Antreten in Regenbogen-Uniform

Ein buntes Banner erobert den öffentlichen Raum. Es signalisiert Vielfalt und Toleranz, verkauft Produkte und Ideologien. Was es verschleiert, sind Einfalt, Intoleranz und Gleichschaltung. Was es verbietet, ist eine Frage: Wer profitiert von den fröhlich schillernden Tarnfarben?

Zunächst musste man einen Popanz erschaffen, einen Ghul, einen Leviathan, eine Hydra mit tausend nachwachsenden Köpfen: die dumpfe, braune Masse. Sie hat überall zu sein, unter jedem Stein zu lauern – außer dort, versteht sich, wo wir gerade sind. Natürlich ist sie uniformiert, so wie die Braunen von früher eben. Wenn nicht offensichtlich (böswillige Tarnung!), dann doch zuverlässig im Denken: Das bisschen Geist, das gerade für die basalsten zerebralen Funktionen langt, ist von einheitlichem Braun. Furchterregend gleichförmig. Ein Block, eine geschlossene Ork-Division des Bösen, von dunklen Mächten jederzeit in Marsch zu setzen.

Selten bekommt man eines dieser elenden Exemplare wirklich auf frischer Tat oder wenigstens hinterher zu Gesicht, aber jeder kann das Wesentliche auch so verstehen: braun, brutal, blöd & böse. Und außerdem gibt es diese „Einzelexemplare“ gar nicht. So wie es auch keine Einzeltäter gibt. Sie sind alle aufs Engste vernetzt. Dass sie keine Individuen kennt, ist ja gerade das Bezeichnende an der assimilierten braunen Masse. Zu der du (sicherlich?) nicht gehörst, aber der, der auch, der ganz bestimmt, und vielleicht sogar die.

Die Gewöhnung an dieses Narrativ erforderte einigen medialen Aufwand und eine gewisse Repetition, aber als es erreicht war, konnte man das Vielfaltsbanner entrollen: bunt, strahlend, fröhlich, harmonisch leuchtend. Die Gegenwelt. Die Erlösung. Wir sind anders. Wir sind mehr. Wir sind bunt und tolerant und: vielfältig. Über uns flattert jetzt das Regenbogenbanner. Und so, wie der Regenbogen sich über ein ganzes Tal breitet und dessen entlegenste Enden miteinander verbindet, können sich unter dieser Brücke nun alle zum ganz breiten Bündnis vereinen – bis hin zu den Extremsten im Spektrum des Sonnenlichts.

Wirklich alle? Nein, natürlich nicht. Der Regenbogen erlaubt an seinen äußeren Rändern nur das Violett (430 Nanometer Wellenlänge) und gegenüber das Dunkelrot (670 Nanometer). Niemand würde doch behaupten, zwischen Rot und Violett lägen Welten, gar unüberbrückbare Gegensätze. Stattdessen regiert im Regenbogen das Gemeinsame und Harmonische der Farben. Das ist Physik, das ist Wissenschaft, dagegen kann niemand argumentieren, oder er steht im braunen Bereich, außerhalb des Regenbogens, außerhalb der Naturgesetze. Gute, gütige, weise Mutter Natur!

Schlimm genug aber, dass jemand noch das Blau hineingemogelt hat! Moment – sind die vermeintlichen Naturgesetze nicht bloß ein normatives Konstrukt des Patriarchats? Vertrauliches Memo: Blau aus dem Regenbogen entfernen! Braun gab es noch nie darin. Blau dann hoffentlich ab morgen nicht. Und ab übermorgen vielleicht nicht mehr Gelb oder Grün, aber bis dahin ist es noch weit. Das, Kinder, müsst ihr euch heute noch nicht vorstellen können, was die Gesetzgeberin der Regenbogennaturgesetze erst übermorgen beschließen wird. Es hängt davon ab, welche Farb-Intoleranz die arme Mutter Natur bis dahin entwickelt.

Ein Hamburger Kulturzentrum hängte im Geiste des Regenbogens ein DIN-A-3-Plakat ins Fenster: „Stop! Bis hierher und nicht weiter!“ Darauf etwa 25 verschiedene Symbole, die man im Haus nicht dulden wolle, weder als Anstecker noch als Tattoos. Und als kleiner Disclaimer stand da noch „unter anderem“: Unter anderem diese 25 seien tabu. „Auch wenn du andere Abzeichen trägst, die nicht zu unserem Weltbild passen, wollen wir dich hier nicht haben!“ Nun aber tritt ein, wenn du sauber bist: Die bunte Vielfalt erwartet dich!

Die Vielfalt also. Auf sie können wir uns alle verständigen – solange sie keimfrei und pflegeleicht ist. In diesem Konsens steckt pure, wissenschaftliche Dialektik: These, Gegenthese, Syntese. Die These: Vielfalt ist, was uns eint! Die Gegenthese: Aber Vielfalt bedeutet doch gerade Uneinigkeit! Die Synthese der Wächter des Regenbogens: Uneinigkeit ist Einigkeit! Oder bist du vielleicht braun, dumpf, uninformiert, uniformiert? Na also! Jetzt reih dich ein, und Gleichschritt marsch!

Dass sie nun selbst eine Uniform tragen, die sie einengt und einnordet, merken sie nicht, die Vielfältigen. Warum, sie sind doch frei! Alles zu sagen, alles zu denken, alles zu tun – außer all das, was nicht opportun wäre unter dem Regenbogen. Zum Beispiel gegen Auswüchse der Vielfalt sein. Zum Beispiel dagegen sein, dass sich jemand im Namen der Vielfalt bereichert. Zum Beispiel für Blau im Regenbogen sein. Zum Beispiel nicht verstehen, warum einige vielfältiger belohnt werden als andere. Warum Politik nun für immer noch buntere und lautere Minderheiten gemacht wird, aber nicht mehr für die entscheidende Kenngröße der Demokratie: für eine Mehrheit, die sich irgendwie zusammenraufen muss.

Solche Gedanken stiften nur Unfrieden und Intoleranz. Dann lieber laut der Meinung Nachdruck geben, dass Manuel Neuer mit der Regenbogenbinde des Mannschaftskapitäns ein klares und mutiges Zeichen gesetzt hat – gegen Orbán (den finsteren Machthaber von weit, weit, weg), für LGBTQI+, gegen Braun, für Bunt! Bevor er dann ins Tor ging, vor dem Hintergrund der digitalen Regenbogen-Werbebande von VW („We drive diversity“), und noch etwas Sport trieb. Dass allerdings das Münchner Olympiastadion an jenem Tag nicht regenbogenbeleuchtet wurde, das war ein falsches Signal, das sich nicht wiederholen darf!

Denn die anderen setzen ja auch dieses Zeichen: die Hersteller, die Hotels, die Staatskonzerne, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Besitzenden, die Guten. Sie sind für Diversity, Vielfalt, Love & Peace. Sei du es auch! Frag nicht: Wem nützt es? Wer tarnt mit „Vielfalt“ nur seine Geschäftsinteressen? Wer sendet Tugendsignale, um Subventionen und Fördergelder abgreifen zu können? Wer will Widerrede im Keim ersticken? Wer hat insgeheim ganz enge Vorstellungen, wer alles nicht dazugehört? Und wer hat einfach nur Angst vor dem Shitstorm?

Wo der Regenbogen leuchtet, gehen wundersame Verwandlungen vor sich: Die Bahn befördert jetzt Menschen aller Art! Die Hotelkette gibt ihnen Obdach! Und der Kosmetikkonzern salbt ihre Hände! Wie toll ist das denn? Mit einem Schlag haben wir nicht mehr 1933. Plötzlich bricht eine ganze neue, ganz bunte, ganz liberale Zeit an. Wir alle sind für die liberale, vielfälige Konsumgesellschaft und Wertegemeinschaft, in der nicht zählt, was oder mit wem du konsumierst. Sondern nur, dass du es tust. Und keine Fragen stellst. Und nicht aus der Reihe tanzt. In deiner bunten Regenbogen-Uniform.

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