Journalisten im öffentlich rechtlichen macht mich sprachlos. Und das niemand sieht, welche Mechanismen hier wirken. Jetzt müsste „nie wieder“ oder „wehret den Anfängen“ eigentlich Wirkung zeigen – tut es aber nicht mehr.

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