Fliesen, Kutschen, Zusatzstoffe – die Außenposten der deutschen Museumslandschaft jenseits von Bismarck, Beuys und Benz brauchen unsere Hilfe. Wo die nackten Fakten schwächeln, bessern wir einfach ein wenig nach. Diesmal: Backsteinmuseum Kloster Jerichow, 39307 Jerichow, Sachsen-Anhalt
Aus Backsteinen gemauert. Alles andere wäre auch schwer vermittelbar.

Das ist ein Ziegelstein, den kriegt kein Weltkrieg klein: gebrannt aus Brandenburger Havel-Ton. Wieso Brandenburg, wenn das Kloster Jerichow mit seinem Backsteinmuseum doch in Sachsen-Anhalt steht? Weil das nahebei ist. Liegt praktisch nur die Elbe dazwischen. Deshalb wurden seit 1840 in der Ziegelei Krahnepuhl bei Briest, das heute zum westbrandenburgischen Havelsee gehört, neben Backsteinen für die Gründerzeit-Fabrikbauten im Großraum Berlin auch die Ersatzziegel für das uralte Backsteinkloster Jerichow gebrannt.

Das ist ein typischer Brennkurvenverlauf über 48 Stunden im Garbrandbereich von 930 bis 950 Grad. Man beachte beim angenommenen Grenzwert der Aufheizgeschwindigkeit die Abweichungen zwischen dem prognostizierten Brennverlauf und den zulässigen extremen Brennkurven. Daraus ergibt sich zwingend: Ziegelbrand gehört in Meisterhand!

Das ist der Werksleiter des VEB Brandenburger Ziegelwerke Krahnepuhl, die 1969 im VEB Ziegelkombinat Potsdam, Sitz Zehdenick aufgingen. An ihm und seinem Bonbon am Revers kam niemand vorbei, wenn es um den idealen Grenzschutzwert der Aufheizgeschwindigkeit im Klassenkampf ging. Auf der politisch exponierten Position hielt er sich von 1954 bis 1972. Später dann Umbenennung in VEB Betonkombinat Potsdam, aber das war schon nach seiner Zeit. Niemand ist unersetzbar.

Das ist ein Paar Arbeitsschuhe für Maurer. Bekleidungssystematisch gehört es zur Gattung Holzpantoffel, hier indes mit Hochleder bekappt, im Unterschied zu Flachleder, kurz „Fleder“, das aus Fledermausflügelhaut gegerbt wurde. Typischerweise schützte dieses Schuhwerk den Maurer beim körperlich schweren und unfallgefährdeten Transport der Mörtelkiepe (Mörteltrage, siehe unten).

Das ist Maurermalerei. Gut zu erkennen links im Bild die Mörteltrage, gestemmt von den barfüßigen (!) Maurergesellen Max und Moritz, die auf trügerischem, stolperintensivem Panier unterwegs sind. Holzpantoffeln mit Hochlederkappe waren noch unbekannt oder aber dem volkseigenen Polier zu teuer. Fast so gut zu erkennen: die schildkrötenförmige fliegende Mörtelmuhme, die den beiden auf ihrem ohnehin schon beschwerlichen Weg zur maikäferförmigen Verbandmaurermeisterin noch eine zusätzliche Wolke Mörtelstaub aufbürdet. Die Meist’rin aber wartet ungeduldig auf Fugenmasse, wie immer nur das Ziegelwohl im Kopf!

Das ist ein regelmäßiger gotischer Verband. Deutlich hier der wiederkehrende Verbandbrandverlauf Läufer – Läufer – Binder. Dass beim Ziegelbrand aufgrund der Brandenburger Lehm-Ton-Unschärferelation immer genau dieses und nur dieses Muster entbrannte, war zwiefach gebenedeit: zum einen, da Gott für sein gotisches Kloster nach dem gotischen Verband verlangte, zum anderen, da niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten. Sie kam einfach schon fix und fertig so aus dem Ziegeleiofen.

Das ist eine Filzkappe für den Transport der Backsteine. Aus dem Filz entspann sich am Ende der Karwoche der berüchtigte Maurerbrauch des „steinernen Osternests“: Zum allgemein donnernden Ausruf der im Sonntagsstaat Versammelten: „Hoch lebe der Maurer mit dem staubigen Hut!“ (dazu unten mehr) trug der jeweils jüngste Lehrjunge auf seinem Kopfe das prall gebrannte Gelege des Maurerhasen zur Schau. Trudelte er und stürzte gar, so zersplissen die Ziegeleier unter dem Spottgeschrei der Zünfte, und der Lehrbub musste den Mörtel fressen. Derbe Sitten, aber im Einklang mit der klösterlichen Zucht.

Das ist Maurerlyrik. Kernig, kantig, kalkzerfurcht. Man beachte die fast tantrisch wiederholte Wendung „jung Mauermanns Blut“: Hier schwingt eine erotische Lust am Berufsleben, aber auch am Absaugen und Auspressen desselben mit; der Reim auf den „Maurer mit dem staubigen Hut“, vulgo den Tod, spannt das ganze Panoptikum der Existenz und ihrer ziegelhaften Brüchigkeit auf. Die seit der Bartholomäusnacht verschollene 4. Strophe des Gedichts gipfelte der Legende nach in dem derben Wortspiel „Mauerschütze / Schauermütze“, das indes während der dunklen Jahre des VEB Betonkombinats Potsdam aus den Annalen annulliert worden sein soll.

Das ist eine Maurerkelle.

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Aufenthaltsdauer im Museum: 7 Minuten, 18 Sekunden.
Highlight: Demonstrationsmodell einer Baurüstung aus den Jahren 1950-1975
Lowlight: Merkblatt zum Unfallschutz in einem VEB Kreisbaubetrieb
Crackerpoints: 3/10

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