Die „fünfte Jahreszeit“ ist da – und findet nicht statt. Erst die Weihnachtsmärkte, dann das Silvesterfeuerwerk, jetzt der Straßenkarneval, und raten Sie mal, was mit dem Osterurlaub passiert. Dumm nur, dass selbst danach keine Rückkehr zu einer lebenswerten Gesellschaft in Sicht ist. Aber gewählt ist gewählt.

Helau und Alaaf! Ta-taaa, ta-taaa, ta-taaa! Kamelle! Rosenmontag! Nicht wahr, das ist dieses Jahr komplett an Ihnen vorbeigegangen. Weil: fällt aus. Ebenso wie der Aufstand gegen das Bespaßungsverbot in den „Karnevalshochburgen an Rhein und Main“. Dieses Jahr ziehen die rebellischen, anarchischen Narren vom Dienst also nicht wie eh und je mit ihren Angela-Merkel-Pappmaché-Prunkwagen durch die Stadt. Wo immer „Mutti“ dransteht, und das ist dann jecke Gesellschaftskritik mit Augenzwinkern: die Kanzlerin als Mutti der Nation.

Keine Angst, ist ja liebevoll gemeint. Den Zorn der Mächtigen herausfordern würden unsere Prinzen und Jungfrauen nicht. Schon beim Adolf sind die hauptamtlichen Humorverweser nur über diejenigen wirklich böse hergezogen, die ihnen nicht gefährlich werden konnten. Da hielten sie das Grundrecht des frechen und freien Wortes hoch, da kannten die nichts. Aber wenn heute natürlich die Kanzlerin sagt: „Husch!“, dann trollen sie sich – husch, husch – ins Körbchen. Hier, dieses Zitat noch zum Thema, aber dann ist auch gut mit dem saisonalen Elend:

Man kann doch auch ein Buch über Karneval lesen.

Henriette Reker, Oberbürgermeisterin von Köln, gibt im WDR-Fernsehen Tipps zum Jecksein in den Zeiten von Corona

Ich habe ja meinen inneren Frieden mit dem Land des abgesagten Lebens gemacht. Wenn man endlich akzeptiert, dass ringsherum jetzt dauerhaft eine Mischung aus Depression, zielloser Manie, griesgrämiger Fügung sowie kompletter Hilf- und Perspektivlosigkeit herrscht, dazu ein langsam zum Sturm auffrischender Hauch existenzieller Verzweiflung, und trotzdem tausendfach gestorben wird, vor allem in Alten- und Pflegeheimen, also bei den zu schützenden „Risikogruppen“, die offensichtlich überhaupt nicht geschützt werden – dann kehrt plötzlich eine innere Ruhe ein. Und man wendet sich den inneren Kulturlandschaften zu, die man einst bereiste wie Goethe Italien.

Was höre ich, Lockdown bleibt? Nächster, noch schärferer Lockdown kommt? Reiseverbot? Beherbergungsverbot? Versammlungsverbot? Illegale Kindergeburtstage? Home Office? Home Schooling? Ladensterben? Kultur-Armageddon? Sozialkollaps? Selbstmordrekordzahlen, peinlich beschwiegen?

Neinnein, das ist schon alles in Ordnung, angesichts der Alternative! Muss doch sein! Da muss man durchregieren. Ist doch Pandemie! Eine Pandemie wie diese kann man nur mit großräumiger Sperrung, Schließung und Bestrafung, mit Denkverboten und YouTube-Löschungen und Ausgrenzung in den Griff kriegen. So, wie’s die Chinesen tun, und die sind schließlich die Erfinder von Corona.

Auf gar keinen Fall mit offenem Diskurs an die Sache herangehen, mit ideologiefreier Debatte zur Ermittlung bestmöglicher Lösungen, Anhörung von Sachverständigen aus allen möglichen Lagern, phantasievollen Lösungen, Mut zu neuen Wegen, gezieltem Schutz der Alten und Schwachen bei weitgehender Schonung der Jungen und Starken, eigenverantwortlichem Handeln und – least of all – Augenmaß.

Nichts da, hier ist Deutschland. „Durchgreifen“ ersetzt hier allemal gesunden Menschenverstand. Also bitte regiert mich. Dirigiert mich. Beherrscht mich. Macht langsam Milchreis aus mir. Dafür zahl ich doch meine letzten Steuern, dass jemand Macht über mich ausübt und mir vorschreibt, was ich zu tun habe und vor allem was nicht. Bitte schwört mich auf noch härtere Zeiten ein, die noch länger dauern werden. Das euphorisiert mich nämlich total, Frau Bundeskanzlerin, dann wähl ich Ihren Haufen auch bestimmt beim nächsten Mal. Weil ich mir das merke. Und wer die strengsten Maßnahmen durchzieht, wird mein nächster Kanzler. Übrigens, aus neun von 16 Bundesländern wurden inzwischen Unregelmäßigkeiten bei der Impfreihenfolge gemeldet, sprich: Vetternwirtschaft und Vordrängeln. Frau Staatssekretärin, Sie waren doch noch gar nicht dran?

Ach komm, jetzt machen wir einfach mal einen crazy Lockdownspaziergang. Haben Sie auch gerade gestern erst gemacht, nicht wahr, Leser? Und vorgestern. Und vorvorgestern. Denn was wäre sonst zu tun, als auf halbvereisten Schneerestewegen durchs Viertel zu rutschen und dabei einen lauwarmen To-Go-Kaffee zu schlürfen. Alle Mülleimer quellen über vor To-Go-Bechern. Endzeit alaaf, hihi. Oder das hier:

Die neue Turnhalle in unserer Straße. Eröffnet irgendwann im Mesozoikum. So sah das also aus, wenn die ersten Menschen gesellig waren, wenn sie Vereinssport trieben. Auf diesen Höhlenzeichnungen, angefertigt vor gefühlten 40.000 Jahren angefertigt, sehen wir unsere Vor-Vorfahren, wie sie arg- und maskenlos durch die Gegend tollen. Lauter keuchende Mit- und Gegenspieler im Nacken, die man sich hier dazudenken muss. Mannschaftssport, Mann, Mann, Mann! Muss man sich vorstellen: mehr als einer zur Zeit am selben Ort! Dazu die Fan-Gesänge von den Rängen, oleeee, oleeeee, ole-ole-oleeeee, immer wieder, Eff-Zeh! Hach, schön. Es waren einfachere Zeiten.

Was, schon so lange? Das sind ja … sind ja … Moment … acht hin, fünf im Sinn … zirka zwei Jahrtausende Lockdown! Kinder, wie die Zeit vergeht! War das eigentlich, bevor oder nachdem jede dritte Kaufhof-Karstadt-Filiale für immer dichtgemacht hat? Vor oder nach dem Quasi-Exitus von Lufthansa? Hatte Amazon da erst 50 oder doch schon 70 Milliarden zusätzlich an der Pandemie verdient? Und die Apple-Aktie: War das beim dritten oder dreizehnten Rekordstand?

Haben Sie schön gehort: iPads sind ausverkauft. Wegen einer ganzen Generation von Schülern und Studenten, die seit Monaten alltäglich das virtuelle Schmalspurbildungsprogamm bekommen. Auch ausverkauft: Acrylfarben sowie Leinwände, fertig auf Keilrahmen aufgezogen. Ja klar, die Menschen sitzen zuhause und langweilen sich einen Ast. Tausende Chöre zum Beispiel dürfen seit fast einem Jahr nicht singen, weil man dabei heftig atmet. Also was tun? Malen. Okay, das gilt nur für die zehn Prozent, die noch wissen, was Kreativität ist. Die übrigen haben jetzt endgültig alle Netflix abonniert. Und dazu gibt’s jeden verdammten Abend Tatort-Wiederholungen. Ich weiß das, ich hör die Titelmusik durch die Decke. Gangster! Kommissare! Aufregend. So viele bunte Bilder, und sie bewegen sich alle.

Überhaupt: Big Media und Big Tech haben gewonnen, für immer. Denn die Politik ist jetzt im Bunde mit dem Silicon Valley, und das Silicon Valley mit der Politik. Beginnt sich auszuzahlen, Modell China lässt grüßen: kontrollieren, spionieren, manipulieren, zensieren, regulieren, separieren, kanalisieren, aber dafür bieten wir dem Pöbel ein Mords-Unterhaltungsprogramm. Auf dass er sich, von aller Welt sozial isoliert, langsam zu Tode entertaint. Und die paar Rebellen, die das partout nicht mitspielen wollen, nun, siehe oben: kontrollieren, spionieren, manipulieren, zensieren …

Denn wenn wir ehrlich sind, profitieren ganz leise halt doch recht viele von der Pest. Neben Big Tech zum Beispiel Big Pharma. Streaming- und Videoplattform-Anbieter. Versicherer, die von Verunsicherung immer profitieren. Betreiber von elektronischen Abrechnungsdiensten, die eine Alternative zum lebensbedrohlich keimverseuchten (und schwer nachverfolgbaren) Bargeld versprechen. Aber auch alle, die schön staatsversorgt und aus öffentlichen Mitteln durchfinanziert im „Home Office“ sitzen und in der Nase bohren, in den riesigen Ameisenheeren der immer weiter aufgeblähten Verwaltungs- und Beamtenapparate. Während ringsum alles in Scherben fällt.

Kommen nach dem Kollaps von Dienstleistungssektor und Staatsfinanzen eigentlich auch noch Steuergelder rein, um die zu alimentieren? Und um zum Beispiel mit der dicken, fetten Gießkanne den Einzelhändlern alle Winterklamotten zu 90 Prozent zu refinanzieren, die sie vor dem Lockdown auf Lager bestellt haben und nun nicht in der Saison verkauft bekommen? Allein dieser nur eine Branche erfassende Versuch einer Bürgerkriegsvermeidung kostet uns zusätzlich geschätzte zwölfzig Zilliarden Euro – und die Klamotten werden am Ende vermutlich nach Ostasien verklappt.

Ach, bestimmt sind noch Steuermittel da. Irgendwer arbeitet sicher noch produktiv, obwohl nahezu alle Märkte derzeit mit Corona-Klauseln stranguliert werden. Sonst drucken wir einfach Geld! Heute, wo die Geldschöpfung voll digital geht, brauchen wir nicht mal mehr Druckerpressen anzuschmeißen. Neulich war da diese taz-Wirtschaftsredakteurin, also eine ausgewiesene Top-Expertin, die argumentierte, Staatsschulden würden ohnehin nie zurückgezahlt. Und damit gut. Problem gelöst.

Es ist sicher naives Wunschdenken angesichts der nicht viel intelligenteren Pandemie-Reaktion in anderen „offenen“ Gesellschaften, aber: Vielleicht wäre ja alles ein wenig anders gekommen, wenn die Deutschen nicht treudoof seit 15 Jahren – fünfzehn Jahren! – immer dieselbe Regierung mit domestizierter Pseudo-Opposition gewählt hätten. Auch Große Koalition genannt und schon zu Beginn, 2005, nur als allerkleinster gemeinsamer Nenner zustandegekommen, aus Angst des Establishments vor der nächsten Krise und echter demokratischer Streitkultur.

Ahnen Sie auch nur, was für Lobbyistenzirkel, Seilschaften, Hinterzimmerrunden und Nepotismus-Bataillone sich formieren, wenn man ein und dieselbe Regentin anderthalb Jahrzehnte lang machen lässt? Sie ahnen nicht mal die Hälfte. Bald wird in diesem Land eine Generation volljährig, die unter Merkel geboren wurde. Kabinett Merkel I, Kabinett Merkel II, Kabinett Merkel III, Kabinett Merkel IV. Jeweils vier volle Jahre lang. Und von diesem vollständig abgehalfterten und ausgelutschten Machtapparat und seinen dauerhysterisierten Medien möchten Sie nun mit pfiffigen und situationsgerechten Methoden durch die Corona-Krise geleitet werden? Nach den Ergebnissen von Griechenlandkrise, Weltwirtschaftskrise, Fukushimakrise und Migrationskrise? Nein, Entschuldigung: Dieses Land ist beim Demokratietest ebenso krachend durchgefallen wie damals bei PISA.

Jetzt tun Sie sich sich aber mal was Gutes und reisen Sie ganz spontan nach New York. Also bei Google Earth natürlich nur. Da kriegen Sie kostenlos sogar einen virtuellen Stadt-Rundflug in 3D. Brumm, brumm! Besser wird das nicht mehr, jedenfalls nicht in Ihrem Leben. Ach, Sie waren noch nie in echt da, in der großen Stadt jenseits des großen Teichs? Das tut mir leid. Und sorry, aber: Jetzt, wo in Person von Joe Biden da drüben endlich auch wieder verantwortungsbewusste Demokraten mit humaner, aber gerechter Hand regieren, wird’s auch so schnell nichts mehr damit.

Lernen Sie besser den Satz auswendig: „Die alte Normalität kommt nicht mehr wieder!“ Ja, was glauben Sie denn? Wer wollte denn dafür die Verantwortung übernehmen? Das Virus geht doch nicht einfach durch Drostens sorgenvoll gerunzelte Brauen, staatliche Voodoo-Zauberei oder Ihre übermenschliche Selbstkasteiung auf Null zurück. Null ist aber der Grenzwert, den die Politik für die Rückkehr zum Gewohnten stillschweigend und Stück für Stück etabliert. Und die Impfungen, wenn sie denn überhaupt gewuppt werden, hinken immer einen Schritt hinter der jeweils neuesten Mutation hinterher. Da können wir leider auf absehbare Zeit keine Entwarnung geben.

Nein, der liberale und tolerante Westen, zu dem Sie sich ja auch zählten, muss jetzt lernen, mit dem New Normal zu leben. Also mit Zuteilung, Hilfszahlung, Umverteilung, Maskenpflicht, Quarantänepflicht, (schlecht getarnter) Impfpflicht, Einreiseverbot, Ausreiseverbot, Rückreiseverbot, Beherbergungsverbot, Sondergenehmigung, Privilegien, Privilegien-Entzug … ups! Waren Sie etwa unartig? Da werden Sie wohl auf ein paar Annehmlichkeiten etwas länger als andere verzichten müssen. Aber vielleicht könnten Sie den Behörden ja einen Tipp geben, wer aus Ihrem Bekanntenkreis die Coronaverbote umgeht. Nur zum Zeichen, dass Sie es ernst meinen mit der Besserung. Es winkt eine Reise nach Italien für zwei Personen!

Falls Ihnen aber die unerreichbare Welt hinter vergitterten Schaufenstern derzeit wie ein nicht eingelöstes Glücksversprechen erscheint, während Sie täglich im Gleichschritt am Nasenring durch die Arena geführt werden: Tja. Das gute, alte Intershop-Feeling aus der DDR – jetzt erstmals auch für Westdeutsche dauerhaft & hautnah erlebbar.

Wissen Sie, was ich jetzt mache? Ich stoße jetzt mit einem guten Glas Milchreis an – auf die Kanzlerin, ein dreifach donnerndes: Mutti Alaaf! Kölle Alaaf! Endzeit Alaaf!

Ob ich wahnsinnig bin? Aber natürlich bin ich wahnsinnig! So wie diese ganze, wahnsinnige, unendliche Geschichte.

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