Preisfrage: Welche deutsche Insel zeigt dieses Foto? Antwort: natürlich Helgoland. Deutschlands einzige Hochseeinsel ist aus Gründen, die kein Mensch nachvollziehen kann, zoll- und mehrwertsteuerbefreit. Sie gehört somit steuerrechtlich nicht nur nicht zu Deutschland, sondern nicht einmal zur EU. Das hat für eine einzigartige Wirtschaftsstruktur gesorgt. Es ist ein wenig wie mit dem Kleinen Gallischen Dorf (TM), in dem die eine Hälfte der Bevölkerung Hinkelsteine haut und die andere Hälfte Wildschweine fängt, um die Hinkelsteinhauer zu ernähren, die wiederum mit Hinkelsteinen für diesen Service bezahlen.

Auf Helgoland bauen die Menschen Parfum, Schnaps und Zigaretten an. Jedes Geschäft bietet eine vollkommen identische Palette dieser Güter feil, der Abwechslung halber zusätzlich auch Schneekugeln sowie Plüschrobben.

Bringt der linke Nachbar dem rechten Plüschrobben auf den Teller, entlohnt der rechte den linken dafür mit Seife, wahlweise Bommerlunder, und zum Nachtisch gibt’s Schneekugeln. Beliebt ist auch der Austausch von drei Tosca-Fläschchen gegen eine Pulle Stroh-Rum. Alkoholtechnisch ist man dann in etwa auf dem gleichen Level und kann dem nationalen Lieblingshobby nachgehen, dem Rumgröhlen in nächtlicher Stille.

Denn Helgoland ist auch die stillste deutsche Insel. Man hat dort nicht nur Autos verboten, sondern sogar Fahrräder, sodass das geräuscharme nächtliche Funkeln der Sterne nicht einmal vom Quietschen schlecht geölter Tretlager unterbrochen wird. Sondern eben vom Rumgröhlen, das aber auf der Insel ein Anbetungsritual der allgegenwärtigen Schöpfung darstellt. Schon das Wort Helgoland kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet „Heiliges Land“. Die Wallfahrten dorthin hießen früher Butterfahrten. Die Einheimischen aber halten sich an zwei feste Regeln: 1. Wo eine Robbe ist, gibt es was zu essen. 2. Wo eine Flasche ist, gibt es was zu trinken – oder Parfum. Damit sollst du Handel treiben! Alles dazwischen ist von Übel (Festland).

So spielt sich denn das wirtschaftliche Leben auf Helgoland zwischen Ober- und Unterland ab. Die Warenströme werden dabei zum großen Teil über eine Freitreppe zwischen beiden Insel-Niveaus abgewickelt. Auf halbem Weg und halber Höhe steht ein Fahnenmast. Um die merkwürdigen Gäste aus dem fernen Europa zu begrüßen, hisst die Bevölkerung hier jeden Morgen die fremdartige Flagge.

Das heißt: Eine kräftige ältere Dame vom Balkan in einer Kittelschürze tut das. Ich weiß das, weil ich dabei war, als sie abends aufmarschierte, die Flagge wieder einholte und in eine EDEKA-Plastiktüte stopfte, mit der sie treppab nach Hause schlurfte. „Jeden Tag zweimal“, steufzte sie mir in den nicht vorhandenen Notizblock. Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben auf Helgoland. Man kann nur hoffen, dass zuhause eine Plüschrobbe auf die Dame wartete.

P.S.

Nun besteht aber Helgoland auch noch aus viel Rot, Grün und vor allem Blau – mit anderen Worten: aus ebenso unverkäuflicher wie entzückender Natur. Ein empfehlenswertes Hotel, um das herauszufinden, ist dieses. Dort gibt es zum Frühstück weder Robbe noch Tosca, sondern durchaus schmackhafte kontinentale Esswaren. Es müssen also versteckte Handelsströme mit diesem „Europa“ existieren, von dem man jetzt immer so viel hört.

Ein Gedanke zu „Ein Wochenende auf Zollfrei“
  1. […] Maximilian: I, II, III, IV; Fotos. Sven: Zu Besuch auf Helgoland, Akku aufladen, Felsen-Flausch, Schifffahrtsabenteuer, Hamburg-Berlin auf Helgoland; Fotos. Adelhaid: Tag eins, Tag zwei. Señor Rolando: Apart auf Helgoland, Von Zimmern und Farben. Markus: Reif für die Insel, Vögelfilm. Stefan: Erste iPhone-Bilder. (Ich ahne, dass da noch Sensationelles kommt.) Oliver: Kein Flausch, Ein Wochenende auf Zollfrei. […]

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